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Augstein und Walser : Vater und Sohn: Eine gewisse Ähnlichkeit

28.11.2009 00:00 UhrVon Gerrit Bartels
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Familienaufstellung. Links Jakob Augstein, 1997, rechts Martin Walser, um 1960. - Fotos: Darching/bpk/W. Pabst [m]

Deutsches Sittengemälde: Der Verleger Jakob Augstein verrät, dass der Schriftsteller Martin Walser sein leiblicher Vater ist, nicht Spiegel-Gründer Rudolf Augstein.

Es ist ein seltsames Stück, das die zur DuMont-Schauburg-Gruppe gehörenden Zeitungen „Frankfurter Rundschau“ und „Berliner Zeitung“ am Freitag veröffentlicht haben: ein Porträt des 42-jährigen Besitzers der Berliner Wochenzeitung „Freitag“, Jakob Augstein. Nach Stationen bei der „SZ“ und dem „Spiegel“ hatte Augstein das Blatt im Frühjahr 2008 erworben, umgestaltet und Anfang 2009 neu an den Start gebracht, was mit zahlreichen „Freitag“-Artikeln aufmerksam von den Medien begleitet wurde.

So gab es weder einen Grund für ein weiteres Augstein-Porträt noch einen harten Aufhänger wie erneute Blattreform, Auflagensteigerung, Krise etc.

– wäre da nicht eine effektvoll an den Schluss platzierte persönliche Enthüllung: Jakob Augsteins leiblicher Vater ist der Schriftsteller Martin Walser, nicht der 2002 gestorbene „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein. „Das ist lange bekannt, und ich bestätige Ihnen das gerne“, sagt Augstein. Der mit „Wurzeln schlagen“ betitelte Artikel schließt mit den Worten: „Er will kein Gewese darum machen.“

Das mediale Gewese setzt nun jedoch ein, worüber sich Augstein vorher vermutlich im Klaren war. Die Augsteins und die Walsers sind nicht irgendwelche Familien, sondern Prominente, die bundesrepublikanische Nachkriegsgeschichte geschrieben haben. Augsteins Ziehvater, der „Spiegel“-Gründer. Und Martin Walser, der Großschriftsteller, der neben Günter Grass bis heute für manche Aufregung gut ist – und 1987 in einer Laudatio auf Rudolf Augstein würdigte, dass dessen Blatt Prominente wie ihn oft genug vor den „Anmaßungen des Offiziellen“ und den „Peinlichkeiten des Personenkults“ geschützt habe. Seit Anfang der sechziger Jahre kannten sich Walser und Augstein, erstmals trafen sie sich beim Walser-Verleger Siegfried Unseld in dessen Villa in der Frankfurter Klettenbergstraße, um eine Zeitschrift zu gründen, für die Augstein als Finanzier gewonnen werden sollte. Es folgten weitere Treffen Mitte der Sechziger in Südfrankreich und auf Sylt, hier auch im Beisein von Walsers Ehefrau Käthe und der damaligen Augstein-Freundin und späteren kurzzeitigen Ehefrau Maria Carlsson, einer Übersetzerin – und der Mutter von Jakob Augstein.

Die heute 70-jährige Carlsson ist nicht so begeistert vom Bekenntnis des Sohnes. Der „Bild“ teilte sie mit: „Ich finde, Jakob hat sich keinen Gefallen getan. Ich habe Rudolf nicht betrogen. Er hat von Anfang an alles gewusst und war überhaupt nicht eifersüchtig.“ Jakob Augstein hätte, so Carlsson, Ähnlichkeiten mit Walser bemerkt und sie dann gefragt – aber erst nach dem Tod seines gesetzlichen Vaters.

Welchen Einschnitt bedeutet es, wenn einer erfährt, dass sein Vater ein anderer ist – zumal bei zwei berühmten, mächtigen Vätern? Was kommt da alles psychisch ins Rutschen? Was ist ähnlich, was anders als bei Adoptivkindern? Wie viele Prozesse sind nicht schon um die Vaterschaft geführt worden? Gerade hat der Deutsche Ethikrat in seiner Kritik an den Babyklappen an das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft erinnert.

