Literarische Sensation : Im Meer der Sprachen

Eine Sensation: Die Entdeckung von Stefano D’Arrigos Jahrhundertroman „Horcynus Orca“ - und auch seine deutsche Übersetzung durch Moshe Khan, die für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist.

Peter von Becker
Aus mythischen Tiefen. Stefano D’Arrigos Epos spielt in der Meerenge von Messina, hier die titelgebende „Orca“, ein Killerwal Foto: Imago Foto: imago/Anka Agency International
Aus mythischen Tiefen. Stefano D’Arrigos Epos spielt in der Meerenge von Messina, hier die titelgebende „Orca“, ein Killerwal...Foto: imago/Anka Agency International

Der Literatur- und Kulturbetrieb gilt oftmals auch als Haifischbecken. Wie jede andere Berufssparte, in der es größere und kleinere Fische gibt. Im Zeitalter aber der immer engeren globalen Vernetzung soll ein Goldfisch von der Größe, sagen wir: eines Killerwals, also ein vollkommen sensationelles Exemplar, uns durch die Maschen gegangen sein? Ein unbekannter Kafka mitten in Europa?

Tatsächlich bedeutet die Entdeckung des 1919 in Alì Marina bei Messina geborenen und 1992 in Rom gestorbenen Schriftstellers Stefano D’Arrigo jetzt nicht nur für Deutschland eine Sensation. Kaum ein Literaturkenner außerhalb Italiens hatte bis vor Kurzem seinen Namen gehört – oder ihn noch im Gedächtnis. Sein rund 1500 eng bedruckte Seiten umfassendes Hauptwerk heißt „Horcynus Orca“ und ist, nach einer abenteuerlichen Vorgeschichte, 1975 im Mailänder Verlagshaus Mondadori erschienen. Illustre Autoren wie Luigi Malerba, Italo Calvino, Claudio Magris oder später auch der amerikanische Kulturwissenschaftler George Steiner nannten D’Arrigo und sein „Horcynus Orca“ in einem Atem mit: James Joyce’ „Ulysses“, mit Marcel Prousts vielbändiger „Recherche“ oder Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, sie erkannten ihn als einen der größten Romane des 20. Jahrhunderts. Und trotzdem konnten wir dieses sagenhafte Buch bisher nicht lesen.

Der „Horcynus Orca“, dessen Titel den lateinischen Namen „orcinus orca“ für den Schwert- oder auch Mörderwal variiert, galt die längste Zeit als unübersetzbar. Die heute im S. Fischer Verlag erscheinende, von Egon Ammann als Herausgeber betreute deutsche Fassung (1471 Seiten, 58 Euro) ist so, nach vierzig Jahren, die überhaupt erste in einer anderen Sprache. Wobei man den in Berlin lebenden Übersetzer Moshe Kahn, der selber fast ein Jahrzehnt an seiner Übertragung gearbeitet hat, nicht einfach nur einen literarischen Dolmetscher nennen kann. Moshe Kahn ist hier auch zum souveränen Nachdichter geworden, der das Bonmot von Karl Kraus, dass „übersetzen“ sehr eigentlich „üb’ ersetzen“ bedeute, in einer kaum vorstellbar mühseligen und zugleich grandiosen Weise beglaubigt hat.

Mit Recht ist Kahn jetzt mit „Horcynus Orca“ für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert. Bereits 1976 hatte er (mit Marcella Bagnasco) erstmals eine Gedichtauswahl Paul Celans ins Italienische und später dann Pasolini, Malerba, Andrea Camillieri und Primo Levi ins Deutsche übersetzt. Am 23. März wird der als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie 1942 in Düsseldorf, versteckt im Untergrund, geborene Kahn im Berliner Bode-Museum für sein jüngstes Werk sowie für seine bald lebenslange Vermittlung zwischen italienischer und deutscher Kultur eine besondere Auszeichnung erhalten, im Beisein des italienischen Außenministers Paolo Gentiloni. Die Laudatio hält Claudio Magris.

