Kultur : Leckere Sekrete

Das Recht auf Glück: Justin Courters sensationeller Roman „Skunk“.

Moritz Scheper

Das Attribut „sensationell“ wird in der Verlagsszene häufig benutzt, um bestimmte Bücher anzupreisen. Doch nur selten vermögen diese dann so ein Versprechen auch einzulösen. Das tatsächlich sensationelle Debüt des jungen New Yorker Autors Justin Courter, das in den USA 2007 erschien, sollte damit jedoch keine Schwierigkeiten haben.

Sensationell ist allein, dass die deutsche Übersetzung von „Skunk“ im kleinen Hablizel-Verlag aus dem Kölner Speckgürtel erscheint. Üblicherweise geht auf dem ultrahocherhitzten Markt für US-Literatur nichts durch die engmaschigen Netze der Literaturscouts, die in Europa jedes Katzengold als nächsten Philipp Roth feilbieten. Fast kitschig wird die Geschichte dadurch, dass der ehemalige „Spex“-Redakteur Markus Hablitzel seinen Verlag extra für die deutsche Ausgabe von „Skunk“ gründete. So was würde man nicht für jedes Buch tun.

Der für diese Geschäftigkeit verantwortliche Roman ist die aberwitzige Geschichte von Damien Youngquist, einem Eigenbrötler, der eine Affinität zum Analsekret von Stinktieren entwickelt. Dieses stinkt ekelerregend nach verbranntem Plastik, Schwefelkohlenstoff und Knoblauch und steht in seiner Penetranz Buttersäure in nichts nach. Damien bezeichnet das Sekret aber als süßen Skunkmoschus, der die Pforten seiner Wahrnehmung weit aufstößt und zudem sentimentale Erinnerungen an den Bieratem seiner seligen Mutter hervorruft. Wenig verwunderlich erfährt so eine skurrile Freizeitgestaltung schärfste Missbilligung von Vorgesetzten und Mitmenschen. Die soziale Isolation nimmt mit steigendem Sekretkonsum zu. Nur ein penetranter Fischgeruch vermag noch unter Damiens Duftglocke zu dringen. Pearl, die genialische Meeresbiologin und Fischfetischistin, treibt aber nicht nur den Duft der Frauen in Damiens Nase, sondern auch außergewöhnliche Genexperimente mit Meeresbewohnern, die Abhilfe von Umweltkatastrophen versprechen.

Doch Justin Courter belässt es nicht bei dieser eigentümlichen Suchthistorie samt Romanze. Allerhand Verwicklungen führen zu Damiens Umzug auf eine einsame Farm mitten im Herzland der USA, wo die Handlung in eine uramerikanische Erzählung kippt, von der Sehnsucht nach Selbstbestimmung bis zum Kampf zwischen Mensch und Natur. Die Schilderungen vom harten Weg zum Selbstversorger lesen sich als sanftmütiger Seitenblick auf Henry David Thoreau, nur sind Courters Ausführungen über Permakulturen und Bewässerungssysteme ungleich launiger.

Spätestens wenn der Roman am Schluss zu einem Drogen- und Justizthriller wird, zeigt sich seine eigentliche Bauweise: Justin Courter versucht sich an nichts Geringerem als einer zeitgenössischen Vermessung des in der amerikanischen Verfassung verankerten Rechtes auf Glückseligkeit, dem „pursuit of happiness“. Dieses Recht droht in „Skunk“ von den Fliehkräften von Fremdinteressen zerrissen zu werden, wobei Courter neben Presse und Justiz vor allem den Klimawandel als Gefahr anführt.

Sprachlich und formal ist Courters Roman beeindruckend geistreich. Er liest sich gefällig, was der formkühnen Struktur eine unscheinbare Note gibt. Wer sagt eigentlich, dass ein cleverer Roman schwierig sein muss? So wirkt „Skunk“, als hätte Nabokovs vergrübelter Professor Pnin „Walden“ geschrieben, Versatzstücke aus „Moby Dick“ und John-Grisham-Romanen zusammengeklaubt und schließlich alles mit viel Fantasie zu einem kraftvollen Plot modelliert. Die vierhundert Seiten jedenfalls verfliegen wie im Skunkmoschusrausch. Kein Wunder, dass dafür jemand einen eigenen Verlag gegründet hat. Moritz Scheper

Justin Courter:

Skunk. Roman.

Aus dem Amerikanischen von

Stephan Glietsch.

Hablizel Verlag,

Köln 2012.

413 Seiten, 18, 90 €

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