Literatur : Bücher helfen immer

Eigensinnig und offen, Hauptsache unideologisch: Zum 70. Geburtstag des Schriftstellers F. C. Delius. Der Büchner-Preisträger hat ein Werk geschaffen, in dem sich nicht nur zwischen Realismus, Autobiografie, Dokumentation und literarischem Spiel angesiedelte Erzählungen und Romane finden, sondern zudem beachtliche, wenngleich wenig beachtete Gedichtbände

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F.C. Delius
F.C. DeliusFoto: dpa

Als sich Friedrich Christian Delius Ende der neunziger Jahre als Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt vorstellte, tat er das unter anderem mit den Worten: „Sie sehen hier einen Mann, den Sie, nach Akademie-Maßstäben, für verhältnismäßig jung halten werden. Bitte vergessen Sie nicht, dass Sie einen Veteranen vor sich haben.“ Delius erklärte sein Veteranentum damit, dass er noch ohne Fernsehbilder erzogen und in Wirtschaftswunderzeiten groß geworden war. Und überhaupt halte er sich für einen altmodischen Menschen, der die „bewusstseinserweiternden Wirkungen von Sprache und Dichtung bei allen Zweifeln lieber überschätzt als unterschätzt“.

Tatsächlich ist Delius noch aus anderen, von ihm seinerzeit dezent verschwiegenen Gründen ein Veteran. Obwohl erst 1943 in Rom geboren und dann im nordhessischen Wehrda als Sohn eines Pfarrers aufgewachsen, hat er praktisch die gesamte Epoche der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur auch aktiv miterlebt.

Als gerade einmal 21-Jähriger hatte er 1964 seinen ersten Auftritt bei der Gruppe 47 im schwedischen Sigtuna, auf Empfehlung von Klaus Wagenbach, der ein Jahr später einen Gedichtband von ihm veröffentlichen wollte, „Kerbholz“. Und weil es diverse Absagen gab, wurde er von Hans Werner Richter auch eingeladen. Nachdem er ohne größere Blessuren seine Lesung überstanden hatte, war der Weg „hin zu den Büchern“ vorgeschrieben, so erinnert sich F. C. Delius in seinem im vergangenen Jahr erschienenen autobiografischen Buch „Als die Bücher noch geholfen haben“: „Nach der Sigtuna-Erfahrung traute ich mir alles, fast alles zu auf dem großen Arbeitsfeld der Sprachbehandler und -verwandler, in den Werkstätten des literarischen Betriebs, die sich nach und nach öffneten.“

Delius war dann bis zum letzten offiziellen Treffen der Gruppe 47 im Jahr 1967 im fränkischen Pulvermühle jährlich dabei, und als es im Gefolge von 1968 zu einem Paradigmenwechsel auch in der Literatur kam, stand er mitten im Zentrum des Geschehens: als Lektor bei den Verlagen Wagenbach und Rotbuch. Und als Schriftsteller, der mit seiner parodistischen Festschrift „Unsere Siemens-Welt“ den Siemens–Konzern gegen sich aufbrachte, mit diesem jahrelang Prozesse führen und sich gegen Unterlassungsklagen zur Wehr setzen musste. Delius wurde zum typischen 68er-Autor, zum „68er-Delius“, zum „Polit-Delius“, alles Etiketten, die er mit Äußerungen wie „Ich bin eigentlich ein 66er“, „Ich war 68 schon zurückgeblieben“ oder „keine politische Bewegung ist so auf ihre Mythen und Klischees hereingefallen wie die 68er“ abzulösen versuchte.

Das aber tat er nie lautsprecherisch, mit großer Geste, sondern lieber mit klugen Argumenten und einer leisen, der Sprache verpflichteten Genauigkeit. Vor allem aber hat Delius sich mit den politischen Verhältnissen und Turbulenzen der Bundesrepublik und später des wiedervereinigten Deutschlands literarisch auseinandergesetzt, hat er die Bewusstseinslagen des Landes erzählerisch fein erkundet: in drei Romanen über die RAF und den Deutschen Herbst, in Erzählungen wie „Die Birnen von Ribbeck“ oder „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“, einem Roman wie „Adenauerplatz“, nicht zuletzt in wunderbar einfühlsamen, autobiografisch grundierten Büchern wie „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ oder „Bildnis meiner Mutter als junge Frau“.

Es muss einerseits mit einer aus seiner Biografie herrührenden Zurückhaltung zu tun haben, andererseits mit dem Fehlen jedes zweck- und trendgerichteten literarischen Alarmismus seiner Bücher, dass die Begeisterung verhalten ausfiel, als ihm 2011 der Georg-Büchner-Preis zuerkannt wurde.

Doch wer, wenn nicht Delius, sollte einen Preis erhalten, der stets auch die Würdigung eines ganzes Werkes ist? Ein Werk, das im Fall von Delius so vielfältig wie kaum ein zweites ist, in dem sich nicht nur zwischen Realismus, Autobiografie, Dokumentation und literarischem Spiel angesiedelte Erzählungen und Romane finden, sondern zudem beachtliche, wenngleich wenig beachtete Gedichtbände.

Mit dem Büchner-Preis schließt sich natürlich ein Kreis. Doch selbst jetzt, da F. C. Delius am heutigen Mittwoch 70. Geburtstag feiert und langsam auch lebensaltertechnisch als Veteran bezeichnet werden muss, als enorm erfolgreicher dazu, kann man ihn noch immer für „verhältnismäßig jung“ halten. Erst recht, wenn er in die Tat umsetzt, was er sich für die Zukunft vorgenommen hat: „Eigensinnig und offen für alles zu sein, Hauptsache unideologisch.“ Gerrit Bartels

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