Kultur : Leben heißt vergessen lernen

Das Filmfestival von Locarno ist dafür bekannt, dass es Talente fördert und Altmeistern huldigt. In diesem Jahr kamen unter anderem Jeanne Moreau, Leo Carax und der legendäre Produzent Arnon Milchan in die Stadt im Schweizer Tessin. Im Wettbewerb triumphierten stille Dramen und heitere Dokumentationen. Eine Festivalbilanz

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Vegetarier auf der Flucht. Denis Lavant in „Holy Motors“. Regisseur Leos Carax erhielt einen Ehren-Leopard. Der Film kommt am 30. August in die deutschen Kinos.Foto: Festival
Vegetarier auf der Flucht. Denis Lavant in „Holy Motors“. Regisseur Leos Carax erhielt einen Ehren-Leopard. Der Film kommt am 30....

Menschen am Ende ihrer Tage: Ein neues Leben, neue Freunde, ein letztes Erwachen. Jedes Filmfestival findet in seinem Verlauf zu einem Thema. Selten geschieht es so deutlich wie dieses Jahr in Locarno. Frida und Sadie zum Beispiel. Beide haben sich auf ihre späten Tage ganz zurückgezogen – die eine in ihre dunkle Stadtwohnung („Une Estonienne à Paris“), die andere in ihren verwilderten Garten in der hellen Weite des San Fernando Valley („Starlet“). Vom Leben enttäuscht, reagieren sie feindselig auf Menschen, die darin eintreten wollen. In einem Fall kommt es gar zum Einsatz von Pfefferspray. Erst allmählich wandelt sich schützender Sarkasmus in Vertrauen, ein Gefühl, das sie eigentlich nicht mehr hatten zulassen wollen in ihrem zu Ende gehenden Leben.

Frida und Sadie, gespielt von Jeanne Moreau und Besedka Johnson: Eine Film-Ikone und eine späte Debütantin machen sich ihre Filme ganz zu eigen. Und sie herrschen mit dem, was sie beherrschen wie niemand sonst: ihre Stimmen. Und ihre Blicke. Und doch würde man sich wünschen, dass es zwingendere Filme wären, die solches Können in Anspruch nehmen. Es braucht nur einen kurzen Ausflug in die Retrospektive, mit ihrem Fokus auf den Regisseur und Produzenten Otto Preminger („Fluss ohne Wiederkehr“) auch in diesem Jahr wieder ein Höhepunkt des Festes, und man fragt sich: Warum sind Filme dieser Güteklasse so selten geworden?

Was fehlt, sind furchtlose und eigenwillige Produzenten. Einer wie Arnon Milchan etwa, der ausgerechnet Disney dazu brachte, einen Film über eine Hure zu machen („Pretty Woman“). Der Sergio Leone half, einen unmöglichen Traum zu verwirklichen („Once Upon a Time in America“) und sogar Terry Gilliam zu bändigen wusste („Brazil“). „Wenn sich einer verrückt aufführt“, so sein Ratschlag an den Nachwuchs, „sei verrückter!“

Milchan, der seit fünfzehn Jahren nicht mehr zu Festivals fährt, trat auf die Piazza Grande, um sich den Premio Raimondo Rezzonico für seine Verdienste als unabhängiger Produzent abzuholen – und hatte Tränen in den Augen. Selbst gestandene Filmgrößen werden schwach, wenn sie von der Bühne aus in die Piazza blicken, in dieses zwischen Arkaden und Renaissancehäuser gegossene Meer aus Menschenköpfen. Bis zu 9000 sind es jeden Abend. Ein schöner Ort, um seinen Film der Welt vorzustellen.Das Festival findet auch im dritten Jahr unter der Leitung Olivier Pères ein Gleichgewicht zwischen der Förderung des jungen Films und der Ehrung von Altmeistern – und schärft damit sein Profil. Ohne wichtigen Filmmarkt und ohne ganz große Namen setzt man auf andere Stärken: die familiäre Atmosphäre, der besondere Ort, die Liebe zum Film bei einem besonders heterogenen Publikum.

