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Laudatio : Verstandeshelle Zauberkunst

29.02.2012 17:05 Uhrvon

„Die Verzauberung ist die Voraussetzung aller dramatischen Kunst.“ Diesen Nietzsche-Satz stellte Peter von Becker seiner Laudatio auf den großen Schauspieler Gert Voss voran, gehalten zu dessen Ehren in der Berliner Konrad-Adenauer-Stiftung.

Für das Erwachen und Reifen der Liebe hat der empfindungsreiche Romancier Henri Beyle, genannt Stendhal, einst eine so berühmte wie überraschende, weil sehr kühle Metapher gefunden. Er beschrieb die „Kristallisation“ eines zuvor in die Salzburger Salzgruben gefallenen Baumzweigs. Kristallisation: Im Beispiel Stendhals geht es um die Anverwandlung von etwas Fremdem, Anderen; um die Vereinigung mit einem Fremdkörper, die ihm eine neue Hülle und Form erschafft, doch dabei seine Substanz bewahrt. Und warum glänzt ein Kristall im Licht? Weil es vielschichtig gebrochen ist. Vielleicht liegt darin auch etwas, das an den Beruf des Schauspielers rührt.

Gewiss gibt es Rollen im Leben eines Schauspielkünstlers, in denen sich sein Können gleichsam exemplarisch kristallisiert. Aber, so sagt Kleist, der Schauspieler gleicht einem „Schneebildhauer“. Das ist wahr, nur leider schmilzt sein Bild meist schneller noch als der Schnee. Seine Kunst ist mit die älteste, ewigste und doch eine immerzu vergängliche. Die Form des Spiels ist auf der Bühne immer nur ein in die Luft gemalter Ausdruck, eine flüchtige Geste. Selbst wenn der Eindruck bleibt. Und bei Gert Voss sind es so viele Eindrücke. Bedenkt man in der Erinnerung seine unverwechselbar vielen Gesichter, dann braust einem bald der Kopf.

Ich habe Gert Voss und seine Theaterkarriere seit Mitte der 1970er Jahre, nein: nicht „verfolgt“, wie das gerne heißt, so, als seien Kritiker wie Polizisten einem Tatverdächtigen auf der Spur – nein, ich habe Gert Voss seitdem beobachten können: in Stuttgart, in Bochum, Hamburg, Wien, Berlin und mitunter auch in Salzburg, wo sich ja Festspielkarrieren kristallisieren. Feste aber sind es ohnehin schon, wenn er spielte. Und die genannten Orte bezeichnen viel, viel mehr als nur Stationen einer deutsch-österreichischen Lebensreise. Weil sie mit dem Reiseverführer Gert Voss auch Expeditionen bedeuten: sie Erkundung abenteuerlicher Reiche, zu denen wir mit keinem Schiff oder Flugzeug je gelangen, Reisen durch die Kontinente etwa von Shakespeare und Tschechow (um nur die beiden größten, unermesslichsten zu nennen) – und Fahrten allemal in  jenes abgründig weite Land, das der Wiener Arzt und Dichter Arthur Schnitzler die menschliche Seele nennt. Mit einer großen Reise hatte für diesen Spieler alles Spätere tatsächlich begonnen.

Er wurde vor 70 Jahren in Shanghai geboren als Sohn einer in China ansässigen deutschen Kaufmannsfamilie. Nach 1945, als die Amerikaner und die Russen seinen Vater und den Großvater, obwohl sie beide keine Nazis waren, vorübergehend internierten, floh Mutter Voss mit ihren beiden Söhnen tagsüber aus der Unsicherheit des von Kriegswirren gezeichneten Shanghai oft in die schützenden Höhlen der großen, aus der Kolonialzeit stammenden Kinopaläste. Dort sahen sie den „Chinese Tarzan“ oder Hollywoodstar Douglas Fairbanks als „Schwarzer Pirat“ und „Der Dieb von Bagdad“, sie erlebten Charlie Chaplin im „Goldrausch“.

