Kathrin Schmidt : "Ich habe nicht gewütet"

Man hat nicht den Eindruck, als würde der plötzliche Ruhm sie aus der Bahn werfen. Eine Begegnung mit der Buchpreisträgerin Kathrin Schmidt.

Gerrit Bartels
Verleihung Deutscher Buchpreis 2009
Kathrin Schmidt, Buchpreis-Trägerin. -Foto: ddp

Kathrin Schmidt hat sich noch nicht ganz eingefunden in ihre Rolle als Buchpreisträgerin. „Ich kann gar nicht sagen, was dieser Preis jetzt für mich bedeutet“, sagt sie zwei Tage nach der Entscheidung, als sie nach dem Frühstück in der Lobby des Frankfurter Park-Hotels sitzt und Auskunft gibt über sich und ihren mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Du stirbst nicht“. „Eigentlich habe ich jetzt jeden Tag soviel zu tun, dass ich nicht dazu komme, darüber nachzudenken, was dieser Preis mit mir anstellen wird. Das ist andererseits gut, denn der Druck ist doch ziemlich groß. Der Verlag hat jetzt hohe Erwartungen, was die Verkäufe betrifft, und man diskutiert dort gerade, wie hoch die nächste Auflage sein soll. Das ist ungewohnt belastend.“

Trotzdem hat man nicht den Eindruck, als würde der so plötzliche Ruhm sie in irgendeiner Weise aus der Bahn werfen können. Schmidt wirkt ruhig, bedächtig und ihrer selbst sehr sicher. Ihr Äußeres hat fast etwas provokant Unscheinbares, Unglamouröses. Gut vorstellbar ist, dass sie mit denselben Klamotten, demselben Haarschnitt und derselben Brille schon vor zwanzig Jahren am Runden Tisch des Berliner Magistrats gesessen hat, an dem sie im November 1989 versucht hat, die deutsche Wiedervereinigung mitzugestalten. Das gelang nicht unbedingt in ihrem Sinn. Noch schlimmer aber war damals für sie die Erkenntnis, dass der Runde Tisch ein „furchtbarer Männerverein“ war, wie sie sagt. Dass ihre Belange als Mutter von kleinen Kindern nicht berücksichtigt und die Sitzungen nicht morgens oder abends anberaumt wurden, sondern immer am Nachmittag, also zu einer Zeit, in der sie ihre Kinder aus dem Hort holen musste. „Ich fand das so kurios, wie Männer das einfach bestimmen, und ich bin dann mehr auf eine Frauenschiene gekommen.“

Sie kämpft sich Satz für Satz ins Leben zurück

Sie erzählt das alles mit einer gewissen ironischen Distanz, kann inzwischen sogar darüber lachen, und fügt dann an: „Ich bin überhaupt guter Dinge, nach all dem, was ich erlebt habe.“ Denn ihre Kindheit und ihr Leben in der DDR, wo sie 1958 in Gotha geboren wurde, wo sie in Leipzig Psychologie studierte, die Wiedervereinigung, ihre ersten Erfolge als Lyrikerin und Schriftstellerin, der Bau ihres Hauses 1998 in Berlin-Mahsldorf - all das war nichts gegen die Erfahrung, die sie 2002 machen muss, als in ihrem Hirn ein Blutgefäß platzt, sie eine sogenannte Subarachnoidalblutung erleidet und mit dem Tod ringt.

Halbseitig gelähmt und ohne sprechen zu können, erwacht sie aus dem Koma und kämpft sich wortwörtlich Schritt für Schritt und Satz für Satz ins Leben zurück, in ein Leben, das auch heute noch von leichten feinmotorischen Behinderungen bestimmt ist. Kathrin Schmidt kann nur noch mit der linken Hand schreiben und zum Beispiel auch kein Klavier mehr spielen, auch beim Gehen oder Treppensteigen verspürt sie Einschränkungen. Aber sie sagt, dass sie ihre Behinderungen von Anfang an akzeptiert und in ihr Leben integriert hätte. „Ich habe auch nicht gewütet und mein Schicksal beklagt. Ich habe das merkwürdigerweise alles gleich hingenommen und mich wohl deswegen auch schnell reinfinden können. Heute bin ich vor allem froh darüber, dass meine Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeiten überhaupt nicht eingeschränkt sind, wie das in ähnlichen Fällen oft der Fall ist.“

