Literatur/Film : Wie er die Welt sieht

Zum 70. Geburtstag kommt ein Film über den amerikanischen Schriftsteller John Irving in die Kinos.

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Schriftsteller, Ringer, Vater. John Irving in André Schäfers Dokumentarfilm.
Schriftsteller, Ringer, Vater. John Irving in André Schäfers Dokumentarfilm.Foto: dpa

So sieht er also die Welt. Das hätte man sich ja denken können: John Irving, der kanadische Bestsellerautor, der am heutigen Freitag seinen 70. Geburtstag feiert und dessen Romane „Garp und wie er die Welt sah“, „Hotel New Hampshire“ oder „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ auch als Filme erfolgreich waren, findet seine Figuren und Inhalte auf den Straßen, in Kanada und ausgewählten europäischen Großstädten. Dorthin kehrt er seit seiner Studienzeit in Wien immer wieder zurück, auf Storysuche.

Sehr viel Raum gibt der Dokumentarfilmer André Schäfer den Originalen von Irvings Protagonisten in seinem Film „John Irving und wie er die Welt sieht“ (in Berlin im Babylon Mitte und Moviemento): die Belegschaft eines Krankenhauses in Zürich; die freundlichen Polizisten aus dem Amsterdamer Hurenviertel; die Exprostituierten, die Irving bei seiner Recherche offen aus ihrem Leben erzählten; die Organisten, bei denen Irving für das in mehreren Büchern auftauchende Orgelspiel spickte. Alle diese Menschen haben ihn an ihren Erfahrungen teilhaben lassen, um sich später, prosaisch dramatisiert, in seinen Büchern wiederzufinden. Und dann angesichts von Irvings geschmeidiger Erzählersprache geschmeichelt zu sein.

Das allein ist nicht ungewöhnlich. Die wenigsten Autoren finden ihre Inspiration nur in sich selbst. Die wichtigsten, persönlichsten Aussagen hat der Regisseur leider ans Ende seines behäbigen, mit Klaviergeklimper unterlegten Films gesetzt: Da erzählt Irving, wie sehr ihn die Elternschaft verändert hat, wie stark seine Motive seitdem von der Angst um die Kinder geprägt sind. Und er berichtet von dem Gefühl, als Erwachsener plötzlich vom eigenen unbekannten Vater zu hören. Denn das ist fast das stärkste seiner Lieblingsthemen: In jedem Buch gibt es eine Figur mit ungeklärter Elternsituation oder eben einen Erwachsenen, der ein Kind verlor. Bis dahin hat man Irvings Insel (gut), seinen Hund (sehr gut) und seine Frau (eher oberflächlich) kennengelernt. Man hat seine Lektorin und seinen Arzt gehört, hat ihn beim Ringen schwitzen sehen und Ausschnitte aus Büchern vorgelesen bekommen.

Der Einblick aber in den Menschen selbst, der zwar gern seine Papierstapel zeigt und den anderweitig geäußerten Interviewsatz wiederholt, das Ringen und die Schriftstellerei fühlten sich für ihn ähnlich an, bleibt zwischen Freundlichkeit und Distanz stecken. Auch die filmischen Adaptionen seiner Bücher, die ihm einen Oscar einbrachten, sind kein Thema. Dabei hätte man da wirklich neue Aussagen einholen können, statt sich in langatmig atmosphärischen Bildern von Zugfahrten, irvingfreien Gängen durch das Amsterdamer Rotlichtmilieu und unerheblichen Orgelspielaufnahmen zu verlieren. Über den Menschen Irving erfährt man nicht wirklich viel. Oder aber, und das wäre dann wieder interessant, es steckt schlicht nicht viel mehr dahinter. Jenni Zylka

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