Literaturzeitschrift "Alba" : Auf dem Sprung

„Alba“ ist das Berliner Indie-Magazin für junge Literatur aus Lateinamerika. Die jüngste Ausgabe widmet sich Chile.

Birgit Heitfeld
Team Morgenröte. Die Redakteure Benjamin Loy, Diana Grothues, Jorge Locane und María Ignacia Schulz (v. l.).
Team Morgenröte. Die Redakteure Benjamin Loy, Diana Grothues, Jorge Locane und María Ignacia Schulz (v. l.).Foto: Mike Wolff

„Über Erinnerung sprechen – Die Stimme der Kinder“ heißt ein Essay in der neuen Ausgabe der Literaturzeitschrift „Alba“. Er skizziert eine Strömung in der aktuellen Erzählkunst Chiles – nach 25 Jahren Demokratie. Die Schriftstellerin Alia Trabucco, Jahrgang 1983, gehört dazu. Ihr Romandebüt „La Resta“ („Was bleibt“) ist eine Art Roadmovie, das von schmerzhafter Erinnerung und Versöhnung handelt: Drei Freunde, deren Eltern unter Pinochet im militanten Widerstand aktiv waren, begleiten die sterblichen Überreste einer Exilantin im Leichenwagen durch die Andenkordillere.

In Chile hat die studierte Juristin Alia Trabucco, die hierzulande noch nicht übersetzt ist, bereits einen wichtigen Preis gewonnen. Hier setzt das Konzept von Alba, dem Berliner Indie-Magazin für junge Literatur aus Lateinamerika, an. Die zweisprachige Zeitschrift will Autoren, die dort schon einen Namen, aber noch keinen deutschen Verlag haben, im hiesigen Sprachraum vorstellen. „Uns hatte überrascht, dass nur wenige lateinamerikanische Autoren den Sprung nach Europa schaffen“, sagt Alba-Redakteur Benjamin Loy beim Interview im Hinterzimmer eines Kreuzberger Cafés. Der 28-Jährige unterrichtet hauptberuflich am Fachbereich Romanistik der Uni Köln und forscht zum Werk Roberto Bolaños. „Die großen Publikumsverlage haben pro Jahr nicht mehr als drei oder vier Titel aus Lateinamerika im Programm – und bei so einer kleinen Auswahl ist der Erfolgsdruck enorm.“

Die Macher von Alba (spanisch für: Morgenröte, Tagesanbruch) nehmen sich die Freiheit, von solchen Zwängen unbehelligt zu arbeiten: „Wir haben Spielraum, können etwas riskieren und mit neuen Stimmen experimentieren“, betont Loy. Insgesamt werden im neuen Heft mehr als 20 Autoren vorgestellt, von denen bislang nur drei in deutscher Übersetzung vorliegen: Rodrigo Díaz („Der mieseste aller Krieger“), Nona Fernández („Himmel“, „Die Toten im trüben Wasser des Mapocho“) und Alejandro Zambra („Die Erfindung der Kindheit“, „Bonsai“). Stilistisch sind die Texte des diesmal, aber nicht immer monothematisch angelegten Hefts, sehr unterschiedlich – von dokumentarisch und tagespolitisch bis hin zu Beiträgen, die mehr mit Sprache, Formen und Genres experimentieren. Es gibt Lyrik, Prosa, Essays.

Deutsche Verlage sollten mutiger sein

„Wir wünschen uns, dass die deutschen Verlage mutiger sind“, sagt die ebenfalls zum Treffen mit der Alba-Redaktion erschienene kolumbianische Übersetzerin María Ignacia Schulz. Aktuelle Strömungen würden ignoriert, glaubt sie. Stets transportiere man die gleichen Bilder aus Lateinamerika, häufig das Thema Gewalt. Und der Magische Realismus sei altmodisch und überholt.

