Literatur : Der deutsche Weg

Linksnationalistisch oder kosmopolitisch: Hans Kundnani über die Außenpolitik der 68er

Martin Jander

Dieses Buch kommt ein wenig zu spät. Die Debatte über Leistungen und Irrtümer der 68er ist eigentlich schon vorbei. Die Thesen Kundnanis, eines freien Journalisten aus London, haben aber durchaus das Zeug, dem umstrittensten Buch von 2008, Götz Alys „Unser Kampf – 1968: ein irritierter Blick zurück“ den Rang abzulaufen.

Eigentlich wollte der Journalist, der unter anderem für den „Observer“ in Berlin gearbeitet hat, lediglich die sich verändernde deutsche Außenpolitik in der Zeit der rot-grünen Regierungskoalition analysieren. Der Sozialdemokrat Gerhard Schröder und der Grüne Joschka Fischer überzeugten im Fall Jugoslawiens und Afghanistans ihre jeweiligen Parteien von der Notwendigkeit eines Einsatzes der Bundeswehr zur Erreichung außenpolitischer Ziele. Die beiden 68er, die in ihren divergierenden Laufbahnen nicht unbedingt als Pazifisten, wohl aber als Gegner des deutschen Militarismus von sich reden gemacht hatten, taten dies vor einem ganz unterschiedlichen Hintergrund. Schröder sah die Bundesrepublik nach dem Ende des kalten Krieges als einen normalen Nationalstaat. Er predigte gar einen „Deutschen Weg“, ein Bündnis der Bundesrepublik mit Frankreich und Russland gegen die USA. Fischer hingegen formulierte als wesentlichen Bezugspunkt deutscher Politik „Nie wieder Auschwitz“ und sah das Land als Motor der europäischen Einigung, verlässlichen Bündnispartner des Westens, Israels und der USA.

Kundnani verfolgt diese eher linksnationalistische (Schröder) und die eher kosmopolitische (Fischer) Orientierung der beiden Politiker zurück zu ihren Wurzeln in den 60er Jahren und ihren Ausläufern der 70er Jahre. Die erste zentrale These Kundnanis lautet, dass die deutschen 68er nicht nur das beredte Schweigen über den Nationalsozialismus brachen, sie begannen auch schon in den 60er Jahren die heute grassierenden Geschichtsbilder von den Deutschen als Opfern des Nationalsozialismus zu formulieren. Insbesondere die eher in der Tradition des Marxismus stehenden Sprecher der Studentenbewegung, zum Beispiel Dutschke, Rabehl und Meinhof argumentierten so.

Die zweite Kernthese des Autors lautet, dass sich weite Teile der 68er im „Kampf gegen den Faschismus“ – als tendenziell faschistische Staaten griffen viele damals sowohl die Bundesrepublik, als auch lateinamerikanische Diktaturen, die USA und Israel an – einer „projektiven Entlastung“ (Dan Diner) bedienten. Nur im „Kampf gegen den Faschismus“ war eine politische Strategie legitimierbar, die auf den Sturz der Demokratie zielte. Nur so war eine Politik zu rechtfertigen, die, wie zum Beispiel bei Dieter Kunzelmann und anderen, auch vor der Planung eines Anschlags auf das jüdische Gemeindezentrum in West-Berlin nicht zurückschreckte.

Kundnani breitet die Lebensläufe der 1968 Beteiligten breit aus, er unterschlägt keine ihrer häufig irren und wirren ideologischen Wendungen. Er zeichnet darüber hinaus die Kontexte sehr kenntnisreich nach. Man wird von dieser Zeitreise durch die Geschichte der Bundesrepublik, in der die intellektuelle Minderheit der 68er in den gesellschaftlichen Mainstream diffundierte, förmlich mitgerissen. Besonders lobenswert an dieser Arbeit ist zudem, dass sie ernst nimmt, was viele Bücher zu den deutschen 68ern nur zurückhaltend aufnehmen: Hier rebellierten die Kinder und Enkel der Nazis. Das unterschied die deutschen 68er radikal von ihren Mitstreitern in Frankreich, den USA und Großbritannien. Das Buch einer britischen Journalistin, Jillian Becker, die bereits 1978 ein ähnliches Generationenportrait mit dem Titel „Hitlers Kinder“ vorlegte, ist heute vergriffen und vergessen. Der Blick von außen kann schmerzen, er ist aber, wie wir wissen, heilsam.

Hans Kundnani: Utopia or Auschwitz. Germany’s 1968 Generation and the Holocaust. Hurst C & Co Publishers Ltd, London 2009. 320 Seiten, 19,99 Euro.

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