Literaturzeitschrift "die horen" über Ungarn : Der Reim aufs Ungereimte

Die neueste Ausgabe der Literaturzeitschrift "die horen" widmet sich der Situation in Ungarn mit einer Vielfalt an Autoren. Ein Meilenstein der ungarisch-deutschen Literaturvermittlung.

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Ministerpräsident Viktor Orbán bei der diesjährigen Gedenkfeier des Ungarischen Volksaufstandes von 1956.
Ministerpräsident Viktor Orbán bei der diesjährigen Gedenkfeier des Ungarischen Volksaufstandes von 1956.Foto: dpa

Wo die Anfänge und wo die Enden liegen, lässt sich angesichts des ewigen ungarischen Kuddelmuddels kaum sagen. Politisch gibt es Einschnitte wie 2010 den Amtsantritt von Ministerpräsident Viktor Orbán, der sein Land mit Zweidrittelmehrheit auf einen erstickend illiberalen, europafeindlichen Kurs gebracht hat. Kulturell gibt es Einschnitte wie die Tode der miteinander befreundeten Schriftsteller Imre Kertész im März und Péter Esterházy im Juli. Der eine Repräsentant einer jüdischen Tradition, die sich der nationalen Homogenisierung widersetzt; der andere ein augenzwinkernder Sprachanalytiker und Sprachverwirrer, der gerade unter Verzicht auf eindeutige Botschaften die Rhetorik der Mächtigen durchkreuzte. Wie er schon dem Sozialismus die Stirn bot, ist zu Zeiten, da die staatliche Selbstinszenierung ganz darauf gerichtet ist, das einzig wahre Ungarn im antisowjetischen Aufstand von 1956 zu erkennen, der Erinnerung wert.

Über all diesen hinlänglich bekannten Daten darf man aber die weniger offensichtlichen Zusammenhänge nicht vergessen: die bis heute nachwirkende habsburgische Vielvölkerei und die Korruptheit der Sozialdemokratie vor Orbán. Oder Endre Adys zwischen Liebe und Zorn zerrissene Heimatdichtung, die den Anschluss an die europäische Moderne markiert, und die widerspenstige Vielfalt derer, die sich ihren gegenwärtigen Reim auf die Gespaltenheit des Landes zu machen versuchen – auch wenn dabei nichts als „Ungarische Ungereimtheiten“ herauskommen. So jedenfalls ist die jüngste Ausgabe der „horen“ überschrieben: eine von Agnes Relle und Christine Schlosser zusammengestellte Anthologie, die auf über 200 Seiten Stimmen von Autoren und Autorinnen versammelt, die hierzulande viel zu wenig oder gar nicht bekannt sind. Ein Meilenstein in der aktuellen deutsch-ungarischen Literaturvermittlung.

Der Band schlägt einen weiten Bogen

Eine Skizze von Agnes Relle zur politisch-kulturellen Ausgangslage und eine von Wilhelm Droste zu den Aussichten flankieren die Beiträge, die ihrerseits von einem Essay und einem „Epilog“-Gedicht von István Kemény eingerahmt werden. Bitterer und bewegender kann man dem Mangel an Zukunft, die ganz in der patriotischen Selbstberauschung aufgeht, nicht ins Auge sehe. Zugleich kann man nicht entschlossener feststellen, dass es an jedem Einzelnen liegt, diese Zukunft herzustellen. Es ist richtig, wie Droste die „Irrationalität und Hysterie“ der Lage zu beschreiben: „Schuld sind immer die anderen, der Nachbar, die Kommunisten und Kosmopoliten, die Zigeuner, die Flüchtlinge, die Fremden, die Juden, Brüssel und die Liberalen, die Muslime oder vielleicht doch lieber die Griechen.“ Es ist aber auch wichtig, eben dem standzuhalten. In den Worten der 1984 geborenen Dichterin Timea Turi: „Alle gehen weg, ich derweil / versperre mir die Flügeltüren / dieses Landes.“

Nicht alle Namen sind neu. Doch für Ferenc Szijj, Krisztina Tóth, Gábor Schein, Virág Erdös, