Kultur : Leipziger Thomaskirche: Auch Kohl sammelte Spenden

Björn Achenbach

Erst wenn man hoch droben auf dem Ausguck der Thomaskirche steht und hinabblickt auf dieses sagenhaft steile, auf der Südseite komplett neu mit Thüringer Schiefer gedeckte Dach, kann man ihre Schönheit und Besonderheit ganz ermessen. Dann hat sie nichts Beschauliches mehr, sondern ist nur noch aufregend, ein Meer aus schwarzen und blauen Tönen. 63 Grad neigt sich das Kirchendach, ein steileres gibt es nicht in Deutschland.

Johann Sebastian Bach ruhet sanft in seiner Gruft, seit seine Gebeine 1949 in die Thomaskirche überführt wurden. 27 Jahre lang, von 1723 bis 1750, hat er als Thomaskantor und Director musices das Leipziger Musikleben geprägt. Hier schuf Bach die Johannes- und die Matthäuspassion, das Weihnachtsoratorium, die h-Moll-Messe, die Goldbergvariationen, die "Kunst der Fuge" und die meisten seiner wahrscheinlich 300 Kirchenkantaten. Er starb am 28. Juli 1750.

Leipzig profitierte wie keine andere Stadt vom Marketing-Coup "Bachjahr 2000". Die Nachfrage nach Karten zum Bachfest vom 21. bis 30. Juli war enorm, viele Konzerte waren bereits Ende März ausverkauft. Kulturtouristen aus aller Herren Länder buchten in diesem Sommer Reisen nach Leipzig, allen voran die Japaner, die sogar einen eigenen "Bach-Beauftragten" vor Ort installiert haben. "Man kann eben nur in der Thomaskirche die Musik Bachs am Bachgrab hören", sagt Thomaspfarrer Christian Wolff.

Die Vermarktung des hl. Johann

Die Bachfeste kommen und gehen - die Thomaskirche aber bleibt. Das feierlich wieder eingeweihte Gotteshaus ist der wahre Gewinner des großen Jubelfestes. Nachdem 110 Jahre lang so gut wie nichts an der Grundsubstanz der Kirche geschehen war, wurde ihr nun eine gründliche, rund 23 Millionen Mark teure Restaurierung zuteil, die ohne das historische Datum undenkbar gewesen wäre. 13 Millionen Mark steuert die öffentliche Hand bei, der Rest soll über private Spenden aufgebracht werden.

Ausgerechnet ein Pastor hat die in Leipzig lange verteufelte Vermarktung des heiligen Johann Sebastian in Gang gesetzt. "Wenn wir den Bach nicht seit drei Jahren vermarkten würden", beteuert Thomaspfarrer Christian Wolff, "dann wäre die Thomaskirche heute geschlossen." So gesehen ist es ein Glücksfall, dass es den streitbaren Geistlichen nach 15 Amtsjahren in Mannheim Anfang 1992 nach Leipzig verschlagen hat.

Als das Geld für die Restaurierung von St. Thomas nach der Instandsetzung von Turm und Ostchor 1996 ausgegangen war, entschied sich der Pfarrer, das Bachjahr 2000 mit allen Mitteln zu nutzen, um weitere Gelder aufzutreiben. Dafür wird am 21. März 1997, an Bachs 312. Geburtstag, der Verein "Thomaskirche - Bach 2000" gegründet.

Johannes Richter ist Superintendent in Rente und verlebt derzeit einen ausgesprochen unruhigen Ruhestand. Denn Richter ist zugleich Vorsitzender des Thomaskirchen-Vereins. Dort stehen ihm eine Geschäftsführerin, ein Investmentkoordinator und immerhin sechs ABM-Kräfte zur Seite.

Bachs Musik mag eine "tragende Kraft" haben, wie Richter zu sagen pflegt, aber der Thomas-Mätthäi-Gemeinde sind die Christen trotzdem abhanden gekommen. 1950 waren es 30 000, knapp 3000 sind es heute. Zum Gottesdienst kommen vielleicht noch 300. "Wir sind keine Volkskirche mehr", klagt Richter und schickt der "subtilen, aber aggressiven sozialistischen Propaganda" postum einen Fluch hinterher. Man kann das auch an der geringen Spendenbereitschaft der Leipziger ablesen: Eine halbe Million haben sie 1998 für das neue Robbenbecken im Zoo gesammelt - für die Thomaskirche hatten sie im selben Zeitraum klägliche 30 000 Mark übrig.

