Kultur : Liebe in Zeiten der Anorakmode

Shakespeares „Romeo und Julia“ mit Robert Stadlober am Schauspielhaus Hamburg

Katrin Ullmann

Es gibt sie also doch: Die wahre Liebe. Und die auf den allerersten Blick. Zumindest im Theater, etwa bei Shakespeare, in – na, klar! – Romeo und Julia. Doch noch ist Romeo (Robert Stadlober) in altes Liebesleid versunken. Wirr ist sein Haar, schwer sein Gemüt, und noch schwerer hängt sein Parka auf den schlaffen, zarten Schultern. Da kommt lautlos Jana Schulz als Julia. Ganz unverhofft, ganz androgyn. Den Busen weggebunden, die rosa Hosen aufgekrempelt, das Haar so kurz wie Romeo. Vorsichtig umstreift sie ihn, greift zärtlich in sein Wuschelhaar. Und schon geschieht das Wunderbare, das Tragische: Sie sehen und verlieben sich.

Kahl und kalt ist Dirk Thieles Bühnenbild: nur Brachland, alte Wasserbecken und zwei still gelegte Fördertürme. Da stützen schwindelnd hohe Stahlpfeiler eine lange Brücke, die den Bühnenraum durchquert und im dunklen Nirgendwo zu enden scheint. Industrieromantik pur. Ein guter Ort für einen ersten Kuss.

Aber nach dem Kuss muss Julia schleunigst zu Bett. Rufen ja zugleich die wohlwollende Amme (Christiane von Poelnitz) und die verspannte Mutter (Julia Malik) nach ihr. Nun-heirate-endlich lautet deren Ansage, und Julia träumt von Romeo. Doch der ist bekanntlich Feindes Sohn. Erst auf dem Balkon, hoch oben auf Thieles beeindruckender Förderbandbrücke, gibt Julia ihren herrlichen Gefühlen nach. Langsam befreit sie ihre Brüste vom engen BH-Tuch und bindet es sich um die Augen. Dem Bühnenhimmel zugewandt spürt sie dann ihr Liebesglück. Ganz ruhig und souverän spielt Jana Schulz diesen intimen Moment voll aus und ist durch nichts aus der Fassung zu bringen. Ebenso klar und entschieden wird sie kurz darauf ihren Romeo zur Hochzeit daten.

So wenig Nils Daniel Finckh in seiner Shakespeare-Inszenierung gelingen mag, dieser zarte Anfang glückt. Dass Romeo allerdings eher in seinen allzu trendigen Anorak (Kostüme: Judith Steinmann), von dem er sich den Rest des Abends nicht mehr trennen mag, als in Julia verliebt zu sein scheint, sei dabei hinten angestellt.

Schließlich verhakt sich der Rest der Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus – trotz der noch so modernen und angenehm gekürzten Prosafassung von Gesine Danckwart – in dumpfe Klischees. Da ist etwa der verzagt autoritäre Papa Capulet, gespielt von Thomas Kügel, der ob seiner eigenen Strenge in Tränen ausbricht, oder der halbnackte, tätowierte Hippie-Priester Lorenzo (Jörg Ratjen), der Gott mal eben lustig antelefoniert.

Auch Mercutio (Tillbert Strahl-Schäfer) und Benvolio (Felix Goeser) sind nur aufgeblasene Kanalratten. Mal spielen sie grobe Vergewaltiger, mal peinliche Straßenjungs. Zwischen Tybald (Guido Lambrecht) und Mercutio folgt schließlich ein sauber choreografierter und allzu zäher Stockkampf (Kampfszenen: Klaus Figge), in dem Mercutio so gar nicht sterben will. Umso fixer vollzieht Romeo dann seinen Rachemord. Die Strafe heißt Verbannung, und der Held muss ganz weit fort. So geht, nein, schlurft Robert Stadlober, einen langen Steg entlang, mitten hinein ins Parkett. Ins ferne Exil in Reihe acht.

Nils Daniel Finck hat eine ziemlich matte Liebestragödie auf die Bühne gebracht. Fern von Spannung, Herz und Mitgefühl. Stattdessen spritzt reichlich Blut und Wasser, und so sehen am Ende alle doch angemessen elend aus. Allen voran der Anorak.

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