Kultur : Lieber Mao als Willy

Sehnsucht und Scheitern: Gunnar Hinck beschreibt die deutsche Linke der 70er Jahre als Orientierungssucher.

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Das rote Jahrzehnt. Kaum eine Epoche der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte erregt die Gemüter bis heute so sehr wie die ominösen 70er. Zumeist junge Menschen – die einen radikal, die anderen gemäßigt links – probten den gesellschaftspolitischen Aufstand. Oft kam das Revolutionäre recht friedfertig daher. Doch immer wieder schlug der Protest gegen das „System“ in Gewalt um. Der revolutionäre Umsturz, das Ende der herrschenden Verhältnisse sollte erzwungen werden. Mit allen Mitteln. Selbst vor Terrorismus schreckten einige nicht zurück.

Die Rote Armee Fraktion mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof an der Spitze hatte dem Staat den Krieg erklärt. So fundamental brutal war ihr Kampf, dass die RAF, obwohl nur eine Kleinstgruppe im linken Spektrum, mit Morden, Entführungen und Banküberfällen einem ganzen Jahrzehnt ihren Stempel aufdrückte. Roter Stern und Maschinenpistole – sie haben als Zeichen der Zeit Einzug ins kollektive Gedächtnis gehalten. Zu Recht, möchte man sagen.

Dennoch verstellt die menschenverachtende Militanz der Mörderbande den freien Blick auf „die“ Linke der 70er- Jahre. Warum bekämpften Hunderttausende junger Menschen das in ihren Augen autoritäre Regime der Bundesrepublik? Wer waren die Aktivisten? Woher kamen sie, was trieb sie an? Warum übte der Sozialismus eine derartige Faszination aus? Und: Wie konnte es dazu kommen, dass Teile einer Generation zu blinden Sektierern wurden, in Allmachtsfantasien schwelgten oder lange Zeit vom Kadergehabe nicht lassen konnten?

Gunnar Hinck geht diesen Fragen in seinem spannenden, weil vielschichtigen und angenehm unaufgeregten Buch akribisch nach. „Wir waren wie Maschinen“ lautet der programmatische Titel seiner umfassenden Analyse. Wohltuend auch, dass der Autor (Jahrgang 1972) keine plumpe Abrechnung geschrieben hat. Bei aller berechtigten Kritik kommt immer wieder so etwas wie distanzierte Sympathie für die Linke zum Vorschein. Eher mit Erstaunen und Verwunderung als blindwütig anklagend, blickt Hinck auf die Aktivisten und Mitläufer, deren Engstirnigkeit, Blindheit, Attitüden.

Und seine Beobachtungen stimmen nachdenklich. Sie machen klar, dass diese Zeit und ihre Kinder etwas Besonderes, ja Einmaliges waren. Haben sie die Republik in Gänze vorangebracht oder doch zurückgeworfen – Hinck hat darauf keine Antwort parat. Er drückt sich um ein abschließendes Urteil. Dennoch gibt es bei ihm eine überzeugende Grundtendenz: Das rote Jahrzehnt, es war ein mühsames, ein extrem polarisierendes. Erstarrte Fronten, wenig Bewegung – dazu hat die vielfach übertriebene Radikalität der Linken ein gehöriges Maß beigetragen.

Wie aber sind diese 70er-Jahre überhaupt einzuordnen? Damit beginnen die Kontroversen bereits. Die einen sehen in der damaligen Bundesrepublik eine gefestigte Demokratie. Fanatiker von links hätten aber die hehren Werte der freiheitlichen Grundordnung nicht akzeptieren wollen und machten sich irrwitzige, gefährliche Lehren zu eigen. Die Radaubrüder und -schwestern – alles verwöhnte, größenwahnsinnige Bürgerkinder.

Andere dagegen halten den Staat der 70er Jahre für einen repressiven. Parteien, Gewerkschaften, Wirtschaft und die Regierenden haben nach dieser Lesart ein Machtkartell gebildet. Auf den verständlichen Widerstand der Freiheitsgesinnten sei mit unangemessener Härte reagiert worden. Demzufolge hätten sich die Linken zwangsläufig radikalisieren müssen.

Auch Hinck räumt ein, dass es durchaus berechtigte Gründe gab, die damalige Bundesrepublik für Versäumnisse und vor allem Fehltritte (Stichwort Extremistenerlass) zu kritisieren. Doch der Politikwissenschaftler macht auf einen interessanten Umstand aufmerksam, der die linke Militanz zu einem Anachronismus macht: Die Radikalität hat vor allem zu Beginn der 70er Jahre zugenommen – als das Land sich zu wandeln begann. Die Adenauerzeit gehörte der Vergangenheit an. Gesellschaftliche Entwicklungen durften hinterfragt werden. Neue Politiker vom Schlage eines Willy Brandt oder Heiner Geißler prägten nun die Parteien. Alte Feindbilder gerieten ins Wanken.