Zurück zu diesem absolut ungeheuren Buch mit dem leicht ins Mythische verschobenen Mörderwal-Titel. Es geht um vier Nächte und fünf Tage vom 4. bis 8. Oktober 1943, in denen ’Ndrja Cambria, Matrose der italienischen Kriegsmarine, seine Einheit in Neapel verlässt und sich zu Fuß auf den Weg zurück in sein Heimatdorf auf der sizilianischen Seite der Meerenge von Messina macht. Aus diesem knappen Plot wird freilich eine Odyssee – der Sprache. Denn das anderthalbtausendseitige Epos, das zwischen Messina und dem italienischen Festland auch in der Meereslandschaft zwischen Skylla und Charybdis, also zwischen den Monsterklippen der homerischen Seefahrer spielt, dieses Buch hat Stefano D’Arrigo in einer Kunstsprache geschrieben, die solcherart noch nicht existierte.

Es ist ein poetisch gehobenes Sizilianisch – das für sich schon eine eigene Sprache und mehr als nur einen italienischen Dialekt darstellt. Bei Stefano D’Arrigo aber schwemmt es, wie Ströme und Strandgut des Meeres, neben dem kontinentalen Italienisch noch das Griechische, das Arabische, Normannische, Spanische, Französische und Fantastische mit. Aus oft schwer ergründlichen Tiefenschichten lässt der Roman die Idiome und Inbilder jener aus allen Windrichtungen in die süditalienische Inselwelt verschlagenen Völker aufsteigen: ihrer Eroberer und Schiffbrüchigen, ihrer Kolonialherren, Sklaven, Fischer, Handwerker und Bauern, ihrer Gelehrten, Geliebten, Magier, Verrückten, ihrer Träumer, Trinker und Poeten.

Einfach beginnt es. Als der desertierte junge Matrose ’Ndrja (für italienisch Andrea) vor „dem Meer stand und man wegen einiger perlmuttener Lichtzuckungen noch deutlich sehen konnte, brach die mondlose Nacht unvermittelt herein, mit jenem jähen und windschnellen Wechsel von Licht zu Dunkel, mit denen Neumondnächte auch im hellsten Sommer herabfallen. Rauchige Wolkenschwaden hatten, als wälzten sie sich von den Höhen des Aspromonte und des Antinnamare herunter, die offene Durchfahrt zwischen beiden Meerufern in ein einziges schwarzes Gebrodel getaucht...“

Knapp 1300 Seiten später dann eine Kriegsszene, die gespenstisch an das erinnert, was die afrikanischen Bootsflüchtlinge heute vor Lampedusa und Sizilien erfahren. Das Tyrrhenische Meer zwischen Italien und Afrika ist im Herbst des Jahres 1943 für den zivilen Verkehr, auch für den so überlebenswichtigen Fischfang gesperrt. Deutsche, Italiener und Briten schießen auf die oft heimlich auslaufenden Fracht- und Fischerboote, die hier Feluken, Lanzitten (Lanzenschiffe) heißen oder nur Barken: alle überladen „von der großen Zahl von Menschen, die (...) sich mit Zähnen und Fingernägeln an den Rändern festbissen oder festkrallten, (...) und während ein Teil vom Maschinengewehrfeuer und vom Splitterbombenbeschuss getötet wurde, ertranken die meisten mit der Barke, und ihre Zungen hatten sich derart verheddert zwischen Barke und Bare, Barke und Bare, Bare und Barke...“

Um die Toten erklingt als Ruf auch ein arabeskes „Barke...bar...ebar...kebar“. D’Arrigo spielt dabei im Original mit den Worten „arca“ für Arche, „barca“ für Barke und „bara“ für Bahre, denn es sind Schiffe ins Totenreich, und die Meerenge gleicht dem antiken Acheron. Moshe Kahn verdichtet das Wortspiel noch weiter, indem er die Schiffsbahre ohne „h“ auch zur Baren macht, zur Nackten, dem entblößten Wrack. Und im italienischen „arca“ klingt wiederum die „orca“ mit: der Delfin und sein größtes, gefährliches Exemplar, der Schwert- oder Killerwal.

