Laudatio auf Maren Kroymann : All deine Farben, all deine Narben

Warum der Schauspielerin Maren Kroymann der Curt-Goetz-Ring gebührt: Eine Lobrede von Harald Martenstein.

Maren Kroymann, fotografiert in ihrer Küche.
Maren Kroymann, fotografiert in ihrer Küche.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Am Montagabend gab der Schriftsteller, Tagesspiegel-Redakteur und -Kolumnist Harald Martenstein den Curt-Goetz-Ring an die Schauspielerin Maren Kroymann weiter, in der Komödie am Kurfürstendamm. Die 1985 erstmals verliehene Auszeichnung wird alle fünf Jahre vom jeweiligen Preisträger an einen neuen Träger überreicht. Der erste, Carl Heinz Schroth, gab ihn an Anaid Iplicjian weiter, diese kürte Wolfgang Spier, der wiederum Nicole Heesters. Die sprach ihn Ilja Richter zu, der ihn schließlich an Martenstein übergab. In seiner Laudatio verriet dieser die Gründe für seine Wahl.

Im Leben ist man ja fast immer abhängig von irgendwem. Man hat nie die totale Kontrolle, es dürfen fast immer andere mitreden. Zu den wenigen Ausnahmen gehört der Curt-Goetz-Ring. Die Preisstifterin hat verfügt, dass die Trägerin oder der Träger dieses wirklich ungewöhnlich scheußlichen, aber wahnsinnig wertvollen Schmuckstücks über seinen Nachfolger alleine bestimmen darf. Totale Macht, ein bisschen wie beim Papst im Vatikan.

Der Ring ist meistens an Schauspieler gegangen oder an Menschen, die zumindest auch als Schauspieler arbeiten, bis Ilja Richter die Idee hatte, den Ring auch einmal an einen darstellerisch eher unbegabten Autor weiterzureichen. Das war natürlich, unabhängig davon, wer es gewesen ist, eine ganz hervorragende Idee. Curt Goetz, an den wir uns heute erinnern, war ja auch ein Autor, unter anderem. Vor allem ist dieser Curt Goetz ein sehr vielseitiger Künstler gewesen, er schrieb, er spielte, er führte Regie, und er hat das mit leichter Hand getan, er war ein großer Unterhalter, der das Publikum auf intelligente Weise zum Lachen brachte.

"Ich halte Sie für eine der großen deutschen Unterhaltungskünstlerinnen"

Wenn ich den Ring weiterreiche, habe ich mir gesagt, dann muss ich jemanden finden, der ein ähnlich breites Spektrum hat. Ich muss jemanden finden, der viele verschiedene Wege kennt, um die Menschen zum Lachen, zum Nachdenken, zum Staunen zu bringen, eine Grenzgängerin zwischen E- und U-Kultur, aber das reicht nicht. Ich muss auch jemanden finden, der oder die etabliert ist – der Goetz-Ring ist nichts für begabte Debütanten –, aber den ich für immer noch unterbewertet halte. Das ist ja auch der Sinn eines Preises, er setzt ein Zeichen.

So bin ich auf Maren Kroymann gekommen, die Kabarettistin, Sängerin und Schauspielerin. Ich halte Sie – das klingt jetzt leider ein bisschen pathetisch, aber es muss sein – für eine der großen deutschen Unterhaltungskünstlerinnen. Sie dürfen es aber nicht oft genug zeigen. Zu meinen alltäglichen Kulturerfahrungen gehören fade TV-Movies, bei denen ich mich frage, wieso eigentlich nicht Sie die Hauptrolle spielen, dann wäre der Film mit einem Schlag interessanter.

Sie haben ein paar Mal für historische Momente gesorgt, soweit das in dieser Branche möglich ist. Sie waren die erste Frau, die im deutschen Fernsehen eine eigene Kabarett-Serie bekommen hat, „Nachtschwester Kroymann“. Sie haben in „Oh Gott, Herr Pfarrer“ gemeinsam mit Robert Atzorn den deutschen Zuschauern zum ersten Mal einen Liebesakt im Pfarrhaus zugemutet, und zwar unmittelbar nach der Beerdigung. In Doris Dörries „Klimawechsel“, einer mehrteiligen Komödie über das Klimakterium, sind Sie als Gynäkologin des Grauens unvergesslich geworden und haben den Fachbegriff „Vaginalstraffung“ auch medizinischen Laien plausibel gemacht. In Angelina Maccarones Film „Verfolgt“ spielen Sie eine Bewährungshelferin, die sich auf eine SM-Beziehung mit einem 16-Jährigen einlässt, und zurzeit kann man Sie in „Eichwald“ als äußerst durchsetzungsstarke Fraktionsvorsitzende einer Partei sehen, die stark an die SPD erinnert.

"Sie sind sehr wandlungsfähig, wie die Chamäleons"

Diese Aufzählung klingt jetzt vielleicht für einige so, als seien Sie eine Fachfrau fürs Schlüpfrige. Das Gegenteil ist richtig. Sie können sympathische und unsympathische Charaktere spielen, Sie können ernst sein oder heiter, aber Sie haben, glaube ich, nie eine Ihrer Figuren an die Klamotte oder das Zotige verraten. Sie können ein Biest sein, eine Klapperschlange, aber selbst in Ihren bösesten Momenten schimmert immer etwas von Ihrer Wärme durch. Es gibt Schauspieler, die in Ihren Rollen immer recht nah bei sich selbst zu sein scheinen, und es gibt die Chamäleons, die sich selbst hinter Ihrer Rolle verschwinden lassen. Sie sind sehr wandlungsfähig, wie die Chamäleons, aber man spürt dabei doch immer einen Rest Ihrer Liebenswürdigkeit, keines Ihrer Biester sähe man nicht gerne gerettet.