Angst um den Motettenplatz

Das Verhältnis der Leipziger zu "ihrem" Bach ist vor allem ein Nicht-Verhältnis. Die meisten interessieren sich einfach nicht für den toten Thomaskantor. Seit Jahr und Tag singen die Thomaner jedes Wochenende in der Thomaskirche dem Herrn ein neues Lied - doch nur "sehr, sehr wenige Menschen wissen, was sie freitags und samstags hier erleben können", so Wolff. Und die wenigen einheimischen Motettenbesucher würden die vielen Fremden, die sich dann auf den Emporen und im Kirchenschiff drängen, am liebsten wegmobben, weil sie Angst um ihre angestammten Plätze haben.

Das Spendenbarometer an der Thomaskirche hat dennoch längst die 9-Millionen-Marke überschritten, und das ist vor allen anderen einem Nicht-(mehr-)Leipziger zu verdanken. Er heißt Albrecht Schmidt und ist Sprecher der HypoVereinsbank in München. Den Verein hat der in Leipzig geborene Schmidt mit Logistik, exzellenten Kontakten und einer Million in bar unterstützt.

Die Aufnahme der Thomaskirche in den World Monument Fund (WMF), eine amerikanische Fundraising-Organisation, ist ebenfalls über diese Connection zu Stande gekommen. Für den Fonds gehört die Kirche zu den "100 gefährdetsten Kulturdenkmäler der Welt" - das brachte bislang eine halbe Million Mark ein.

Ein Geldregen prasselte plötzlich auf die gute alte Thomaskirche hernieder. Denn es war ja beileibe nicht nur Bill Gates, der nach seinem Leipziger "Wetten, dass?"-Auftritt mal eben 300 000 Mark spendierte. Sogar Helmut Kohl betätigte sich als Großspenden-Eintreiber: Bahn und Telekom soll er jeweils 300 000 DM aus dem Kreuz geleiert haben.

Die neue Bach-Orgel nach einer Disposition von Johann Christoph Bach ist zweifellos die Krönung der restaurierten Thomaskirche. Wenn sie im Herbst endgültig fertig ist, soll sie gravitätisch klingen, mit tiefen Tönen im Bass. "Das liebte Bach", weiß Ullrich Böhme, der Thomasorganist. Ein wenig ist in den letzten Monaten aus dem Blick geraten, dass er es ist, der das Instrument bald spielen wird - und nicht Gerald Woehl, der smarte Orgelbaumeister aus Marburg, der in Leipzig hofiert wird, als sei er Popstar und nicht Instrumentenbauer.

Die inzwischen weitgehend abgeschlossene Restaurierung von St. Thomas lobt Pfarrer Christian Wolff als "im besten Sinne konservativ". Das Erhaltungsprinzip sei den Machern heilig gewesen: Nur das Nötige wurde ersetzt, die Patina ist draufgeblieben. Heute bestimmen die Emporen mit ihrem gedämpften Porphyrton und das Gewölbe des Langhauses mit seinen leuchtend roten Rippen den Raumeindruck. Eine Fußbodenheizung wurde installiert und das hölzerne Gestühl mit neuen Sitzflächen ausgerüstet.

Die acht Buntglasfenster an der Südseite wurden gereinigt und restauriert; alle Langhausfenster erhielten eine neue Schutzverglasung. Bei der besonders problematischen Restaurierung der beiden 40 Meter hohen West-Fialen, die als städtebaulich bedeutsam gelten, half die Deutsche Bundesstiftung Umwelt aus Osnabrück mit Fördermitteln. Noch nicht abgeschlossen sind die Arbeiten am Apostelportal an der Nordseite, und auch an der schicken neuen Toilette zwischen Bach-Portal und Supertintendentur, die eine verglaste Vorhalle besitzen und eine halbe Million Mark kosten soll, wird noch gewerkelt.

Was würde Bach wohl sagen, wenn er einen Blick in die restaurierte Thomaskirche werfen könnte? "Wenn er von seinem Grabe da vorne im Chor auferstehen würde", glaubt Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt, "und die neue Orgel und seine jüngsten Thomaner in dem neu eröffneten und restaurierten Tempel hören könnte, würde ihn dies sicher hoch erfreuen."

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