Kafka-Konferenz in Liblice : Franz und der Frühling

Sie wurde zu einem Mythos: die Kafka-Konferenz, die 1963 auf Schloss Liblice in der Nähe von Prag aus Anlass des 80. Geburtstag des Schriftstellers stattfand. Jetzt gab es dort wieder eine Kafka-Tagung.

Gerrit Bartels
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Franz Kafka.Foto: dpa

Die Konferenz von 1963 sollte zu einem „Baustein für den künftigen festen, marxistisch orientierten Standpunkt über Kafka“ werden, wie sich das einer ihrer Initiatoren, der Germanistikprofessor Eduard Goldstücker, damals vorstellte.

Und wie sich das für einen ordentlichen Mythos gehört, ranken sich um diese Konferenz unterschiedlichste Wahrheiten und Interpretationen. Den einen gilt sie als literaturwissenschaftliche Veranstaltung, die sich zu einem politischen Ereignis auswuchs, das letztendlich in den Prager Frühling bis zu seinem Ende am 21. August 1968 durch den Einmarsch der russischen Truppen mündete. Andere sind zurückhaltender. Sie bewerten die Konferenz eher allgemein vor dem Hintergrund des politischen Tauwetters, das in der CSSR schon 1961 einzusetzen begann.

"Erste Schwalbe eine neuen Frühlings"

Beteiligte wie der österreichische Schriftsteller und Kommunist Ernst Fischer schwärmten von ihr kurz danach als „denkwürdig“, als „erste Schwalbe eines neuen Frühlings“; oder sie waren sich auch Jahrzehnte danach über die Auswirkungen unsicher, so wie der 2006 verstorbene Ost-Berliner Kafka-Forscher Klaus Hermsdorf, der in seinen Erinnerungen konstatiert: „Die Geschichte hat sich so gefügt, dass von der Wirklichkeit der Kafka-Konferenz nichts in der Gegenwart nachwirkt. Insofern gehört sie zu den vom wirklichen Ereignis abgehobenen Mythen von einem glückhaften Anfang, der der Anfang von einem Ende war“.

Fast ein halbes Jahrhundert später, da das Heidelberger Institut für Textkritik und das Institut für Zeitgeschichte der Akademie der Wissenschaften Prag eine Tagung unter dem Titel „Kafka und die Macht“ auf Schloss Liblice veranstalten, ist zu spüren, wie lebendig der Mythos der 63er-Konferenz weiterhin ist, wie unterschiedlich gerade die Erinnerungen der Zeitzeugen ausfallen. Der 1929 geborene tschechische Publizist Alexej Kusák beansprucht in seinem Eröffnungsvortrag zunächst eher spielerisch, dass die Initiative der damaligen Kafka-Konferenz von ihm ausgegangen sei, erdacht bei einem Telefonat mit einem befreundeten Kollegen, und eben nicht vom Ausschuss der tscheslowakischen Germanisten, insbesondere in persona Goldstückers und seines Kompagnons, des Historikers und federführenden Mitglieds der Akademie der Wissenschaften der CSSR, Pavel Reimanns.

Dass es ihm tatsächlich ernst ist, das beweisen Kusáks Ausfälle gegen den ebenfalls anwesenden Sohn Reimanns, den Historiker Michal Reimann, der versucht die Probleme seines Vaters darzustellen und den Kusák wiederholt und immer wieder sehr aufgebracht als „Lügner“ bezeichnet.

Der Germanist Karl Krolop wiederum, ebenfalls Zeuge der 63-Konferenz, hält nur wenig von der These, Liblice sei der Ausgangspunkt für den Prager Frühling gewesen: „Für mich war das eine Revolte der Gemäßigten in der kommunistischen Partei, die für Erleichterungen auf den unterschiedlichsten Gebieten zu sorgen versuchten“.

"Beziehungsgestörte Männer interpretieren einen beziehungsgestörten Mann"

Erst die aus Brünn stammende Schriftstellerin und Publizistin Alena Wagnerová stellt dann Kafka und sein Werk in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen und Erinnerungen. Ein „frontales Leseerlebnis“ sei für sie die erstmalige „Prozess“-Lektüre gewesen, eine „subversive Botschaft, die nichts zerstörte, sondern mich innerlich aufbaute“. Doch hätten ihr die vielen Interpretationen in Folge den Weg zu Kafka mehr und mehr verstellt, da mangelte es an Bodenhaftung, da überdeckte eine „unüberschaubare Rezeptionsflut ein überschaubares Werk“, zumal diese Rezeption auch noch eine männlich dominierte sei: "Beziehungsgestörte Männer interpretieren einen beziehungsgestörten Mann", so sei ihr das häufig vorgekommen.

