Kultur : Lieblich bis zur Erschöpfung Ein Buch über Isot Kilian, Brechts letzte Geliebte

Nicole Henneberg

Als sich der 56-jährige Brecht 1954 in die junge Isot Kilian verliebte, war er in einer schwierigen Lage. Zwar war das fünf Jahre zuvor gegründete Berliner Ensemble äußerst erfolgreich: Die Inszenierung des „Kaukasischen Kreidekreises“ eröffnete das neue Haus am Schiffbauerdamm, und „Mutter Courage“ gewann den ersten Preis beim Internationalen Theaterfestival in Paris. Doch mit den Frauen hatte Brecht Probleme: Helene Weigel war wegen seiner verletzenden Kritik gerade aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, und Ruth Berlaus seelischer Zustand wurde alkoholbedingt immer prekärer. Die neue Nebenfrau an seiner Seite war schön, charmant und halb so alt wie er; vor allem aber war sie sanft und bereit, sich an die ungeschriebenen Gesetze des Brecht-Clans zu halten.

Die Schauspielerin Isot Kilian, seit Beginn im Ensemble, wurde Brechts Assistentin und arbeitete bis zur Erschöpfung. Diese Hingabe muss Brecht zutiefst gerührt haben. Aber er schätzte auch ihre Offenheit. Während einer Autofahrt fragte er, was sie an ihm nicht möge. Er dürfe nicht so brüllen bei den Proben, meinte sie; und seine Anzüge könnten sauberer sein. „Er war ganz still und wollte noch mehr darüber wissen …“

In Kilians 1982 geschriebenen, bisher unveröffentlichten Erinnerungen, der Grundlage von Ditte von Arnims anrührender Biografie, wird ein überaus fürsorglicher Brecht sichtbar, der sich um eine Wohnung für die Geliebte kümmert und sogar die heiligen Arbeitssitzungen unterbricht, um mit Kilians kleinen Töchtern zu spielen. Wie in seiner Augsburger Zeit schreibt Brecht scheue Liebesgedichte und quält sich mit Selbstzweifeln: „Meine jetzige Freundin ist wie meine einstige am lieblichsten, wenn sie genießt. Und von beiden weiß ich nicht, ob sie mich lieben.“

Ditte von Arnim: Brechts letzte Liebe. Das Leben der Isot Kilian. Transit Verlag, Berlin 2006. 192 Seiten, 48 Abbildungen und Faksimiles. 18,80 €.

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