Lendle-Roman "Mein letzter Versuch, die Welt zu retten" : Das Verlorene, das wir nie hatten

Wendländische Weltrettungsversuche: Jo Lendles Roman über den Traum von einer Utopie.

Wiebke Porombka
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Zwischen Wollen und Können. Polizei und Bundesgrenzschutz räumen 1980 ein Protest-Dorf auf der geplanten Atommülllagerstätte in...Foto: dpa

„I would prefer not to“ – ich möchte lieber nicht – heißt die notorisch wiederholte Formel, mit der Herman Melville den Büroangestellten Bartleby in der gleichnamigen Novelle als paradigmatischen Fall des modernen Menschen darstellte. Zum Menschen, der versucht, nicht in einer Massengesellschaft aufgerieben zu werden und trotzdem an ihr zugrunde geht. Knapp anderthalb Jahrhunderte später scheint sich die bartlebysche Totalverweigerung ins Gegenteil verkehrt zu haben, das Scheitern aber bleibt ein ähnliches, und vielleicht ist es sogar noch ein wenig tragischer.

Er würde so gern, der 17-jährige Florian: die Welt, wenn schon nicht retten, so doch ein Stück besser machen, mit der schönen Antonia schlafen und vor allem – und das dringlich – etwas trinken. Warum ihm jedes dieser Ansinnen versagt bleibt, davon erzählt Jo Lendle, Jahrgang 1968, in seinem zweiten Roman „Mein letzter Versuch die Welt zu retten“.

Eigentlich ist die Geschichte schon zu Ende, bevor sie angefangen hat. Denn die Geschichte, wie Florian wie so viele andere Mitte der achtziger Jahre nach Gorleben fährt, um die Castortransporte zu blockieren, ist die Geschichte, wie Florian stirbt. Damit er sie trotzdem selbst erzählen kann, lässt Lendle seinen Protagonisten vom – zeitlich nicht näher bestimmten – Jenseits auf das Geschehen blicken.

Passend zur ungewöhnlichen Erzählperspektive ist das zunächst reichlich skurrile Szenario. Getarnt als ein christlicher Jugendkammerchor bricht Florian im April 1984 mit ein paar Freunden in einem VW-Bus Richtung Wendland auf. Er selbst in einem zu kurzen Anzug aus dunkelbrauner Schurwolle, den schon einige Familienmitglieder vor ihm getragen haben, die anderen ebenfalls in möglichst spießigem Konfirmandenaufzug. Auch wenn das Ganze als Tarnung vor der Polizei gedacht ist, die erkennbaren Demonstranten die Durchfahrt verweigern würde, hat die Maskerade der Gruppe doch etwas Treffendes.

Nicht nur wird Florian selbst das fragwürdige Gefühl schwer los, sich mehr auf einer Ferienfreizeit zu befinden als in einem Camp politischer Aktivisten. Auch spiegelt die gutbürgerliche Biederkeit leider nur allzu gut das Auftreten von Florian und seinen Freunden, die so gern Heroen wären, es aber eben nicht recht sind. Wenn das Lager mitten in der Nacht von der Polizei geräumt wird, putzen Florian und sein Bruder Holger sich noch rasch die Zähne. Bevor man zum Blockieren auf die Straße geht, wirft man ordnungsgemäß einen Blick nach links und rechts und noch einen nach links.

Je deutlicher dieser Riss zwischen dem Wollen und Können wird, desto klarer wird das Dilemma, in dem Lendles Figuren stecken. Sie stecken auf allen Ebenen dazwischen: zwischen Kindsein und Erwachsenwerden, zwischen den festen Idealen der 68er-Generation und der popkulturellen Entspanntheit der neunziger Jahre, vor allem aber stecken sie mittendrin in der alten Bundesrepublik, die als diffusen Gegenentwurf noch immer den Osten hat, der im Wendland nur wenige Meter weiter anfängt.

Wie schwer es ist, in diesem Dazwischen zum Handelnden und auf diese Weise „sichtbar“ zu werden, wie Florian es nennt, wird ihm bewusst, als er den selbstverständlichen Protest der Wendland-Bauern bemerkt, demgegenüber er sich deplatziert, allenfalls als Gast zu fühlen vermag. Vermutlich liegt gerade darin seine Unentschlossenheit. Schmerzlich hat er die bereits vor einiger Zeit erfahren müssen, als nicht er und Antonia ein Paar geworden sind, sondern die Annäherungen zwischen Florians Vater und Antonias Mutter, die eigentlich nur ihre Tochter von einer Party abholen wollte, ihnen kurzerhand den Wind aus den Segeln genommen haben: „Wir hätten endlich zueinanderfinden können, aber irgendwo im Haus war jemand anderes dabei, in einem Tempo zueinanderzufinden, das uns den Atem nahm.“

Florians Durst, der immer stärker wird, ohne dass er ein Getränk auftreiben könnte (während über ihm die Wasserwerfer spritzen), ist das Motiv, das Lendles Roman durchzieht und das Geschehen auf den Straßen des Wendlands vom Skurrilen ins Absurde und schließlich ins Existenzielle gleiten lässt. Es mag an der jenseitigen Perspektive von Lendles Ich-Erzähler liegen, der das alles mit einer frei schwebenden Ironie erzählt, dass sich trotz des fatalen Ausgangs der Protestaktion nie mit letzter Sicherheit entscheiden lässt, wie distanziert er diesen zwar gut gemeinten, aber unweigerlich auch komischen Weltrettungsversuchen gegenübersteht. Vielleicht sind sie auch einfach schon ein bisschen lange her.

Ins Jenseitige geschwebt ist auch schon Hella, die Hauptfigur aus Lendles Debütroman „Die Kosmonautin“, für den er mitunter schwärmerische Kritiken bekam. Lendle versteht es hier wie dort, seiner Sprache eine luftige Leichtigkeit zu verleihen, und auch in seinem neuen Roman liest man eine versteckte Melancholie mit – keine über verlorene Utopien, sondern über solche, die man nie hatte, aber vielleicht gern gehabt hätte.

Melvilles Bartleby stirbt am Ende den selbst gewählten Hungertod. Lendles Florian stirbt an Orientierungslosigkeit. Schwer zu entscheiden, welche Variante die bessere ist.


Jo Lendle: Mein letzter Versuch die Welt zu retten. Roman. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009. 256 Seiten, 19,95 €

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