Stauffenberg : "Es muss geschehen"

Tobias Kniebe und Hartmut von Hentig über den Menschen hinter Hitler-Attentäter Graf von Stauffenberg.

Christian Schröder
Stauffenberg
Familientyp. Stauffenberg 1940 mit seinen Kindern Berthold, Franz-Ludwig und Heimeran. -Foto: pa/dpa

Es ist ein Thriller, in dem auch eine Komödie steckt. Am Nachmittag des 20. Juli 1944 empfängt Adolf Hitler, der gerade erst Stauffenbergs Bombenattentat überlebt hat, den Staatsgast Benito Mussolini. Zur Begrüßung auf dem Bahnhof seines Hauptquartiers, der „Wolfsschanze“ in der Nähe der ostpreußischen Garnisonsstadt Rastenburg, reicht Hitler dem „Duce“ seine linke Hand. Den rechten Arm kann er noch nicht wieder richtig bewegen. Er spricht vom „größten Glück meines Lebens“ und lamentiert über seine Hose, die bei dem Anschlag zerfetzt wurde. Anschließend begeben sich die beiden Diktatoren mitsamt Gefolge zu einer Teestunde.

Mussolini wird ein Glas Milch serviert, das ihm wegen eines Magenleidens verordnet wurde. Hitler kaut, wie vor jeder Mahlzeit, die farbigen Schmerzpastillen seines Leibarztes Morell. Während Hitler schweigt und Mussolini Kügelchen aus Weißbrot dreht, bricht unter den Hofschranzen ein lautstarker Streit aus. Minister und Generäle beschuldigen einander gegenseitig, das Attentat ermöglicht zu haben. Göring und Ribbentrop giften sich an. Bis Hitler mit rotem Kopf aufspringt. „Ich habe heute das Gefühl wie noch nie, dass die Vorsehung hinter mir steht“, brüllt er. „Und ich weiß, dass ich mit der Vorsehung an meiner Seite den Krieg zu einem siegreichen Ende bringen werde. Aber vorher werde ich alle vernichten, die sich mir in den Weg gestellt haben!“

Im Stauffenberg-Film „Operation Walküre“ mit Tom Cruise, der diese Woche in die deutschen Kinos kommt, fehlt die Szene. „Operation Walküre“ heißt auch das Buch, in dem Tobias Kniebe das „Drama des 20. Juli“ – so der Untertitel – schildert. Darin fungiert die Herrenrunde mit den beiden Diktatoren als groteskes Zwischenspiel. Hitler, aus Glück mit dem Leben davon gekommen, gerät in Rage, das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Kniebe hatte als Kritiker der „Süddeutschen Zeitung“ das „Walküre“-Filmprojekt enthusiasmiert begleitet. Im Internet entdeckte er eine Fassung des Drehbuchs und erkannte darin etwas voreilig den Vorboten eines „Meisterwerks“. Mit dem Film begann sein Interesse an dem Thema. Kniebe las sich durch Fachliteratur und Quellen, führte Interviews mit den letzten noch lebenden Verschwörern des 20. Juli und bekam Zugang zur Stauffenberg-Familie. So wurde „Operation Walküre“ kein eilig geschriebenes „Buch zum Film“, sondern ein Band, wie er tatsächlich noch gefehlt hat: die gründlich recherchierte, geschmeidig, streckenweise mitreißend erzählte und bis zur letzten Seite hoch spannende Geschichte eines deutschen Schicksalstages.

Hitler schien einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben, allen Versuchen, ihn aus der Welt zu schaffen, ist er immer wieder um Haaresbreite entkommen. Henning von Tresckow, der Kopf des militärischen Widerstands, hatte im März 1943 eine Bombe, getarnt als Paketgeschenk von „Cointreau“-Flaschen, im Flugzeug des „Führers“ platziert, die dann nicht explodiert war. Eine Gruppe von Offizieren stand bereit, um Hitler bei einem Truppenbesuch an der Ostfront zu erschießen. Ihr Feldmarschall untersagte das Vorhaben. Und Rudolph-Christoph von Gersdorff, der sich bei einer Ausstellungseröffnung von Beutewaffen im Berliner Zeughaus mit Hitler in die Luft sprengen wollte, scheiterte am Desinteresse des Diktators, der den Museumsbesuch vorzeitig beendete.

