Leipziger Buchmesse : Alles ist poetisch

Preise, Preise, noch mehr Preise - und ganz viele Lesungen: Zum Auftakt der Leipziger Buchmesse 2015, die am Mittwochabend mit einem Festakt eröffnet wird.

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Die sogenannte Glashalle der Leipziger Messehallen
Die sogenannte Glashalle der Leipziger MessehallenFoto: imago

Wer regelmäßig zur Leipziger Buchmesse fährt und dann auf dem Messegelände aus der wie üblich übervollen Straßenbahn der Linie 16 steigt, wundert sich beim Betreten der großen gläsernen Haupthalle jedes Mal aufs Neue: Wo sind denn eigentlich die ganzen Bücher hier? Die Halle sieht toll aus, ist schön lichtdurchflutet, es gibt rechts und links Rolltreppen, die in ein oberes Stockwerk führen, und überall stehen Bühnen von Radio- und Fernsehsendern, dabei unübersehbar im Zentrum: die große von 3 Sat, dem ZDF und dem Deutschlandradio mit dem knallblauen Sofa drauf.

Die Leipziger Buchmesse, das man merkt gerade in der Glashalle, aber auch in den angrenzenden Hallen 2 bis 5, in denen die Verlage ihre Stände haben und ihre Neuerscheinungen auslegen, inklusive der Präsentation der Autoren am Stand, ist vor allem ein großer Event; ein Event, auf dem die Bücher lediglich der Anlass sind, um dann nichts anderes zu tun als zu plauschen, zu reden, sich auszutauschen, zu diskutieren und zu debattieren.

Nach Ceausescus Sturz im Dezember 1989 hat sich der gelernte Lyriker Cartarescu ganz der Prosa verschrieben

Und um Preise zu vergeben. Denn eigentlich vergeht kein Buchmessentag ohne eine Preisvergabe, beginnend bei der Eröffnung am heutigen Mittwochabend im Leipziger Gewandhaus. Da bekommt der rumänische Schriftsteller Mircea Catarescu den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung, und zwar für seine im Suhrkamp Verlag erscheinende „Orbitor“-Trilogie, bestehend aus den Bänden „Die Wissenden“ (2007), „Der Körper“ (2011) und „Die Flügel“ (2013).

Nach Ceausescus Sturz im Dezember 1989 verschrieb sich der gelernte Lyriker Cartarescu ganz der Prosa: „Acht lyrische Sammelbände, das reicht meines Erachtens“, sagte er dem Tagesspiegel einmal in einem Interview. Und: „Im Grunde ist alles, was ich tue, poetisch, denn das literarische Schreiben an sich ist Poesie.“ Mit dem Prosaschreiben aber begann er auch, um die Diktatur Ceausescus vom Leib zu bekommen, die innere Freiheit von damals zu demonstrieren und dabei auch seine Freiheit vollends wiederzugewinnen. Mit dem Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp hat Catarescu einen Laudator, der selbst weiß, wie es war, in einer Diktatur zu leben, in diesem Fall der der SED.

Favorit beim Leipziger Buchpreis sind Norbert Scheuer und Reiner Stach

Einen Tag später geht es munter weiter mit den Preisen. An diesem Tag gibt es zum Beispiel den Preis der Leipziger Buchmesse in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung. Jan Wagner und Norbert Scheuer sind die Favoriten auf den belletristischen Preis, Reiner Stach mit dem Abschluss seiner großen Kafka-Biografie bei den Sachbüchern sowie bei den Übersetzungen Moshe Kahn, der aus dem Italienischen Stefano D'Arrigos Jahrhundertwerk „ Horcynus Orca" übersetzt hat, und Mirjam Pressler, die für die Übersetzung von Amos Oz’ großartigen Roman „Judas“ verantwortlich ist. Am Freitag gibt es unter anderem den Kurt Wolff Preis, den Preis für die unabhängigen Verlage, den dieses Jahr der Berliner Berenberg Verlag und die Connewitzer Verlagsbuchhandlung bekommen, sowie den Preis der Literaturhäuser für den Comic-Zeichner und Graphic-Novel-Autor Nicolas Mahler, der auch in der Print-Literaturbeilage des Tagesspiegels für die Bebilderung der Seiten verantwortlich ist. Es endet mit den Preisen am Samstag, an dem noch der „Indie Autor Preis“ für Self-Publishing-Autoren und der für den „Ungewöhnlichsten Buchtitel des Jahres 2014“ vergeben werden. (Letzterer ging übrigens im vergangenen Jahr an Volker Strübings Buch „Das Mädchen mit dem Rohr im Ohr und der Junge mit dem Löffel im Hals“)

Was für ein Buchtitel: "Das Mädchen mit dem Rohr im Ohr und der Junge mit dem Löffel im Hals"

Man könnte bei diesem Preissegen auf den Gedanken kommen, dass man in Leipzig gewissermaßen die Messe vor lauter Preisen nicht mehr sieht. Aber das

Schöne an der dieser Buchmesse ist, dass es wirklich über all auf der Messe und in der Stadt Lesungen gibt; dass „Leipzig liest“ tatsächlich ein einziges großes Lesefest mit über 3000 Veranstaltungen ist. Schwerpunkt in diesem Jahr: die israelische Literatur, und zwar aus Anlass des 50-Jahre-Jubiläums der deutsch-israelischen Beziehungen. Das ist umso erstaunlicher und bemerkenswerter, als dass die Frankfurter Buchmesse aus welchen Gründen auch immer Israel noch nie zu ihrem Gastland gemacht hat. Dass das auch in der Mainmetropole langsam Zeit wird, dürften in Leipzig Autoren und Autorinnen wie Amos Oz, Lizzie Doron, Dan Diner, Meir Shalev, Ron Segal, Avi Primor und viele andere unter Beweis stellen.

Natürlich sind auch viele andere Autoren mit ihren neuen Büchern vor Ort, klar, bei den vielen Lesungen, Thomas Brussig, Clemens Meyer oder Olga Grjsanowa zum Beispiel, der Nigerianer Chigozie Obioma, der US-Amerikaner Scott McCloud oder der Däne Jussi Adler-Olson.

Auch diese Messe, ganz klar, wird wieder ein voller Erfolg, Digitalisierung hin oder her (die dieses Jahr in Leipzig nur am Rande Thema ist, die läuft im Buchbetrieb schon unter business as usual), bei rund 2000 Ausstellern und über 230 000 erwarteten Besuchern, da freut man sich schon auf die Erfolgsmeldungen der Messeleitung am Sonntag. Und genauso komisch wie toll ist schließlich nach langen Messeabenden- und -nächten oder am Ende der Messe, wenn man in seinem Hotelzimmer sitzt oder wieder zuhause ist, dass der erste Griff doch wie selbstverständlich wieder zum Buch geht: endlich wieder Zeit und Muße, um zu lesen!

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