Dennoch hielten Marxisten, Trotzkisten und Maoisten ihrer jeweiligen Ideologie die Treue. Und das, obwohl diese Welterklärungshilfen kaum in der Lage waren, die Vorzüge und Missstände einer westeuropäischen Wirtschaftsnation zu erfassen. Mehr noch: Man huldigte mörderischen Figuren wie Stalin, Mao Tse-tung oder Pol Pot, erklärte und verklärte sie als Überväter. Warum? Das bleibt rätselhaft. „Ausgerechnet diejenigen, die als Antiautoritäre die Gesellschaft verändern wollten, suchten sich kommunistische Führer als Vorbilder, für die das Attribut autoritär eine höfliche Untertreibung wäre“, hebt Hinck zutreffend hervor.

Anderes mutet ebenfalls befremdlich an, auch wenn es zum Repertoire gängiger Erklärungsversuche gehört. So fehlt in den Biografien vieler linker Anführer dieser Zeit der obligatorische „Nazivater“. Die unmittelbare moralische Empörung, begründet durch familiäre Verstrickungen, ist nur selten auszumachen. Auch das Klischee vom Aufstand der bürgerlichen Wohlstandskinder, die ohne Not die Revolution anstrebten, findet in der Frühzeit der Protagonisten nur selten einen Anhaltspunkt.

Hinck folgert daraus (und belegt das mit diversen Zitaten), dass der Marsch ins oftmals gefährlich Irreale weniger konkrete, rational nachvollziehbare politische Gründe hatte, sondern vielmehr persönlich-biografische Erfahrungen den Ausschlag gaben. Dazu habe das Gefühl gehört, nicht behütet aufgewachsen zu sein, sondern „enthütet“, also ohne familiäre Geborgenheit und Rückhalt. Man sei auf der Suche nach Anleitung, nach Orientierung gewesen – und habe sie in den Schein-Gewissheiten radikal linker Ideologien schließlich gefunden. Dementsprechend sehnsüchtig wurde auf das Ende des vermeintlichen Unterdrückungsapparats sowie der Herrschaft des Kapitalismus hingearbeitet und stattdessen auf den Beginn der klassenlosen Gesellschaft gesetzt.

Daraus ist bekanntermaßen nichts geworden. Im Gegenteil. Die K-Gruppen-Mitglieder, die Spontis, die Radikalen von einst haben ihren Frieden mit dem System gemacht, sind in ihm aufgegangen. Aber den öffentlichen Diskurs versuchen einige immer noch mitzuprägen. Vor allem die Politiker und Journalisten unter ihnen sind noch recht aktiv, meinungsfreudig und zuweilen durchaus einflussreich. Was nicht zuletzt mit dem Aufstieg der Grünen zu tun hat. Von der neuen Partei, das arbeitet Hinck anschaulich heraus, ging Anfang der 80er Jahre eine regelrechte Sogwirkung aus.

Die im Scheitern begriffenen linken Gruppen fühlten sich bei den Ur-Grünen gut aufgehoben. Sie waren aus Sicht vieler Maoisten, Trotzkisten, Marxisten und Leninisten als Bewegung attraktiv, weil sich dort alle möglichen Strömungen versammelten: Pazifisten trafen auf Sozialisten, Feministinnen auf Umweltschützer, Vegetarier auf Bauern. „Es war keine geschlossene Welt, die feste Glaubensbekenntnisse verlangte oder fest gefügte Rituale vorgab. Die Grünen boten, gerade weil sie nicht etabliert waren, einen Anknüpfungspunkt für die Heimatlosen.“ Hinzu kam, dass Linksradikale und Früh-Grüne politisch ähnlich geprägt waren. Man nutzte teilweise die gleichen Protestformen, war gleich alt und antibürgerlich eingestellt.

Das war einmal. Die Linken von damals sind häufig die Bürgerlichen von heute, haben gute Jobs und eine schöne Wohnung in Berlin-Grunewald oder Pankow. Wer wollte es ihnen zum Vorwurf machen? Hinck tut das, macht sich ein wenig über die Fischers und Trittins lustig. Dabei müsste er wissen: Die Revolution frisst nun mal ihre Kinder.







– Gunnar Hinck:
Wir waren wie Maschinen. Die bundesdeutsche Linke der siebziger Jahre. Rotbuch Verlag, Berlin 2012. 464 Seiten, 19,95 Euro

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