Ursprünglich sollte der Roman „La testa del delfino“ („Der Kopf des Delfins“) heißen und 1961 erscheinen. Da war der gebürtige Sizilianer D’Arrigo schon ein in Italien preisgekrönter Lyriker und durch Vorabdrucke auf dem Weg zu literarischem Ruhm. Auch hatte der Münchner Piper-Verlag damals eine Option auf die deutsche Übersetzung. Doch kurz vor Erscheinen, bei der Endkorrektur der Druckfahnen, begann der Autor, das scheinbar fertige Buch (von immerhin 600 Seiten) noch zu erweitern. Dies dauerte 14 weitere Jahre, bis daraus der mehr als doppelt so umfängliche „Horcynus Orca“ geworden war. Der römische Haushalt von D’Arrigo und seiner Frau Jutta, der das Buch gewidmet ist, muss zwischenzeitlich einem Netzwerk aus Wäscheleinen mit den drangeklammerten Fahnen und Anhängen geglichen haben. Später besuchte der junge Moshe Kahn dort auch das Ehepaar D’Arrigo und wurde zum Vertrauten der beiden.

Kahn lebte in den 70er/80er Jahren überwiegend in Italien, war Philologe, Altorientalist, Judaist, übersetzte, produzierte Dokumentarfilme und arbeitete als Assistent Luchino Viscontis bei dessen Operninszenierungen und bei Fellinis „Satyricon“. Hinter dem Schreibtisch in seiner Altbauwohnung in Berlin-Moabit, wo die Mammutübersetzung vollendet wurde, steht eine Fotografie von Ingeborg Bachmann, der er in Rom 1970 die Nachricht vom Selbstmord ihres Ex-Geliebten Paul Celan überbrachte; dazu ein Porträtfoto von Celans Frau, der Künstlerin Gisèle Lestrange, deren expressive Radierungen im Raum hängen.

Weil D’Arrigo mit unzähligen Wortschöpfungen arbeitete, hat auch Kahn laufend eigene Neologismen erfinden müssen, manchmal lautmalerisch-doppelsprachige wie „Purparleh“ für ein Geplauder (das hätte Arno Schmidt gefallen), oder Steigerungen wie „dichtdicht“ und „ohräugen“. Aus „slabbrato“ für ausgefranst wird mundgerechter, sinnlicher ein „zerlippt“, und manchmal spürt man im hymnisch Verstiegenen oder Verstockten nach, dass der Originalautor D’Arrigo über Hölderlin promoviert hatte. Sirenenhafte Zauberinnen pissen in den enthaupteten Steinkopf Mussolinis, bei der Fischjagd wird das Meer zur zuckenden Tierhaut, zum blutigen Schlachtfeld: sprachmächtig wie in Melvilles „Moby Dick“, doch zugleich surrealer, archaisch entrückter. Bisweilen auch kunstgewollter.

Am Ende trifft ’Ndrja zwischen Skylla und Charybdis eine Kugel in den Kopf. Fast am Ziel wartet der jähe Tod. Da hat sich das unerhörte Buch, das mit seinem Wortreichtum ( im durchfließenden Text ohne Kapitelgliederung) nur ein Minimum an Handlung bewegt, auch an sich selbst erschöpft. Und der Leser hat die Lektüre geschafft wie die Ersteigung eines Achttausenders. Was dann bleibt, ist die Bewunderung. Für diesen besessenen Dichter Stefano D’Arrigo, der später nur noch einen viel kleineren Roman geschrieben hat („La cima delle nobil- donne“, „Der Gipfel der edlen Frauen“) – und für seinen hingebungsvollen, kongenialen Interpreten Moshe Kahn.

Am 25. Februar um 19 Uhr wird „Horcynus Orca“ mit Lesung und Diskussion von Moshe Kahn u.a. im Italienischen Kulturinstitut in Berlin vorgestellt (Hildebrandstraße 2, freier Eintritt).

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