Im Dunkel des Kinos entfachte das Spiel von Licht und Schatten und diesen magisch tollen, übergroßen Menschen einen im kindlich wachen Kopf und Herzen nie mehr versiegenden Sog. Irgendwann wurde die Familie dann nach Deutschland auf einen amerikanischen Truppentransporter verfrachtet. Monatelang fuhren sie durch die Malayische See, den Indischen Ozean, den Suezkanal und die Straße von Gibraltar bis nach Bremerhaven. In den Südseenächten aber, wenn es im Schiffsbauch nur stickig war, schlich sich der Junge Voss oft aufs Oberdeck, wo unter dem Sternenhimmel eine Leinwand gespannt war – und wieder sah er dort seine geliebten Sterne, vernahm den Sirenengesang der Kinogötter.

Ihrem Zauber ist Voss später ganz erlegen, auch im Film, aber vornehmlich im Theater, dem ja auch die besten Kinoschauspieler meistens entstammen. Jene Frühzeit, aus der sich Gert Voss kristallisierte, hat er sehr eindrücklich in der zusammen mit seiner hier auch anwesenden Frau Ursula verfassten Autobiographie „Ich bin kein Papagei“ beschrieben.

Worin aber verdichtet sich eine Kunst, die nie bloß das papageienhafte Echo des schon Gehörten und Gesehenen, des vorab längst Begriffenen ist Natürlich sind da Rollen, die gleichsam zu Ikonen seines Spiels geworden sind. Nie zu vergessen, wie er vor 30 Jahren in Claus Peymanns grandioser Bochumer Inszenierung der Kleist’schen „Hermannsschlacht“ mit Che-Guevara-Mütze und einem vom bübisch altjungenhaften Charme in die militante Intrige wechselnden Flair im Zusammenspiel mit Kirsten Dene den tückischen, teutonischen Dschungelweltkrieg im Teutoburger Wald gegen die Römer auch zum furios farcehaften Ehekrieg machte. Das Stück galt bis dahin als fast nicht mehr spielbar. Doch Gert Voss, der am Ende gespenstisch auch den Schattenriss des patriotisch propagandistischen Hermann-Denkmals füllte, Voss verwandelte den germanischen Guerrillero aus nebliger Vorzeit in einen sehr viel gegenwärtigeren Menschen. Man ahnte plötzlich, wie aus Befreiungskämpfern unter wechselnden Umständen Terroristen, Verrückte oder Volkshelden werden.

Eine abenteuerlich entrückte Figur durch die eigene Präsenz nahe zu bringen, ohne die Distanz, die Historizität, wie Brecht das nannte, oder auch das mögliche Geheimnis (das Brecht weniger interessierte) und die existentielle Fremdheit eines Charakters zu verraten – darum geht es, wenn Gert Voss spielt. Das ist unendlich viel spannender, als sich mit Shakespeare, Kleist oder Schiller gemein und familiär zu machen, so, als kämen Hamlet und Don Carlos aus der Talkshow oder Fernsehprinzengarde.

Eine Geschichte von Menschen erzählen, die unerhört fremd, unheimlich vertraut, geisterhaft nah und unergründlich fern zugleich erscheinen, zum Weinen und Lachen schön und schrecklich, schrecklich schön. Was ist  das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?, wie Georg Büchner fragt, was ist es, fragen wir weiter, das in uns hasst, aber eben auch liebt. Jenseits von dem, was die Kriminologie, die neue Hirnforschung und die alte Psychoanalyse in Partikeln zu erklären versuchen, beginnt: das Poetische. Das Poetische in jener leibgeistigen Präsenz, das uns im Theater, wenn es glückt, mit den Gefühlen denken und beim Denken fühlen lässt. Da beginnt der Schauspieler. Einer wie Gert Voss.

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