Kultur : Lars von Trier will künftig schweigen

Regisseur in Dänemark polizeilich vernommen

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Ob das Berliner Stadtmagazin „tip“ in die Zukunft sehen kann? Seine aktuelle Titelgeschichte, ein lesenswertes Regie-Gespräch, kündigte es mit dem reißerischen Zusatz an, es sei das „endgültige Interview mit Lars von Trier“. Prompt kommt aus Dänemark die Kunde, der Filmregisseur habe entschieden, sich „ab sofort jedweder öffentlicher Statements und Interviews zu enthalten“.

Der Anlass ist allerdings ein anderer – und höchst ernsthafter Art. Am Mittwoch war Lars von Trier, der bei seiner mittlerweile legendären Pressekonferenz im Mai in Cannes anlässlich der „Melancholia“-Premiere mit dem krausen Bekenntnis „Okay, ich bin ein Nazi“ verwirrt und empört hatte, von der dänischen Polizei vernommen worden. Hintergrund sind Ermittlungen, die die Staatsanwaltschaft im südfranzösischen Grasse vor einigen Wochen gegen den Dänen aufgenommen hat. Der Vorwurf: Mit seinen provokanten Äußerungen, in denen er unter anderem ein gewisses Verständnis für Hitler im Führerbunker artikulierte, habe Lars von Trier womöglich Kriegsverbrechen gerechtfertigt und damit gegen die entsprechenden französischen Gesetze verstoßen.

Der Regisseur hat sich noch am Tag der Vernehmung durch die dänischen Behörden eigenmächtig zum Schweigen verurteilt. „Angesichts dieser schwerwiegenden Anschuldigungen“, so teilte er jetzt zur Begründung des selbstverordneten Maulkorbs mit, habe er begriffen, „dass ich nicht die Fähigkeiten besitze, mich unzweideutig auszudrücken“.

Man mag das, augenblicksweise erleichtert, als durchaus lichte Einsicht verstehen – oder auch abtun als neueste bizarre Pointe eines oft maßlos selbstinszenierungsbedürftigen Künstlers. Ohnehin gehören derlei Ankündigungen von Ewigkeitswert, zumal aus dem Munde von Filmregisseuren, nicht unbedingt auf die Goldwaage. Die Ermittlungen aber – nachdem bereits das Festival von Cannes den prominentesten dänischen Filmregisseur zur „Persona non grata“ erklärt hatte – zeigen erneut, dass auch die clowneskeste Auflehnung von Künstlern gegen gewisse Tabus Grenzen hat. Lars von Triers unnötig radikale Konsequenz daraus hat allerdings einen bitteren Beigeschmack: Sie erinnert daran, dass etwa regimekritische iranische Filmemacher wie Jafar Panahi oder Mohammed Rasoulof derzeit ganz andere Sorgen haben. Dort ist es der Staat, der ihnen jede Interviewäußerung verbietet. Und das Filmemachen selber. Jan Schulz-Ojala

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