Kultur : Lieber Zufall

AUSSER KONKURRENZ „The Science of Sleep“ von Michel Gondry

Sebastian Handke

Die Situation kennt jeder: Zwei Menschen kommen sich auf der Straße entgegen. Beim Versuch, sich auszuweichen, nehmen sie zufällig dieselbe Richtung, können sich fangen und vermeiden den Aufprall, indem beide in Gegenrichtung ausweichen – und so weiter. Ein Patt unglücklich-synchroner Bewegungen – „parallel synchonized randomness“, wie Stephane sagt. Vom Standpunkt der Mathematik aus könnte es so weitergehen bis in alle Ewigkeit. Aber leider hat das Leben nur wenig mit Mathematik zu tun.

„Das Hirn ist das komplizierteste Ding im Universum. Und es ist gleich hinter der Nase.“ Michel Gondry ist besessen von der Fähigkeit zum Träumen ebenso wie zur Bildung von Systemen – manchmal sogar beides gleichzeitig (man nennt es auch Inspiration). Wie der Zufall zufällig Sinn ergibt, ist eines seiner Lieblingsthemen. Das Feld, in dem Gondry dieses Spiel kommentiert, ist der Traum, und das Feld, in dem es gespielt wird, ist die Liebe. Denn was ist die Liebe anderes als eine zufällig sich ergebende Symmetrie?

Michel Gondry stellt nach seinem großen Wurf „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ einen kleinen, zauberhaften Film vor. Der entpuppt sich als ausgesprochen persönliches Werk: Wer mit Gonrdys Werdegang vertraut ist, wird in Stephane (Gawl Garcia Bernal) unschwer das Alter Ego des französischen Regisseurs erkennen. Stephane fällt es schwer, die Grenzen zwischen Traum und Welt aufrecht zu erhalten. Er ist kreativ, begabt und erfindungsreich, aber auch ein wenig lebensuntüchtig und schüchtern. Stephanes Vater ist gestorben, jetzt kehrt er zu seiner Mutter (Miou-Miou) in das Pariser Haus seiner Jugend zurück und hofft, in einem Atelier für Kalenderdesign unterzukommen. Dort zeigt man jedoch wenig Begeisterung für seine Vision einer „Katastrophologie“.

Dann zieht Stephanie (Charlotte Gainsbourg) in die Nachbarwohnung ein, eine ähnlich verspielt-kreative Natur, wenn auch von einer rätselhaften Traurigkeit umweht. Die Kommunikation gestaltet sich schwierig. Kontakt finden sie nur im kameradschaftlichen Ausleben ihrer kindlichen Bastelfantasien, oder wenn Stephane eine seiner Erfindungen vorführt, eine Zeitmaschine für Einsekundensprünge etwa. Doch immer dann, wenn er sich nähert, zieht sie sich zurück. Und umgekehrt. Klarer Fall von parallel synchronized randomness. Nur ein Zufall hebt das Patt auf. Oder ein Traum.

Gondrys visuellem Erfindungsreichtum sind auch in „Science of Sleep“ keine Grenzen gesetzt. Wie sein kindlicher Held ist er selbst ein präzisionsverliebter Tüftler mit einer außergewöhnlichen Begabung, geschlossene, sich selbst tragende Welten zu erfinden und auf eine sehr intime Weise darzustellen. Er kombiniert ganz unterschiedliche Materialien, Techniken und Stile: unvollkommene Stopmotion-Animation mit Alltagstrouvalien und avancierter Computertechnik. Das Ergebnis ist ein detailverliebtes Fest für die Augen, in dem sich Realität und Vision zunehmend überlappen. Die sprunghafte Originalität führt in dem knapp zweistündigen Film, der zudem fast ohne „reale“ Handlung auskommen muss, gegen Ende allerdings allerdings auch zu Verwirrung.

Glücklicherweise ist „Science of Sleep“ aber nicht nur mit dem leisen Humor des Surrealen, sondern auch mit ausgelassenem Slapstick und scharfem Dialogwitz gesegnet, wie überhaupt Gondrys Sinn für schnelles Timing seinen Film davor bewahrt, in possierlichem Manierismus zu versinken. Ähnlich komplex, aber weniger konzentriert als „Eternal Sunshine“, einem der klügsten Filme, die je über die Liebe gemacht wurden, ist der Nachfolger dessen argloses Gegenstück: eine Romanze aus der Sicht eines Jungen, der sich beharrlich weigert zu reifen. Die Trennung zwischen Traum und Tag findet nicht statt .

Heute 18 Uhr (Urania) und 23 Uhr

(Urania)

0 Kommentare

Neuester Kommentar