Und die Veteranen kommen nicht nur, um sich Preise fürs Lebenswerk abzuholen (Alain Delon, Harry Belafonte, Charlotte Rampling). Sie finden sich auch im Wettbewerb. Der 72-jährige Franzose Jean-Claude Brisseau gewann für „La Fille de nulle part“ sogar den Hauptpreis – auch dieser Film eine Geschichte über die Begegnung zwischen Generationen: Ein pensionierter Professor (der Regisseur selbst) nimmt eine junge obdachlose Frau (Virginie Legeay) in seine Wohnung auf und pflegt sie. Brisseau drehte den Film von eigenen Ersparnissen in der eigenen Wohnung (ein Kinderwagen half bei den Kamerafahrten), das Preisgeld allein hat ihn schon profitabel gemacht.

Auch der Leopard für den besten Darsteller (Walter Saabel) ging an eine ungewöhnliche Low-Budget-Produktion („Der Glanz des Tages“): Ein winziges Team, wenig Geld, dazu die Anweisung: „Sei du selbst!“. Zirkusartist Saabel und Schauspieler Philipp Hochmair spielten sich also selbst. Allein die Voraussetzung, dass einer der unbekannte Onkel des anderen sei, ist erfunden. Das andere improvisiert. Ein schöner Film über die Begegnung zweier ähnlicher und doch ganz ungleicher Menschen: eine alte und eine junge Rampensau.

Es ist sicher kein Zufall, dass solche Versuche mit ungewissem Ausgang gekürt wurden – von einer Jury, deren Vorsitzender selbst die eigenen Vorgaben während des Drehs fortwährend umschreibt und verwirft. „Filme sind wie Tiere“, sagte Apichatpong Weerasethakul („Uncle Boonmee“) bei seiner Begegnung mit dem Publikum. Lebendig, unberechenbar. „Es beginnt immer mit nur einer oder zwei Ideen“, sagte auch Leos Carax („Holy Motors“), ausgezeichnet mit einem Ehren-Leoparden, als er gefragt wurde, wie er zu seinen Filme komme. „Von da an sind es Zufälle und Assoziationen.“ So kann man das machen. Aber nicht jeder kann das auch.

Wie man eine gute Idee zu Tode reitet, weil man sich allzu sehr darauf verlässt, zeigten Filme wie „Nachtlärm“ (mit Alexandra Maria Lara) oder „Wrong“ (von „Rubber“-Regisseur Quentin Dupiuex). Wenn man Zufälle und Assoziationen aber geschickt anregt, entsteht Besonderes. Der Dokumentarfilm „Leviathan“ von Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel etwa zeigt nichts als Bilder einer uralten Verrichtung: Fischer auf einem Boot holen den Fang ein. Ungewöhnlich aber ist die Perspektive. Kleine Kameras an den Netzen, im Innern des Boots, in den Händen der Fischer bringen einen fremdartigen Strom aus Bildern und Geräuschen hervor. Die Aufnahmen entstanden nachts, wenn der Himmel so finster ist wie das Wasser. Formen prägen sich aus und verlöschen wie abstrakte Schemen auf einer schwarzen Leinwand.

Als Dokumentarfilmer weiß man ja nie, wie der Film enden wird, zu dem man sich gerade aufmacht. Für David Sieveking muss der Gedanke daran besonders aufreibend gewesen: Der junge deutsche Regisseur („David wants to fly“) begleitete mit der Kamera den Alltag von Gretel Sieveking, seiner Alzheimer-kranken Mutter. Mit „Vergiss mein nicht“, von einem sichtlich gerührten Publikum begeistert aufgenommen, gelingt Sieveking ein erstaunliches Kunststück: Ein leichter, fast heiterer Film nicht über die Krankheit, sondern über die Lebens- und Liebesgeschichte seiner Eltern – und das liebevolle Porträt eines Menschen, dessen Selbstbild verblasst. Die Dialoge sind, man traut es sich kaum zu sagen, von entwaffnender Komik.

Nach der Vorstellung bedankte sich eine Frau aus dem Publikum. „Von jetzt an werde ich versuchen, nicht mehr nur auszuhalten, sondern zu erleben.“ Ein Film, wie es zärtlicher kaum geht.

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