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Siegfried Weichlein

Stefan-Ludwig Hoffmann (Hg.):

Moralpolitik. Geschichte der Menschenrechte im 20. Jahrhundert. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 437 Seiten, 24 Euro.

Die Menschenrechte gehören zumindest in der westlichen Welt zu den wenigen unumstrittenen Pathosformeln, die von Politikern und Intellektuellen zur Legitimation für politisches Handeln in Anspruch genommen werden. Sie sind gleichsam zu einer Art „säkularer Religion“ geworden. Der Unterschied zu den Religionen ist, dass dieser Glaube für alle verpflichtend ist. Wer sich gegen die Menschenrechte stellt, stellt sich außerhalb des politisch Sagbaren. Sie sind als politische Argumentationsgrundlage mittlerweile so alternativlos geworden, dass sie den Status eines zivilreligiösen Dogmas erreicht haben. Der vom Potsdamer Historiker Stefan-Ludwig Hoffmann herausgegebene Band nimmt eine erfrischende, neue Perspektive ein. Er erklärt die Entwicklung der Menschenrechte nicht aus griechischer Philosophie, Christentum oder Aufklärung, sondern sieht in ihnen ein Ergebnis von Moralpolitik. Gemeint ist damit eine nicht geradlinig aufsteigende, sondern vielmehr kontext- und interessenabhängige Politisierung von universalistischer Moral, die Phasen und Konjunkturen kennt. Moral und Moralpolitik übersprangen ethnische und nationale Grenzen, sperrten sich also gegen die nationale Einhegung ethischer Ansprüche. Menschenrechte hatten aus verschiedenen Gründen seit dem 18. Jahrhundert Konjunktur. Die Historikerin Lynn Hunt nannte als Ursache dafür die Emotionalisierung menschlicher Beziehungen, weil sie die Grenzen von Ständen und Nationen übersprang und Gleichheit herstellte. Die Französische Revolution begann mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, einem frühen Höhepunkt in der Geschichte der Menschenrechte. Nach der Diskreditierung der Politik der „moralischen Eroberungen“ Napoleons traten neue Leitbegriffe an die Stelle der Menschenrechte, die im politischen Diskurs zwischen 1800 und 1948 hinter der „Zivilisation“, der „Masse“, der „Nation“ und später der „Rasse“ zurücktraten. Die Diktaturen und Weltkriege vor 1945 disqualifizierten diese auf nationale Souveränität zielenden Formeln. Aber auch nach der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die UN 1948 blieben sie im Zeitalter des Kalten Krieges und der Entkolonialisierung Gegenstand von Moralpolitik. Der Band treibt erfolgreich die Historisierung eines Grundbegriffs der politischen Sprache voran. Was fehlt, ist die Kontrastierung mit anderen Leitbegriffen, vor allem der Menschenwürde. Schließlich handelt es sich im Sinne der historisierenden Absicht des Herausgebers in der Tradition von Reinhart Koselleck bei den Menschenrechten um einen politisch-sozialen Kampfbegriff. Siegfried Weichlein

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