Dass Jakob Augstein jetzt seine biologische Herkunft offenlegt, muss mit einem gewissen Druck zu tun haben, endlich reinen Tisch machen zu wollen. Gerüchte gab es immer, zuletzt genährt durch die Tatsache, dass der Sohn oft zu Gast bei Walsers ist: „Jakob besucht uns seit Jahr und Tag, er versteht sich sehr gut mit meinen Töchtern, er ist hier in der Familie angekommen“, lässt Martin Walser die Boulevardmedien wissen, ohne zu verraten, seit wann er von der Vaterschaft wusste.

Auf besagtem Boulevard ist jetzt auch von den „wilden Sechzigern“ die Rede, in denen Partnertausch gang und gäbe war. Doch weist das Arrangement, das Augstein, Walser und Maria Carlsson anscheinend getroffen haben, mehr auf ihre Nachkriegs- und Fünfziger-Jahre-Sozialisation hin, auf eine Generation, für die 1968 zu spät kam. Sie wollte sich zwar ausprobieren, Spaß haben, Ehebruch praktizieren, aber all das lieber klammheimlich, in den eigenen vier Wänden. Vorkämpfer für die sexuelle Libertinage waren die Walsers und die Augsteins jedenfalls nicht.

Nachlesen kann man solche Geschichten bei dem von Maria Carlsson oft ins Deutsche übersetzten John Updike – oder bei Walser selbst, in dessen Romanen von Anselm Kristlein bis Gottlieb Zürn und Karl von Kahn kein männlicher Held auf den Gedanken kommt, seine Familie zu verlassen. Ehebruch ja, Geliebte ja, am Ende aber kehren sie alle zu ihren Ehefrauen zurück. Mit einem ausschweifenden Sexleben, mit zahlreichen hübschen Geliebten sind sie alles, ohne den Schutz der Familien nichts, das Muster ist immer dasselbe. Wobei, und das mag für künftige Walser-Biografen interessant sein, uneheliche Kinder in Walsers Werk nicht vorkommen. Von Schwangerschaften bei den Geliebten ist nie die Rede.

Das kann man nun als große Verdrängungsleistung interpretieren – auch in den bislang veröffentlichten Tagebüchern Walsers finden sich keine Hinweise auf solcherart Privates. Das hatte im Fall von Walser/Augstein vermutlich auch praktische Gründe, und die näheren Motive aller Beteiligten gehen bei aller Prominenz letztlich niemanden etwas an. Die Literaturgeschichte der Bundesrepublik muss sicher nicht neu geschrieben werden, auch nicht die deutsche Gesellschaftsgeschichte.

Aber vielleicht liest man den nächsten Roman von Martin Walser ja mit anderen Augen: Er erscheint 2011, soll „Muttersohn“ heißen und von einem Mann handeln, der gar keinen Vater hat. Er kam als Sohn einer Jungfrau zur Welt.

JAKOB AUGSTEIN,

Jahrgang 1967, ist

Verleger des „Freitag“ und Chef des Verlags Rogner & Bernhard. Seine Mutter ist die Übersetzerin Maria Carlsson, sein gesetzlicher Vater der „Spiegel“Gründer Rudolf Augstein, der in dritter

Ehe mit Maria Carlsson verheiratet war. Rudolf Augstein hat drei weitere Kinder: die Journalistin Franziska, die Rechtsanwältin Maria Sabine und den Maler Julian Augstein.

MARTIN WALSER,

Jahrgang 1927, ist seit 1950 mit Käthe Neuner-Jehle verheiratet, sie haben vier Töchter: die Schauspielerin Franziska, die Schriftstellerinnen Alissa und Johanna sowie die Dramatikerin Theresia Walser.

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