Leipziger Buchmesse : Kunst in Großbuchstaben

Zum Auftakt der Leipziger Buchmesse kommende Woche: Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur ist so vielfältig und produktiv wie lange nicht.

Das wuselige Treiben auf der Leipziger Buchmesse, hier im Jahr 2016
Das wuselige Treiben auf der Leipziger Buchmesse, hier im Jahr 2016Foto: Jan Woitas/dpa

Kennen Sie eigentlich den Schriftsteller Jakob Nolte? Haben Sie gar seinen Mord- und Mystery-Thriller „Alff“ gelesen? Und freuen Sie sich womöglich auf den noch irreren Nachfolger, der in den nächsten Tagen erscheint, den Werwölfin- und Einmal-rund-um-die Welt-Roman „Schreckliche Gewalten“? Nein, kennen Sie nicht, nie was von gehört? Dann vielleicht den Schriftsteller Jan Schomburg, der im Erstberuf Filmemacher ist und gerade mit dem Coming-of-Age-Roman „Das Licht und Geräusche“ ein ordentliches Debüt veröffentlicht hat? Oder wenigstens die 1988 geborene Autorin Juliana Kálnay, von der mit „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ ebenfalls ein beachtliches Erzähldebüt auf den Markt gekommen ist? Ach, auch nicht? So hinterlistig gefragt und auf Antworten drängend, müsste man jetzt von einem Versäumnis sprechen, einem verzeihlichem aber.

In diesem Frühjahr verhält es sich nämlich mit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur so, dass selbst die Literaturkritik kaum nachkommt mit deren überbordender Produktion. Was sich beim oberflächlichen Sichten Ende des vergangenen Jahres, als die Verlage ihre Vorschauen für 2017 verschickten, allerdings etwas anders darstellte. Vermehrt hörte man Stimmen, die davon sprachen, so ein schwaches Frühjahr lange nicht erlebt zu haben und dass es kaum interessante, lohnenswerte Bücher geben würde. Ein Trugschluss. Denn dann war da Fatma Aydemirs Debütroman „Ellbogen“, der seine Schwächen hat, aber gute Tonlagen, zudem mit einem aufregenden Stoff. Dann der Hype um den „Spiegel“-Reporter Takis Würger und seinen Cambridge- und Box-Roman „Der Club“. Dann Slam-Poet Felix Lobrecht mit seinem roughen Neukölln-von-unten- und Böse-Jungs-Roman „Sonne und Beton“. Dann kommt dieser Tage noch Olga Grjasnowa mit ihrem Roman über zwei syrische Flüchtlinge, „Gott ist nicht schüchtern“, und dann, nein, halt, hier ist jetzt erst einmal Schluss mit dem Namen- und Roman-Droppen. Schließlich kommt später noch eine weitere Namensreihe.

Warum bekommt die Lyrik auf der Messe keinen eigenen Preis?

Dieser erstaunliche Output einer Generation von Autoren und Autorinnen, die alle um die dreißig Jahre alt sind, wird sich natürlich abbilden im wie üblich wuseligen Treiben der Leipziger Buchmesse, die am Mittwochabend beginnt. Dagegen spiegelt er sich in seiner (Stoff-) Vielfalt und Jugendlichkeit bei der diesjährigen Auswahl der Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik nur bedingt wider. Was am Anspruch der Jury liegen könnte, Kunstwerke „herauszufischen“ und „keine Kaufberater, keine Trendscouts“ sein und schon gar keinem Hype glauben zu wollen (sagen wir: Takis Würger, Fatma Aydemir) – so betonte es die Jury-Vorsitzende Kristina Maidt-Zinke im vergangenen Jahr in ihrer Rede trotzig und stolz. Seltsam und skurril und ja, scho auch anständig, um es mit unserem Fußballbundestrainer Joachim Löw zu sagen, ist die Belletristik-Liste dieses Jahr: mit Romanen der 76-jährigen Georg- Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer, der 71-jährigen Natascha Wodin, von Lukas Bärfuss und Anne Weber sowie einem Lyrikband von Steffen Popp. Dessen Nominierung nach denen von Marion Poschmann und Jan Wagner in den vergangenen beiden Jahren wirft überdies die Frage auf, warum die Lyrik nicht ihren eigenen Preis bekommt, zusätzlich zu denen in den Kategorien Sachbuch und Übersetzung? So wirkt diese Lyriknominierung inzwischen verkrampft quotiert, ohne dass sie der Beachtung für dieses oft vernachlässigte Genre förderlich wäre.

Was sagt Maxim Biller zu dem Boom?

Und sonst? Ja, Kunstwerke. Literatur in Großbuchstaben mit einem Punkt hinter jedem Buchstaben. L.I.T.E.R.A.T.U.R. Wodins Buch ist ein autobiografisches Werk, dokumentarisch nüchtern, in betont kunst- und schmuckloser Sprache gehalten; Kronauer und Bärfuss spielen in ihrer jeweils eigenen Erzählliga. Wirklich schlimm und unverständlich dagegen erscheint die Nominierung für Anne Webers „Kirio“. Darin gibt es eine Hauptfigur, eben jenen Kirio, eine Art Heiliger, aber keinen wirklichen Erzähler – nur Menschen, die dem jungen Mann, der hier ein Wunder vollbringt und dort gern auf Händen läuft, über den Weg laufen und von ihren Begegnungen mit ihm erzählen. Das soll alles schön leicht und luftig sein, ist aber nur prätentiös, leer und belanglos, weil Weber es nicht vermag, eine Geschichte zu erzählen oder wenigstens viele kleine Geschichtchen.

Klar, mosern geht immer. Aber von Aufbruch und Sturm und Drang kann bei dieser betulichen Auswahl keine Rede sein. Hier wird eine ganze Generation ignoriert, die zwar handwerklich noch ihre Schwächen hat, naturgemäß auch kein Werk (wieder Großbuchstaben!), aber viele Stoffe, Lebensstoffe, direkt aus der Gegenwart, und eben den Drang, diese aufzubereiten. Ach ja, genau, und was ist eigentlich mit Jonas Lüscher und seinem Roman „Kraft“? Und natürlich: Es gibt hier noch ein neues Buch von Feridun Zaimoglu, einen Luther-Roman!, und dort neue Erzählbände von Clemens Meyer und Eva Menasse, nicht zu vergessen Neues von Nina Bußmann, Heinz Strunk, Jochen Schmidt, Stephan Lohse, Zsuzsa Bánk, Tijan Sila. Und ach, Tom Kummer und Joachim Lottmann, die aus völlig anderen literarischen Sphären stammen, haben auch wieder Bücher geschrieben ...

War da einmal von einer Krise der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur die Rede? Was sagt Maxim Biller dazu? So gut wie im Augenblick, in diesen Tagen der Leipziger Buchmesse, scheint es ihr lange nicht gegangen zu sein.

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