Das klingt gut und richtig, entbehrt jedoch nicht einer gewissen, wenngleich sympat hischen Naivität. Denn natürlich ist auch diese Tagung über „Kafka und die Macht“ Ausdruck dieser von Wagnerová beklagten „Wucherungen“, da sie Liblice aus historiographischer Perspektive genauso zu beleuchten versucht wie sie literaturwissenschaftliche und philosophische Aspekte zu Kafka liefert. Adornos Aufzeichnungen zu Kafka, Kafka und die westdeutsche Studentenbewegung, literarische Fortschreibungen des „Prozesses“ von Egon Erwin Kisch über Arthur Koestler bis zu Eric Ambler: So wie Kafkas Wirklichkeit ein weitläufiger Raum der Einbildungskraft war, so lassen sich sein Leben und sein Werk und dessen historische und literaturhistorische Auswirkungen bis in die allerkleinsten und allerfeinsten Verästelungen darstellen.

Und dazu gehört in Liblice 2008 auch, dass der Stroemfeld-Verleger K.D. Wolff immer wieder auch mal Werbung in eigener Sache macht und auf seine seit 1995 erscheinende historisch-kritische Kafka-Edition hinweist (und nicht nur auf diese). Oder er ganz schlicht die von ihm nach Liblice mitgebrachten Kafka-Bücher zum Verkauf anbietet, zum Vorzugspreis: „Ich will davon nichts mehr mit nach Frankfurt nehmen“.

Kafka doch als Comic zu lesen, schlägt Theweleit vor

So ist es an diesem Wochenende an Klaus Theweleit, Franz Kafka zumindest einmal in haufenweise Original-Tönen zu Wort kommen zu lassen, in seinen Briefen an Felice Bauer und aus seiner allerletzten Künstler-Erzählung „Josefine, die Sängerin, oder das Volk der Mäuse“. Theweleit macht es sich zwar ein bisschen einfach, da er sein Kafka-Kapitel aus dem vor zwanzig Jahren veröffentlichten ersten Band des „Buchs der Könige“ vorträgt.

Trotzdem ist es einmal mehr aufschlussreich und nicht zuletzt ein Vergnügen, wie Theweleit herausarbeitet, dass Kafka seine Felice Bauer und später Milena Pollak vor allem als „Anschreib-Pole“ benutzte, dass er Verlobungs- und Heiratsanträge allein deshalb machte, „um eine Postempfängerin, die auch antwortete, am anderen Ende zu haben“. Und seine „Josefine“-Erzählung sei, so Theweleit im „Buch der Könige“ nicht zuletzt als Comic zu lesen, „als Comic mit einer hinkenden Mausequeen, als die Kafka das nahende Aus begrüßt. Comic vom Vorraushinken der Kunst, deren Kunst darin bestehen wird, zu singen ohne Gesang; spürbar, aber nicht nachweisbar zu sein (einklagbar also auch nicht).“

Und Theweleit ist es dann, der die 63er-Liblice-Konferenz mit Henri Bergson versucht auf einen Punkt zu bringen, und zwar mit dessen Begriff von der „Geschichte, die wir rückwärtsgewandt verändern, allein dadurch, dass wir mit ihr umgehen“. Die Fakten von damals seien nicht mehr eindeutig zu klären, zu der Wahrheit von heute aus gesehen aber gehöre, dass Kafka im heutigen Tschechien immer vor dem Hintergund der Liblice-Konferenz gelesen werde, dass er hier immer auch im Zusammenhang mit Interpreten wie Eduard Goldstücker oder seinem für die Nachwelt nicht sehr vertrauenswürdig erscheinenden jungen Freund Gustav Janouch stehe.

Kompensation für das Schweigen über den Stalinismus

In diesem Sinn sieht schließlich auch der Direktor für Zeithistorische Forschung in Potsdam, Jürgen Danyel, Liblice 1963 vor allem als „Produkt seiner Rezeption“ und im Nachhinein als „Kompensation dafür, dass über den Stalinismus und die Säuberungsprozesse bis dato nicht geredet wurde“. Ein für die tschechischen Streithähne wie Kusák und Reimann sicher akzeptabler, versöhnlicher Schluss, der zudem mitbeinhaltet: Diese 2008er-Erinnerung an Liblice hatte ihre Momente, wird aber keinen neuen Mythos gebären.

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