Erst nach vierzig Seiten betritt der Held die Bühne, unter heftigem Artilleriefeuer, das im April 1943 auf die deutschen Truppen in Tunesien niedergeht. „Als der Geschützdonner nachlässt, klettert ein Mann aus seinem Unterstand im felsigen Boden, klopft den Staub aus der sandfarbenen Afrika-Uniform und steigt in den Gefechtsstand.“ Ein Auftritt wie in einem „Wüstenfuchs“-Kriegsfilm. Claus Schenk Graf von Stauffenberg, schneidiger Offizier und früherer Stefan-George-Jünger, wird bald darauf schwer verwundet. Im Münchner Lazarett fasst er den Entschluss, etwas zu tun, „um das Reich zu retten“. Da ist er am Ende eines langen Weges angekommen, seine Wandlung zum Widerstandskämpfer vollzog sich nicht über Nacht. 1933 hatte Stauffenberg große Hoffnungen auf den „nationalen Umbruch“ gesetzt, in einem Brief aus dem besetzten Polen schrieb er 1939 noch im NS-Stil: „Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel.“ Kniebe hält mit seiner Bewunderung für den Macher mit dem „glühenden Herzen“ (Ewald Heinrich von Kleist) nicht hinterm Berg, aber er macht ihn nicht zur Lichtgestalt.

Dass ein Attentat auf Hitler unternommen werden muss, ist für Stauffenberg ein Zeichen der inneren Reinigung, ein Versuch zur Rettung der Ehre. „Wir haben uns vor Gott und unserem Gewissen geprüft: Es muss geschehen“, hat er gesagt. Hartmut von Hentig vermutet in einem luziden Essay über „Stauffenbergs Not“, dass „neben seinem Naturell und der Familientradition“ die „Bildung“ und das Stuttgarter Eberhard-Ludwigs-Gymnasium dazu beigetragen hätten, aus dem häufig kranken Jungen den späteren (Atten-)Täter zu machen. Nach der Entlassung aus dem Lazarett holt ihn der Verschwörer Friedrich Olbricht ins Allgemeine Heeresamt nach Berlin, ein Zentrum des Widerstands.

Als Olbrichts Stabschef organisiert Stauffenberg die Aushebung neuer Truppen. Unter dem Deckmantel der „Operation Walküre“, dem von Hitler genehmigten Plan zum Einsatz des Heeres im Innern, bereiten die Widerständler einen Staatsstreich vor. Als sie noch nach einem Attentäter suchen, spielt ihnen der Kriegsverlauf in die Hände. Nachdem die Alliierten im Juni 1944 in der Normandie gelandet sind, braucht die Wehrmacht dringend neue Divisionen. Stauffenberg wird zum Rapport beim „Führer“ bestellt, endlich haben die Verschwörer einen Zugang in die Hochsicherheitszone des Regimes.

Wie das Attentat schließlich scheitert, das hat man schon in vielen Filmen gesehen. Kniebe erzählt es trotzdem noch einmal, minutiös und mit allen beklemmenden Details. Stauffenberg, in Zeitnot, versäumt es, einen zweiten Sprengsatz scharf zu machen. Nach der Detonation gelingt es ihm dank seiner Tollkühnheit, die Wachen in der bereits abgeriegelten Wolfsschanze zu passieren. Doch die Aktionen in Berlin laufen verspätet oder gar nicht an. Einige Verschwörer zaudern, andere wechseln die Seiten. Ohnehin herrschen zwischen den zivilen und den militärischen Widerständlern Spannungen. Als Stauffenberg am späten Nachmittag des 20. Juli wieder an seinem Dienstsitz in der Bendlerstraße eintrifft, ist das Spiel im Grunde bereits verloren. Er versucht zu retten, was noch zu retten ist, hängt sich ans Telefon, treibt an, erteilt Befehle. Von den Helfern sind viele in Passivität verfallen.

Noch um 22 Uhr telefoniert Stauffenberg mit dem Militärbefehlshaber in Frankreich, danach kommt es zu einem Schusswechsel, er wird verhaftet und, zusammen mit drei Mitstreitern, standrechtlich zum Tode verurteilt. Das Urteil wird kurz nach Mitternacht im Hof des Bendlerblocks vollstreckt. Bevor die Schüsse fallen ruft Stauffenberg: „Es lebe das heilige Deutschland“. Andere Zeugen wollen „das geheiligte“ oder „das geheime Deutschland“ gehört haben. Mutig war Stauffenberg bis zur letzten Sekunde.

Tobias Kniebe: Operation Walküre. Das Drama des 20. Juli, Rowohlt Berlin, Berlin 2009, 287 Seiten, 19,90 Euro.

Hartmut von Hentig: Nichts war umsonst. Stauffenbergs Not, Wallstein Verlag, Göttingen 2008, 64 Seiten, 9,90 Euro.

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