Literatur über Tod, Trauer und Trost : Geschichten, die das Sterben schreibt

Den Skandal der Schöpfung nannte Elias Canetti einst den Tod. Er und das Sterben sind des Menschen größte Angst. Zwei aktuelle Werke begegnen ihr - mit Liedern, Briefen, Lebensfreude.

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Letzte Ruhe. Ein Grabstein auf dem Naturfriedhof Sankt-Ursula in Bayern.
Letzte Ruhe. Ein Grabstein auf dem Naturfriedhof Sankt-Ursula in Bayern.Foto: dpa

Der Karfreitag meint demnächst wieder das Gedenken des christlichen Sterbens, vor der österlichen Auferstehung von den Toten. Dieses Osterwunder, an das sogar die SPD seit Sankt Martin glaubt, berührt auch Atheisten – und Gnostiker. Gerade hat Botho Strauß in der neuen „Zeit“ die Hoffnung auf Rettung beschworen: durch den heiligen Geist der alle sozialen Diskurse mit ihrem Eigensinn transzendierenden, reinen Dichtung. „Was der Romantiker gegen die beginnende Industrieepoche war, muss der poetische Myste gegen die amusische Intellektualität der Wissensgesellschaft sein.“ Schreibt der musische Intellektuelle B. S. über die Wiederauferstehung von Mysterium, Mystik, Poesie.

Bleibt trotzdem: der Tod. Jener Meister nicht nur in Deutschland, den Elias Canetti den „Skandal“ der Schöpfung nannte. Buchstäblich: ein „Todfeind“. Er selbst ersehnt in seinem aus dem Nachlass kompilierten „Buch gegen den Tod“ (Carl Hanser Verlag, München 2014, 352 Seiten, 24,90 €) eine imaginäre Wiederbegegnung, indem er notiert: „Die einzigen Briefe, die ich gerne schreiben möchte, wären solche an meine Toten.“

Lieder die Erinnerung, Trost und andauernde Freude spenden

Bleibt das Sterben, das die meisten mehr fürchten als den Tod. Alfred Kerr hatte einst gesagt, der Tod sei jedem gewiss, „aber welcher?“. Der in Frankfurt am Main lebende Autor und Regisseur Stefan Weiller, früher Lokalreporter der „Frankfurter Rundschau“, begann im Jahr 2009 ein intermediales „Kunstprojekt für Solidarität und soziale Teilhabe“. Dafür interviewte Weiller zwischen Saarbrücken und Berlin zunächst über 200 obdachlose Menschen und hat ihre oft erstaunlichen Überlebensgeschichten zu einer „Winterreise“ durch Deutschland verwoben, zur Musik des gleichnamigen romantischen Liederzyklus von Franz Schubert. Ein Projekt, bei dem 2012 für eine wunderbare Aufführung zum Beispiel in der Berlin-Kreuzberger Heilig-Kreuz-Kirche Musiker, Sänger und Schauspieler wie Leslie Malton und Ulrich Matthes ehrenamtlich mitgewirkt haben.

Seitdem hat Weiller neue Gespräche mit über 100 Menschen geführt – diesmal Sterbenden in Hospizen. Er hat sie auf seine feinfühlige Art nach Liedern befragt, die für sie eine besondere Rolle gespielt hatten und im Angesicht des Todes noch spielen. Als Erinnerung, Trost, als andauernde Freude. Daraus ist ein höchst lesenswertes Buch entstanden: Stefan Weillers „Letzte Lieder. Sterbende erzählen von der Musik ihres Lebens“ (Edel Verlag, Hamburg 2017, 255 Seiten, 19,95 €). Ob die Gesänge der Wale, ob Händel, Mercedes Sosa, ein Volkslied oder Alice Cooper – immer sind die gefühlvollen, aber unsentimentalischen Erzählungen der alten und jungen Sterbenden ein Stück Menschen- und damit, nach jüdischem Glauben, auch Menschheitsgeschichte.

Kleine Geschichten eines Berliner Schriftstellers

Kleine Geschichten, die als Miniaturen mitunter fast schon große sind, denkt sich in Berlin ein als Schriftsteller noch weitgehend Unbekannter aus. Es ist Georg Gehlhoff, Historiker und Italianist, im Alltag Pressesprecher des Italienischen Kulturinstituts in der Botschaft am Tiergarten. Seit 2015 hat er zwei schön gestaltete Erzählbändchen herausgebracht: „Frau Henning. 40 skurrile Geschichten“, dann „Die Butternäherin“, ein bestrickender Titel (Books on Demand, Norderstedt, 120 und 132 Seiten, 9/ 10 €).

Es sind Tagträume, Anekdoten, moderne Märchen voller Absurdität, mit Anmutungen, was ihre höheren Vorbilder betrifft, an Kleist, Hebel, ein bisschen Kafka und Queneau. Wären es Zeichnungen, dann dächte ich an Sempé. Melancholiker, Komiker, Stoiker treffen zwischen Berlin, Bologna, Amerika, Afrika aufeinander. Eine Geschichte heißt „Der Dachschwimmer“: „Es ist heiß in der Großstadt. John hat kein Geld fürs Freibad und der Ozean ist weit weg. Er sonnt sich auf den Dachziegeln. Wenn er sie umdreht, sind sie kühl wie das Meer. Er stellt sie sich als Wellen vor. Er gleitet ins Wasser. Die Beine strampeln, die Arme rudern, der Kopf taucht unter und wieder auf. John fühlt sich erfrischt. Ermutigt schwimmt er weiter hinaus. In den Lokalnachrichten heißt es, er sei auf Grund eines Hitzschlages vom Dach gefallen.“ – Da wäre ich auf mehr und gerne auch mal auf eine größere Geschichte gespannt.

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