Ich habe Sie auch in ein paar schwächeren Filmen gesehen, so etwas ist ja auch unvermeidlich. Da haben Sie für mich etwas gemeinsam mit einer Ihrer Kolleginnen, die ich ebenfalls sehr schätze. Sie werden erstaunt sein, es ist Whoopie Goldberg. Ich war ein paar Jahre Filmkritiker, und zu dieser Zeit muss die arme Whoopie furchtbare finanzielle Probleme gehabt haben, sie trat in etlichen ziemlich schwachen Filmen auf. Interessanterweise hat das nicht ihr geschadet, sondern den Filmen genützt. Ein Film mit Whoopie Goldberg kann halt nicht völlig furchtbar sein. Ich könnte jetzt allen, die in Deutschland ein schwaches Drehbuch vor sich liegen haben, raten, die Hauptrolle, für viel Geld… nein, Frau Kroymann, das haben Sie nicht verdient.

Zu dem, was Sie ausmacht, gehören auch Ihr Mut und Ihre Geradlinigkeit. Sie haben sich, vor vielen Jahren, geoutet, wie man so sagt, und das geschah zu einer Zeit, als Homosexualität im Unterhaltungsgewerbe noch nicht so relativ risikolos war wie heute. Wer in Berlin lebt und Teil des Kulturlebens ist, verfällt leicht dem Irrglauben, die finsteren Zeiten seien vorbei, in denen Menschen einen Teil ihrer Persönlichkeit verstecken müssen, um ohne Belästigungen und Nachteile ihr Leben zu leben. Erst, wenn der Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft schwul sein darf, ohne von den gegnerischen Fans beschimpft zu werden, und wenn eine Ministerin von der CSU offen lesbisch lebt, und nicht mal in Oberbayern zuckt einer mit der Wimper, dann erst geht dieses finstere Kapitel langsam zu Ende.

"Sie sind ein freier Geist - darum haben Sie manchmal Schwierigkeiten"

Sie haben einmal gesagt: „Mein Image ist besser als meine Auftragslage.“ Sie sind eine Feministin, die sich schon über männlichen Sexismus lustig gemacht hat, als das in den Führungsetagen des Fernsehens noch gar nicht gern gesehen wurde. Sie sind eine Feministin, die sich auch mit Alice Schwarzer anlegt, wenn sie es für nötig hält. Sie sind ein freier Geist, deshalb hatten Sie manchmal Schwierigkeiten. Es wundern sich vielleicht manche darüber, dass ich den Ring an eine Feministin weiterreiche. Ich habe mich ja manchmal über gewisse Aspekte des Feminismus lustig gemacht. Ich finde auch nicht jeden Satz gut, den ich von Ihnen gelesen habe, und umgekehrt ist es sicher genauso.

Ich will in einem Land leben, in dem wir Unterschiede aushalten, statt sie einzuebnen. Ich will in einem Land leben, in dem man sich über alles lustig machen darf. Ich will in einem Land leben, in dem der Humor und der Eigensinn nicht unter der bleiernen Decke der politischen Korrektheit erstickt werden. In diesem Land muss ein alter Macho und Chauvi seinen Preis selbstverständlich an eine kämpferische Feministin weitergeben.

Sie haben einmal gesagt: „Man braucht Intelligente, die sich exponieren und den Mut haben, sich auch auf Kosten der Karriere unbeliebt zu machen. Die herrschende Klasse müsste das würdigen, dann gäbe es auch mehr Menschen, die sich was trauen würden. Es ist selten geworden, dass Leute Anstößiges sagen.“ Sie sind eine von denen, die sich was trauen, und dafür verehre ich Sie ebenso sehr wie für Ihre Kunst.

"Ich wünsche mir ein Boulevardstück mit Ilja Richter und Maren Kroymann"

Wir sind hier in einem Boulevardtheater, ein schönes, altertümliches Wort. Ich mag dieses Haus sehr. Es ist hier gelungen, sich zu modernisieren, ohne den Kern des alten Boulevardtheaters preiszugeben – intelligente, elegante Unterhaltung für ein Publikum, das lachen will, aber nicht dumpf ist, ein Publikum, wie es auch Curt Goetz hatte. Wenn ich, in meinen letzten Sekunden als Ringpapst, einen Wunsch frei hätte, dann wäre es ein Boulevardstück, das Lo Malinke vom Duo „Malediva“ geschrieben hat, in dem es vielleicht um eine lesbische WG geht, in die, sagen wir, Ilja Richter einzieht und sich in Sie, Maren Kroymann, verliebt. Das Weitere findet sich dann.

Bevor ich endlich die Bühne frei mache für Sie, liebe Frau Kroymann, und Ihnen den Klunker überreiche, möchte ich Ihnen den größten Irrtum Ihres Lebens vorhalten. Eine Lobrede darf ruhig auch ein bisschen kritisch sein. Sie haben in einem Interview gesagt: „Intellektuelle, ältere Frauen gelten bei Männern als unerotisch, und wenn sie dann noch Humor haben, ist das für Männer ganz schwer auszuhalten.“ Das stimmt nicht.

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