Kultur : Leuchtendes Beispiel

Die Berliner Weltverbesserungsmaschine: Friedrich von Borries stellt eine Pyramide vor den Hamburger Bahnhof.

Marcus Woeller
Vision mit Leuchtstoffröhren. Die Weltverbesserungsmaschine vor dem Hamburger Bahnhof steht in der Tradition von Freimaurern und Esoterikern. Foto: Clemens Finkelstein
Vision mit Leuchtstoffröhren. Die Weltverbesserungsmaschine vor dem Hamburger Bahnhof steht in der Tradition von Freimaurern und...

Berlin hat jetzt auch eine Pyramide. Und schließt damit auf zu Städten wie Las Vegas, Paris, Karlsruhe und Gizeh. Die hiesige Pyramide ist jedoch weder Casino noch postmoderne Museumspforte noch Grabmal von Markgraf oder Pharao. Berlin will selbstverständlich höher hinaus und propagiert die Pyramide schlicht als Weltverbesserungsmaschine. Der Architekt und Designtheoretiker Friedrich von Borries hat sie als Gerüstkonstruktion im Innenhof des Hamburger Bahnhofs errichtet: ein transparenter Tetraeder aus gleichschenkligen Dreiecken, illuminiert mit Leuchtstoffröhren.

Die archaische Architektur war schon immer ein Lieblingssymbol der Visionäre, Freimaurer, Esoteriker und Weltverbesserer. Borries will jedenfalls nachgewiesen haben, dass ab dem 17. Jahrhundert im „Spannungsfeld von Aufklärung und Absolutismus“ in Berlin eine sogenannte Weltverbesserungsmaschine entstanden sei. Die dürfe man sich freilich nicht als technische Maschine mit Zahnrädern und dampfenden Kolben vorstellen, sondern eher als Rechenmaschine oder als machtvolle Staatsmaschinerie.

Im Umfeld der um 1700 gegründeten Akademien der Künste und der Wissenschaften sowie den sich ab 1830 formierenden Königlichen Museen zu Berlin sei immer wieder – unter höchster Geheimhaltung versteht sich – an einer solchen Maschine geforscht und gebaut worden. Borries versteht sich nun als Baumeister ihrer kritischen Rekonstruktion. Der Professor an der Hamburger Hochschule der bildenden Künste und Mitglied der Nachwuchsabteilung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft und der Deutschen Akademie für Naturforscher Leopoldina verfolgt sein Ziel mit akademischen Weihen, aber auch mit Charme, Eloquenz, Ironie.

Denn die Quellenlage der Recherche erweist sich als riskant. Im Untertitel seines gerade als erster Beitrag zu einer „Kritischen Schriftenreihe zur Weltverbesserung“ im Merve-Verlag erschienenen Buchs deutet er die historischen Optimierungsideen vorsorglich als „Geschichte des fortwährenden Scheiterns“. Trotzdem interessieren ihn die freimaurerisch-utopischen Ideen und als Architekten natürlich die Pyramidenform. Die beschreibt in der Maslowschen Bedürfnishierarchie nämlich auch die soziologische Organisation menschlicher Motivation, von den physiologischen Grundbedürfnissen an der Basis bis zur individuellen Selbstverwirklichung an der Spitze der Pyramide.

Und weil das alles sehr akademisch ist, hat sich Borries einen Clou überlegt. Zur Illustration und Wiederinbetriebnahme der Weltverbesserungsmaschine organisiert er eine Schnitzeljagd durch die Staatlichen Museen, das Naturkundemuseum und das Deutsche Historische Museum. Mit Schatzkarte und neuer Beschriftung deutet er siebzig Exponate zu Beweisen seiner Feldforschung um. Die 5000 Jahre alte Skulptur eines liegenden Kalbes im Pergamonmuseum repräsentiert etwa den Ernährungstrieb, sich das Tier untertan zu machen. Ein Maschinengewehr im Deutschen Historischen Museum symbolisiert als Artefakt der Tötungsmaschinerie unseren degenerierten Wunsch nach Sicherheit. Eine Renaissance-Vedute in der Gemäldegalerie steht für die Sehnsucht nach sozial-räumlicher Ordnung und eine Christusfigur im Bode-Museum für das persönliche Scheitern als Ursprung aller neuer Hoffnung.

Ein solches Projekt, das sich als punktuelle Intervention in bestehende Ausstellungen versteht, ist höchst experimentell und für die Besucher, die sich darauf einlassen wollen, äußerst zeitintensiv. Für die Museen bietet es aber die Gelegenheit, neue Formate auszuprobieren und interaktiv mit den Sammlungen zu arbeiten, ohne sie in Sonderausstellungen unmittelbar zusammenbringen zu müssen.

Borries bringt „Die Berliner Weltverbesserungsmaschine“ vor allem Aufmerksamkeit. Der umtriebige „Macher, Vordenker, Nachdenker“ wie ihn Udo Kittelmann, der Direktor der Nationalgalerie, bezeichnet, hat längst den nächsten Optimierungsschub vorbereitet. Sein Designunternehmen RLF versucht nach eigener Aussage „Das richtige Leben im Falschen“ – so auch der gleichnamige Titel des Romans, den von Borries gerade bei Suhrkamp herausgebracht hat. Es will den Kapitalismus mit den eigenen Waffen schlagen.

Für solche Revolutionskapitalisten als Selbstverwirklicher par excellence ist in der Pyramide die Spitze vorgesehen und in der Ausstellung das letzte Exponat: das byzantinische Relief eines leeren Throns. Wer diesen Platz einnehmen könnte? Wohl nur von Borries selbst – als Meister vom Stuhl einer Weltverbesserungs-Großloge von Berlin. Marcus Woeller

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50, und verschiedene Berliner Museen, bis 20. 10.; www-berliner-weltverbesserungsmaschine.de.

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