Kultur : Letzte Durchsagen

Neues deutsches Kino: Abenteuerinnen und Enthusiasten beim Filmfest München

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Überbelichtet. Szene aus dem apokalyptischen Film „Hell“. Foto: Promo
Überbelichtet. Szene aus dem apokalyptischen Film „Hell“. Foto: Promo

Die Sonne scheint. Nichts Ungewöhnliches im Sommer, doch bald schon könnte Helligkeit Lebensgefahr bedeuten. Das suggeriert mit visueller Wucht das Spielfilmdebüt „Hell“ des 29-jährigen Tim Fehlbaum. Der aus Basel stammende Absolvent der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) lässt in seinem apokalyptischen Thriller vier Menschen in ihrem bis auf einen Sehschlitz verdunkelten Kombi gegen die todbringende, sengende Sonne anfahren.

Marie (überragend: Hannah Herzsprung), hat mit ihrer kleinen Schwester Leonie (Lisa Vicari) und ihrem zögerlichen Freund Philipp (Lars Eidinger) die ausgestorbenen Städte hinter sich gelassen, auf der Suche nach Kühle, Schatten und Wasser. An einer Tankstelle stößt der undurchsichtige Tom (Stipe Erceg) zu ihnen, der sich jedoch als wahrer Freund erweist. Denn die verbliebene Landbevölkerung, matriarchalisch beherrscht von Altbäuerin Elisabeth (changierend zwischen Großmut und Bosheit: Angela Winkler), hat kannibalistische Pläne. Gedreht wurde im Cinemascope-Format unter anderem in einem Waldbrandgebiet auf Korsika. Hochverdient zeichnete die Jury des Förderpreises Deutscher Film „Hell“ mit dem Regiepreis in Höhe von 20 000 Euro aus. Beim Rohschnitt hatte Bernd Eichinger beraten. Als Executive Producer firmiert Roland Emmerich, Kinostart ist am 22. September.

Experimentelle Stoffe und ungewöhnliche Sichtweisen prägten die deutschen Premieren auf dem diesjährigen Filmfest München. Da wäre etwa Jan Zabeils Afrika-Meditation „Der Fluss war einst ein Mensch“, gedreht im immensen Okavango-Flussdelta in Botswana. Zabeil verlässt sich in seiner Abschlussarbeit für die HFF „Konrad Wolf“ auf die Ausstrahlung dieser unberührten Landschaft und die seines Hauptdarstellers und Co-Autors Alexander Fehling. Der Tourist scheint Opfer eines Zaubers zu werden, denn er verliert einen Fremdenführer nach dem anderen. Die Produzenten Benjamin Drechsel und Karsten Stöter erhielten für ihre Improvisationskunst ebenfalls einen Förderpreis.

Zwei mitreißende Ensemble-Filme sind die psychotische Improvisationskomödie „Unten Mitte Kinn“, die Nicolas Wackerbarth mit Schauspielabsolventen drehte, und Jörg Adolphs Dokumentation „Die große Passion“ über den Theater-Enthusiasten Christian Stückl und dessen Oberammergauer Festspiel-Inszenierung von 2010. „Achtung, Achtung, Verlust des Paradieses, letzte Durchsage“: Bei solchen Ausrufen ging ein großes Gelächter durch die Reihen der Laiendarsteller, viele davon in Tracht. Ein raubtierkapitalistisches Bayern, wie es im Oktoberfest kulminiert, zeigt Ben von Grafensteins ästhetisch ungewöhnliche Adaption von Ödön von Horváths Volksstück „Kasimir und Karoline“ von 1932. Der arbeitslose Kasimir muss zusehen, wie sich seine Karoline Sex und Geld bei Erfolgreicheren holt. Golo Euler erhielt für diese Rolle den Förderpreis als bester Nachwuchsschauspieler.

