Literatur und Film : Die Frommen und die Barbaren

Suggestive Séance mit Hilfe des Mystikers Jacob Böhme: "Morgenröte im Aufgang", ein Film von Ronald Steckel - und eine Hölderlin-Edition von Harald Bergmann.

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Jakob Böhme, 1686/1715, Pieter Stevens van Gunst.
Jakob Böhme, 1686/1715, Pieter Stevens van Gunst.Foto: Wikipedia

Zwischen den Jahren – eine Zeit an der Grenze, voller Wünsche und Visionen. Die Künste und die Künstler aber gehören jederzeit zu den Grenzgängern. Maler denken oft in Geschichten, Schriftstellern in Bildern, Filmemacher in beidem, und der vor 40 Jahren allzu früh bei einem Autounfall in London (vor einem Pub namens „Shakespeare“) ums Leben gekommene Dichter Rolf Dieter Brinkmann träumte zeitlebens von einem Film in Worten.

Filme, erfüllt von Worten, meinen mehr als Literaturverfilmungen. Und „Ver-filmung“ hat ja auch einen Beiklang von Wahrheit. Solche Filme wirken oft redselig oder illustrativ und allemal bildarm. Poesielos. Die Ausnahmen sind von ganz anderer Art. Am radikalsten, oft nur noch auf Worte und Töne (auch der Musik) gegründet, waren Ende der rebellischen 1960er Jahre die Filme von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet, etwa ihre „Chronik der Anna Magdalena Bach“ oder „Othon“: sperrig, innig, handlungsarm.

Schauspieler und Filmer Klaus Weingarten hat tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit Jacob Böhme

Wie das äußerlich Handlungsarme zum eigenen Reichtum werden kann – ähnlich der Stille im Lärm oder einem Schatten in der Farben- und Körperfülle –, das beweisen auch die Berliner Filmemacher Harald Bergmann und Ronald Steckel. Am 30. Dezember und am 1. Januar zeigt Steckel jeweils um 15.30 Uhr im Bundesplatzkino in Berlin-Wilmersdorf seine knapp anderthalbstündige „Morgenröte im Aufgang“: eine „Hommage à Jacob Böhme“. Das ist eine suggestive filmische Séance, getragen von Steckels kluger Auswahl aus den Schriften des in Görlitz geborenen und gestorbenen Mystikers Jacob Böhme (1575 – 1624). Hegel hatte Böhme einst als „ersten deutschen Philosoph“ bezeichnet, und Kenner, von Schelling bis jüngst Botho Strauß, haben ihn die „Wundererscheinung“ einer poetischen Seele genannt.

"Morgenröte im Aufgang" erscheint 2016 in der Suhrkamp Filmedition

Man sieht in Steckels Film, aus der Nachtschwärze auftauchend, den Schauspieler und Filmer Klaus Weingarten (dessen Gesicht tatsächlich an Abbildungen Böhmes erinnert): an einem Schreibtisch, der auch mal mitten im Wald an einem Gewässer steht, um das Mücken im Licht wie flimmernde Sterne tanzen; mal huscht auch ein Mäuschen durch einen hellen Keller (mit Schreibtisch), mal geht Weingarten als Nachfahre Böhmes über einen Wiesengrund und wird am Horizont zum schwarzen Punkt. Doch verloren geht er hier nie, weil Mann und Maus, Mensch und Natur gleichsam aufgehoben sind in den Zitaten aus Böhmes theosophischem Werk, die im Off der Schauspieler Max Hopp als leise Beschwörung von Gott und Geistern spricht, mit einem wunderbar unpathetischen Pathos. Böhme wirkt da fern und nah zugleich, wenn beispielsweise die „Barbaren“ nicht schlechter sind als die „Frommen“, wenn das Gute das Böse bedingt und die Aussage, dass alle Blumen aus der einen Erde wachsen, einbegreift, dass so auch alle Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit von gleichem Recht seien. Nicht nur der Königsberger Kant, auch der Görlitzer Böhme hatte seine Idee von der Universalität der Völker.

2016 soll die „Morgenröte“ als DVD in der Suhrkamp Filmedition erscheinen, doch ist das lesenswerte kleine Textbuch zum Film mit allen Böhme-Zitaten bereits bei den Vorführungen für 8 Euro zu erwerben oder zu bestellen über www.nootheater.de. Den Regisseur Ronald Steckel kann man zudem als Schauspieler sehen: in Harald Bergmanns anregender Dokufiktion „Der Schmetterlingsjäger“. Diese Verführung zu Vladimir Nabokov und seinem wunderlichen Roman „Ada oder Das Verlangen“ lief letzten Sommer im Kino, jetzt ist von diesem so bildstarken wie literarischen Film (mit dem letzten Auftritt auch von Nabokovs Sohn Dmitri) die DVD erschienen (im Versandhandel 19,99 €). Und wer, das ist ein Sprung, der Poesie Friedrich Hölderlins näherkommen will, dem sei unbedingt Harald Bergmanns grandiose Hölderlin-Edition empfohlen. Vier Bücher, knapp 500 Seiten Texte von und über Hölderlin, dazu fünf DVDs mit 660 Minuten elegisch schönem, manchmal auch skurril witzigem Film, mit Udo Samel, Walter Schmidinger, Otto Sander, einem echten Waldschrat und André Wilms als tollem Hölderlin im Tübinger Turm (99,90 €; www.bergmannfilm.de).

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