Literaturkritik : Nebel über Stuttgart

Aus dem Hintergrund winken Mörike und Hermann Lenz: Anna Katharina Hahns leiser und beeindruckender Roman „Am Schwarzen Berg“ über das Bürgertum zwischen Gleichförmigkeit und Aufbegehren.

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Präzises Metapherngeflecht. Die Schriftstellerin Anna Katharina Hahn. Foto: Ullstein
Präzises Metapherngeflecht. Die Schriftstellerin Anna Katharina Hahn. Foto: UllsteinFoto: ullstein bild

Vom äußersten Rand seines Balkons aus beobachtet Emil Bub etwas Seltsames: Wie ein Voyeur, der lieber wegsehen würde, verfolgt er die Rückkehr des Nachbarssohns: „Endlich setzte sich Peter in Bewegung und taumelte auf das Haus zu. Er war ein anderer, nicht allein durch den Schmutz an seinem Körper. Besonders fremd machte ihn der Bart, der in das Gesicht hineinwuchs wie ein haariges Geschwür und die vertrauten Züge lippenlos und wild erscheinen ließ. Peters Rücken war krumm. Emil schämte sich, ihn so zu sehen. Es war, als beobachtete er ihn bei einer peinlichen Angelegenheit.“

Die Peinlichkeit entpuppt sich als existenzielle Krise. Peter, der selbst ernannte Taugenichts, hat nicht nur sich selbst verloren. Seine Frau Mia hat ihn verlassen und die beiden gemeinsamen Söhne mitgenommen. Anna Katharina Hahn umkreist diesen Selbstverlust und beäugt Peters Umfeld mit mikroskopischer Genauigkeit. „Am Schwarzen Berg“ heißt ihr neuer Roman, benannt nach einer Straße in Stuttgart-Burghalde, wo diese Milieustudie angesiedelt ist. Und er heißt so nach einem Mörike-Gedicht, das schon dem kleinen Peter von seinem väterlichen Nachbarn Emil Bub mit auf den Weg gegeben wurde: „Am schwarzen Berg da steht der Riese,/ Steht hoch der Mond darüber her; / Die weißen Nebel auf der Wiese / Sind Wassergeister aus dem Meer: / Ihrem Gebieter nachgezogen / Vergiften sie die reine Nacht.“

Das Unheimliche dieser Zeilen zieht sich durch einen Roman, in dem die Geister erst langsam ihre Wirkung entfalten. Wir erfahren in Rückblenden, wie es um die beiden Ehepaare steht, die seit Ende der siebziger Jahre durch Nachbarschaft und eben Peter, den Sohn des strengen Arztes Hajo Rau und der ernüchterten Carla, miteinander verbunden sind. Das kinderlose Paar Bub freundet sich mit dem „Peterle“ an. Vor allem für Emil, einen romantisch gestimmten Pädagogen, der einmal Visionen hatte und in Mörike einen Gewährsmann für die eigenen Lebensbrüche gefunden hat, ist Peter der perfekte Ziehsohn: Ihm pflanzt er seine Ideale ein, seine Sehnsüchte, seine literarischen Ideen. Je fremder sich das Paar Bub wird – nur ein stabiler Alkoholpegel scheint sie zu verbinden –, desto größer das Empfinden des Verlusts.

Anna Katharina Hahns Familien Bub und Rau sind beide mit ihren Widersprüchen überfordert. Die Zufriedenheit über das Erreichte ist vom Leiden an der Gleichförmigkeit des Lebens irgendwann nicht mehr zu unterscheiden. Stuttgart spielt eine Hauptrolle in diesem subtil erzählten Roman, man erfährt viel über die Stadt im Spätsommer 2010, dem Höhepunkt der Demonstrationen gegen den Bahnhofsneubau. Die Kessellage aber scheint Aufbrüche zu erschweren. Man kann nur mit Mühe über die den Ort umgrenzenden Hügel hinausblicken. Das ist für Charaktere wie Emil und Peter zugleich der rechte Platz. Ihr Wille zur Revolte hat nur eine geringe Reichweite. Kein Wunder, dass sich Peter für die Stuttgart-21-Proteste naiv begeistert.

Diese Haltung ist, obwohl ganz ans aktuelle Geschehen gebunden, unzeitgemäß. Sie ist, wie sich erweist, auch gefährlich. Peters Idealismus läuft ins Leere und stößt sich irgendwann an den sehr viel realitätszugewandteren Vorstellungen seiner Frau, die ihrer kleinbürgerlichen Herkunft zu entfliehen sucht und den Flausen ihres Mannes nicht mehr folgen will. Gerade Mias Dilemma, einerseits der Putzfrauenexistenz ihrer Mutter etwas Solides entgegensetzen zu wollen und zugleich mit der bildungsbürgerlichen Welt zu fremdeln, fängt Hahn glänzend ein.

Peter hat diese Sorgen nicht. Seine Verweigerung führt nach innen, sein Protest ist still. Darin ist er einer seiner literarischen Lieblingsfiguren nicht unähnlich. Eugen Rapp, das Alter Ego des Stuttgarter Schriftstellers Hermann Lenz, ist ebenfalls so ein Tagträumer, der im Stillen leidet. Aber bei Eugen Rapp gibt es zumindest eine Rettung in der Kunst: er schreibt. Für Peter ist sie nicht vorgesehen. Nicht zufällig arbeitet er als Logopäde mit Kindern – und ist doch am Ende selber sprach- und ausdruckslos.

Die Versuche der beiden alternden Paare, den jungen Mann wieder auf den rechten Weg zu bringen, sind auch verzweifelte Selbstrettungsversuche. Es ist ein gelungener Kunstgriff, dass Anna Katharina Hahn immer wieder die Perspektive wechselt, aus der Sicht der verschiedenen Protagonisten erzählt – Peter aber als Erzähler ausspart. Man ahnt auf den ersten Seiten, dass das nicht gut ausgehen wird. Mit welcher Konsequenz Hahn aber am Ende die verschiedenen literarischen, auch religiösen Motive zusammenschnürt, ist erschreckend und beeindruckend – gerade bei einem Buch, das über weite Strecken leise daherkommt und sein Metapherngeflecht präzise spinnt.

Man sollte sich aber nicht täuschen lassen: Auch bei Mörike, der über Emil schwebt wie ein Leitstern, ist die Idylle ja nur vordergründig. Zwischen den Zeilen lauert eine tiefe Verzweiflung. Bei Anna Katharina Hahn ist das nicht anders; nur dass bei ihr auch die Idylle von Anfang an schon keine mehr ist.

Niemand kennt hier den anderen wirklich. Und niemand ist in der Lage, einen anderen Menschen zu retten. Zuweilen kennt man nicht einmal sich selbst. Hahns Stuttgart ist ein Horror vacui. Schlimmer noch: Der Schwarze Berg ist eigentlich ein schwarzes Loch, von dem man jederzeit verschluckt werden kann.

Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg. Roman. Suhrkamp Verlag. Berlin 2012. 237 Seiten. 19,95 €.

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