Gut 230 Premieren zogen dieses Jahr mehr als 65 000 Besucher zu den Vorstellungen und Diskussionen in die Kinos entlang der Isarmeile. Egal, ob der 85-jährige Roger Corman als „King of the B-Pictures“ in der Reihe „American Independents“ Anekdoten erzählt, Otar Iosseliani zum CineMerit Award erwartet wird, oder spätnachts Brian Welsh „In our name“ erläutert, sein sehr nordenglisches Drama über die Traumata einer Soldatin nach ihrem Irak-Einsatz: München wurde seinem Ruf als größtes und sicher auch entspanntestes Publikumsfestival gerecht. „Große Männer brauchen große Säle“ titelte die „Abendzeitung“. Sie meinte damit neben dem charismatisch dandyhaften Ehrengast John Malkovich („Ich werde dafür ausgezeichnet, Glück gehabt zu haben“) auch den Österreicher Peter Kern. Er hatte sich geweigert, seinen Film „Mörderschwestern“ (mit Helmut Berger) in einem „Mäusekino“ im Schatten der Multiplex-Spielstätten vorzustellen.

An martialischen Frauen herrschte kein Mangel. Die friesische Spökenkieker-Saga „Die Räuberin“ enttäuschte trotz der immer sehenswerten Birge Schade durch die bleischwere Inszenierung von Markus Busch. Doch David F. Wnendts „Kriegerin“ (koproduziert mit dem ZDF/Kleines Fernsehspiel) sorgte für Aufsehen. Alina Levshin aus Odessa spielt in diesem fundiert recherchierten Neonazi-Drama die hasserfüllte Supermarkt-Kassiererin Marisa, irgendwo in Ostdeutschland. Zu Liedzeilen wie „Holocaust Reloaded“ bringt sie sich mit ihrer Clique in Stimmung für Gewalttaten. Doch dann löst sich die ideologische Gewissheit auf. Ein gewagter, ungeschönter Film. David F. Wnendt erhielt den Förderpreis für das Drehbuch, Alina Levshin für ihre Darstellung.

Mut beweist auch Jan Fehses Film „Jasmin“, die klaustrophobische Befragung einer Mutter, die aus Überforderung zur Mörderin ihrer Tochter wurde (überragend: Anne Schäfer) durch eine Gerichts-Psychiaterin (Wiebke Puls). Der allgegenwärtige Lars Eidinger überzeugt nur bedingt als drogensüchtiger Georg Trakl in Christoph Starks Kostümfilm „Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden“. Umso anrührender dagegen die Debütantin Peri Baumeister als Trakls Schwester Grete, die der Inzest in den Abgrund reißt. Dass gut gemeint nicht gut gemacht bedeutet, zeigten „Frankfurt Coincidences“ von Enkelejd Lluca, eine „Lindenstraße“ in Zeitlupe rund um die multinationalen Bewohner eines Frankfurter Mietshauses, und die verunglückte Zeitgeist-Satire „Headshots“ von Lawrence Tooley. Loretta Pflaum irrt darin als Fotografin durch Berlin und verheddert sich in Wäscheständern. „Du hast zu viel Zeit“, konstatiert ihr Film-Vater.

Höchste Zeit wurde es für ein Wiedersehen mit „Deep End“ aus dem Jahr 1970. Jerzy Skolimowskis Kultfilm vom erotischen Entflammen des 15-jährigen Schwimmbadgehilfen Mike (John Moulder-Brown) für seine Kollegin Susan (Jane Asher) in einem Londoner Schwimmbad wurde digital restauriert. „Such a charming city“, schwärmt Moulder-Brown und erinnert sich mit Kameramann Charly Steinberger an die Dreharbeiten. Sie fanden zum Großteil in München statt, im Müllerschen Volksbad direkt an der Isar. Der Arri-Preis für die beste ausländische Produktion ging an den Abschlussfilm „Le Havre“ von Aki Kaurismäki. Nach acht erfolgreichen Ausgaben verabschiedet sich nun Festival-Leiter Andreas Ströhl, um zum Goethe-Institut zurückzukehren.

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