Liedermacher Walter Mossmann ist tot : Ein deutscher Chronist

Mehr als 50 Jahre lang war er ein politischer Botschafter mit der Gitarre: Walter Mossmann ist mit 73 Jahren an Krebs gestorben.

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Walter Mossmann (links) mit Studentenführer Rudi Dutschke (l) und Daniel Cohn-Bendit bei einer Protestveranstaltung gegen in Spanien verhängte Todesurteile am 19. Oktober 1975 in Offenbach Foto: dpa
Wenn er seine Lieder sang, dann wollte er etwas sagen: Walter Mossmann (rechts) mit Studentenführer Rudi Dutschke (l) und Daniel...Foto: dpa

Wenn er seine Lieder sang, dann wollte er etwas sagen. Wenn er etwas sagen wollte, dann sang er seine Lieder. Er war viel mehr als ein Liedermacher. Er war ein politischer Botschafter mit der Gitarre. Mehr als 50 Jahre lang.

Wer heute seine Lieder hört, der hört Zeitdokumente. Hört von der Enge der 60er Jahre und dem Aufbegehren dagegen, das zur Rebellion von ’68 führte. Er hört von Berufsverboten, vom Deutschen Herbst, von der Filbinger-Affäre, von der Ermordung Salvador Allendes, dem Chemieunglück von Seveso und vor allem vom Widerstand gegen die Atomenergie, für den er werbend durch die Lande zog, in die Hörsäle der Universitäten, zu den Bauzäunen. Lauter Geschichten aus grauen politischen Vorzeiten, eine Chronik der Erregungszustände vor allem der alten Bundesrepublik.

Mossman und seine "Flugblattlieder"

„Flugblattlieder“ nannte er seine Protestsongs. Sie waren stimmgewaltige Agitation, nahmen Stellung zu tagespolitischen Themen, oft plakativ, zornig, scharfzüngig mit unzähmbarer Lust am Streit. Ein Kampfgenosse des Rudi Dutschke und des frühen Wolf Biermann, mit dem er nach dessen Ausbürgerung zusammen auftrat.

Dabei hat er sich nie vereinnahmen lassen. Walter Mossmann, der Radikale, Undogmatische, ist nie ein Sprachrohr von Umweltschützern oder gar der grünen Partei gewesen. Er blieb eigensinnig, eigenwillig, unabhängig. 1982 bekam er den Deutschen Kleinkunstpreis.

In späteren Jahren genügten Mossmann die kurzen reportagehaften Balladen nicht mehr. Seine Lieder waren nun keine Lieder mehr, sie wurden zu Text- und Toncollagen. Auch thematisch veränderte sich sein Schaffen. Statt einfache politische Botschaften zu seinen Hörern zu bringen, suchte er nun Antworten auf Lebens-, Liebes- und Sinnfragen. Besonders eindrucksvoll etwa im zwanzigminütigen „Unruhigen Requiem“, einem Totengesang auf den in Nicaragua ermordeten deutschen Arzt Tonio Pflaum. Ein hartes, peinigendes Dokument des Zorns und der Verzweiflung, in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Heiner Goebbels.

Walter Mossmann Foto: dpa
Walter Mossmann wurde 73 Jahre alt.Foto: dpa

Mit 73 Jahren erlag er seinem Krebsleiden

Aber das Singen war immer nur einer seiner vielen Berufe. „Ich wollte Bücher machen, Radio, Filme, Theater, selbstverständlich auch eine Oper und hin und wieder Lieder“, schrieb er mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein schon in den 60er Jahren über seine Pläne. Er hat sie alle wahr gemacht, sogar das mit der Oper. „Heimat“ heißt sie und hat mit der Revolution von 1848 zu tun. Er schrieb das Libretto.

Am Freitagabend erlag Walter Mossmann in Freiburg, wo er viele Jahrzehnte gelebt hat, mit 73 Jahren einem Krebsleiden.

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