Literatur & Alltag : Meine Sicht der laufenden Ereignisse

Der Künstler Tobias Premper notiert seit Jahren seine Alltagsbeobachtungen in Notizhefte. Jetzt ist daraus ein Buch entstanden – im renommierten Steidl Verlag.

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Momentesammler. Tobias Premper vor den handschriftlichen Aufzeichnungen aus acht Jahren. Foto: Mike Wolff
Momentesammler. Tobias Premper vor den handschriftlichen Aufzeichnungen aus acht Jahren. Foto: Mike Wolff

Tobias Premper,Steidl,LiteraturDer erste Satz ist ein Abschied. Bei Tobias Premper geht er so: „Ich schreibe diese Verse wie meine letzten. Und wenn ich ein Mädchen küsse, dann nur, weil ich sie für immer küssen möchte.“ Es ging noch viel weiter, aber so hat es angefangen, auf der ersten Seite eines grünen Notizbuchs im Oktober 2004, in einem Café in Wiesbaden, alles war irgendwie fertig, die Frau fast weg. Da hat Tobias Premper beschlossen, das festzuhalten, was zählt.

Acht Jahre und 17 grüne Notizbücher später steht der Künstler barfuß und bärtig in seinem Kreuzberger Arbeitszimmer und schaut ernst. Dabei hat er allen Grund zur Freude: Aus seinen gesammelten Notizen ist ein wunderschönes Buch geworden, und dieses Buch ist bei Steidl erschienen, dem Günter-Grass-Verlag, dem Kunstverlag, den der Verleger noch selbst führt, den Druckerkittel am Leib. Premper hat Gerhard Steidl Postkarten nach Göttingen geschrieben, immer wieder, mit Notizen darauf und mit Grüßen. Man telefonierte, und am 30. Juni 2010, dem Tag, an dem Wulff zum Bundespräsidenten gewählt wurde und der Verleger als Mitglied der Bundesversammlung in Berlin war, hat Premper ihm das Manuskript überreicht. So hat das angefangen.

Es ist deshalb bedeutsam, wo Prempers Buch erschienen ist, weil es zunächst unerhört scheint, dass ein großes Verlagshaus fast 300 Seiten mit Notizen im Hardcover herausbringt. Andererseits haben diese geschliffenen, stolzen, lebens-, liebes- und literaturgesättigten Miniaturen keinen anderen Rahmen verdient. „Das ist eigentlich alles“, so heißt das Werk, es ist ein Kunstbuch geworden, eines zum Immer-wieder-Aufschlagen, zum Darin-Herumwandern, so wie der Autor durch die Stadt zieht, mit offenen Augen und gezücktem Stift: „Zwei Jungs standen vor einer Haustür und aus der Gegensprechanlage drang eine Frauenstimme: ,Na, ist euch kalt?’ Und einer der Jungs antwortete: ,Nein, wir haben Angst.’“

Tobias Premper wurde 1974 im niedersächsischen Celle geboren, er ist ein ruhiger Mensch, hat Sinn für Humor, aber er nimmt die Dinge nicht leicht. Mit Anfang 20 begann er zu schreiben, neben dem Studium, bisschen Jura, bisschen Literatur und Philosophie, bisschen Arbeit in einer Werbeagentur. Premper malte, fotografierte, machte Musik, die Druckkosten seines ersten Gedichtbandes bezahlte er mit einem Bild.

Und irgendwann fragte er sich: Wie kann ich mit all diesen verschiedenen Ideen umgehen? Premper wusste: „Viele Dinge, wenn ich sie nicht dokumentiere, vergesse ich sie.“ So begannen die Notizen, und so entstand die Idee zu den „Boxenbüchern“. Seit 2006 gibt Premper diese Blattsammlungen heraus, elf sind bisher erschienen. Jeweils zwischen 50 und 100 Seiten, Zeichnungen, Collagen, Stempelungen, Kopien, verpackt in einem Stülpkarton. „Jede Box ist ein Original mit dem gleichen, variierenden, ähnlichen Inhalt“, schreibt der Künstler auf seiner Homepage.

Die Boxen stapeln sich in Prempers Arbeitszimmer, einer aufgeräumten Stube voll mit Büchern und Bildern und CDs, auf dem Tischchen neben dem Sofa steht ein Aschenbecher. Abgelegt in einem Schrankfach sind die Notizhefte zu sehen, aktuell führt Premper das 23. Er ist eben Sammler, das hört ja nicht auf: „,Na’, begrüßte mich D., als ich gerade noch etwas ins Notizbuch schrieb, ,sprichst du wieder mit deinem Notizbuch?’“

Für Premper sind seine Miniaturen „die Quelle, aus der sich alles speist“, „meine Sicht der laufenden Ereignisse“, Stimmungen, Ansätze für Geschichten. Die Sudelbücher von Lichtenberg und Tucholsky nennt er als Vorbilder, man kann auch an Rolf Dieter Brinkmanns Alltagsnotizen denken und an Max Frischs Tagebücher. Im Moment arbeitet Premper an einem Erzählband, auch für Steidl, kurze Stücke, Halbseiter, die Grundlage für einen Roman, der auch kommen soll, später.

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