Schmidt sagt das natürlich auch deshalb, weil diese Fähigkeiten gewissermaßen ihr berufliches Rüstzeug sind, weshalb sie nach der Wiedererlangung ihrer Sprache schon bald wieder mit dem Schreiben begann. Doch ist „Du stirbst nicht“, in dem der Hauptfigur des Romans, der Schriftstellerin und fünffachen Mutter Helene Wesendahl das gleiche Schicksal widerfährt wie der Schriftstellerin und gleichfalls fünffachen Mutter Kathrin Schmidt, nicht der erste Roman, den Schmidt nach ihrer Hirnblutung geschrieben hat. „Seebachs schwarze Katzen“, ein Roman über einen Stasi-Spitzel, entstand in der Zeit der Rehabilitation, und Schmidt sagt, man merke diesem Buch an, unter was für Umständen er geschrieben sei: „Er hat Längen, die Handlung verschnürt sich an manchen Stellen, kompositorisch ist die Geschichte nicht ganz stimmig. Doch ich stehe dazu und bin froh, dass das Buch erschienen ist, denn es hat mich doch sehr befreit.“.

Die Sprache unterscheidet sich von anderen Krankheitsbüchern

So ist „Du stirbst nicht“ auch kein Roman, mit dem Schmidt sich selbst therapiert hat, der aus einer unmittelbaren Reaktion heraus entstanden ist, dem gar die Verzweiflung einer um Stoffe ringenden Autorin zugrunde liegt. „Es sprang mich einfach an, der therapeutische Prozess war da lange abgeschlossen. Ich hatte schnell den Anfang und das Ende und habe dann wie in einem Rausch geschrieben.“

Schmidt bestätigt, dass ihr Roman nicht zuletzt durch den Deutschen Buchpreis gut in einen aktuellen Trend hineinpasst: den der unzähligen Kranken-, Tod- und Krebsberichte von Christoph Schlingensief über Georg Diez bis Jürgen Leinemann. Sie beharrt darauf, dass ihr Buch völlig anders sei: kein Betroffenheitsroman, fehlende Ich-Perspektive, eine fortlaufende Handlung. Und tatsächlich unterscheidet sich allein die Sprache von besagten Trendbüchern. Schmidt hat ihre Sprache den verschiedenen Krankheitsstadien, die ihre Erzählerin zu durchlaufen hat, anverwandelt. Man merkt an den jeweils verwandten sprachlichen Mitteln, an welchem Punkt die Heldin bei der Wiedererlangung ihrer Sprache gerade ist. Für den Krankeitsbüchertrend hat Schmidt nur eine Erklärung: „Die Leute überleben schwere Krankheiten mehr als früher, und dann kann man auch hinterher drüber schreiben.“

Sie hält die DDR-Fixierung für selbstverständlich

Zudem ist „Du stirbst nicht“ noch ein bisschen mehr als der Roman über die Rückeroberung von Sprache und Welt. Denn immer wieder finden sich darin Erinnerungspartikel seiner drei Hauptprotagonisten über das Leben und den Alltag in der DDR. Damit schließt Schmidt durchaus an ihre vorherigen Romane an, etwa an ihr Debüt von 1998, der weitverzweigten Familiensaga „Die Gunnar-Lennefsen-Expedition“, mit der sie die DDR und Ostpreußen zusammenbringt. Oder an den drei Jahre später folgenden Roman „Koenigs Kinder“, der ein Dutzend DDR-Biografien vor dem Leser ausbreitet und kunstvoll miteinander verknüpft.

Sie selbst hält diese DDR-Fixierung für selbstverständlich: „Ich habe nunmal eine DDR-Biografie“. Nachdem Schmidt sich dann noch für ihr gutes Erinnerungsvermögen gelobt hat, erwähnt sie, dass ihr in demnächst eine Menge Erinnerungsarbeit bevorsteht, insbesondere am 4. November: „An dem Tag sind wir alle zu dieser großen Demo am Alex gegangen, und schon während der U-Bahnfahrt dorthin herrschte eine Euphorie und ein Staunen! Wie wir uns alle angeschaut haben! Das war so ein einschneidendes, optimististisches, von ein bisschen Angst durchsetztes Erlebnis, das werde ich nie vergessen.“ Spricht´s, steht unvermittelt auf und verschwindet schnell im Trubel des Park-Hotels, um in ihrem Zimmer noch Kraft zu sammeln für einen langen, anstrengenden Buchmessentag.

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