„Oftmals nimmt die Literatur aus Lateinamerika, die beim deutschen Leser ankommt, den Umweg über Spanien und spanische Verlage – und das stellt bereits eine Vorauswahl dar“, sagt Jorge Locane aus Buenos Aires. Er arbeitet ebenfalls an der Uni Köln und forscht zum Thema Weltliteratur und Lateinamerika. „Mit Alba wollen wir eine direkte Brücke zwischen Lateinamerika und Berlin bauen.“

Der „Boom“ der Latino-Literatur in den 70er und 80er Jahren, als Autoren wie Gabriel García Marquez, Mario Vargas Llosa und Isabel Allende in Europa ihren Durchbruch hatten, ebbte mit dem Mauerfall ab. Der politische und verlegerische Fokus verschob sich nach Osteuropa. 1976 etwa präsentierte der Suhrkamp-Verlag noch 19 Latino-Titel auf der Frankfurter Buchmesse. In diesem Jahr stellt Suhrkamp als Erstausgabe einzig die Bestsellerautorin Isabel Allende mit „Der Japanische Liebhaber“ in Frankfurt vor. Im August erschien zusätzlich noch „Das Gift“ der in Berlin lebenden argentinischen Autorin Semanta Schweblin. Auch der Fischer Verlag hält sich bei lateinamerikanischen Autoren zurück und hat nur einen einzigen Titel angekündigt: „Der Traum von Rückkehr“ von Horacio Castellanos Moya, einem schon lange etablierten Schriftsteller aus El Salvador.

Alba ist ein Low-Budget-Projekt

„Es gibt seit ein paar Jahren hier und da interessante neuere Autoren bei den deutschen Verlagen, aber das ist alles nicht so sichtbar“, meint Jorge Locane. Neben den Taschenbuchausgaben von Roberto Bolaño (bei dtv) erscheinen etwa die eigenwilligen Miniaturromane des Argentiniers César Aira (Matthes & Seitz). Der österreichische Septime-Verlag mit seinem Lateinamerika-Schwerpunkt publiziert das Werk der Chilenin Nona Fernándaz. Der kleinere Berliner Verlag Hochroth bringt schwerpunktmäßig Lyrik.

Alba ist ein Low-Budget-Projekt. Die Zeitschrift erscheint zwei Mal pro Jahr, ohne App, ohne Tablet-Version, nur in Print. Sie finanziert sich aus Mitgliedsbeiträgen, Einzelverkauf und Spenden. Potenzielle Alba-Leser finden sich unter Übersetzern, Verlagslektoren, in Bibliotheken. Aber eine Fachzeitschrift will Alba nicht sein. „Wir sind eher ein Blatt für Liebhaber“, unterstreicht Diana Grothues, die auch Mit-Organisatorin des lateinamerikanischen Poesie-Festivals „Latinale“ ist. Die Zeitschrift kann auf ein Netzwerk aus gleichnamigen, jeweils unabhängigen Publikationen zurückgreifen, die auch in London und Peking erscheinen. Und natürlich in Paris, wo 2008 alles begann. Die mit einer Anschubfinanzierung aus Paris gestartete Berliner Ausgabe erscheint seit 2012.

Das aktuelle Heft ist 172 Seiten stark. Auflage: 1000 Stück. Finanziert wurde es aus einem Kulturfonds des chilenischen Außenministeriums, bei dem sich Alba mit Unterstützung der chilenischen Botschaft in Berlin um Fördergelder bewarb. Die Geschichten im Heft handeln etwa vom Vergessen durch Epilepsie („Flucht- und Rettungsplan“ von Nicolás Poblete) oder vom Tag des chilenischen Militärputsches aus Kindersicht („Stahlvögel“ von Andrea Jeftanovic). Mit einem Auszug aus seinem Debütroman „Der Wind ist ein fortgegangenes Land“ ist der Schriftsteller Óscar Barrientos aus Patagonien vertreten. Die barocke Fantasy-Geschichte spielt auf einem Walfänger, der durch die Weiten des Pazifiks segelt. Eine Mischung aus mythischem Epos und Sozialkritik des neoliberalen Chiles, einem häufig wiederkehrenden Thema der aktuellen Literatur.

Freitag, 16. 10., 19.30 Uhr, Instituto Cervantes, Rosenstraße 18-19 in Mitte: Anthologievorstellung und Schriftstellergespräch mit Alia Trabucco Zerán, Óscar Barrientos Bradasic und Patricia Cerda.
Alba im Netz: www.albamagazin.de

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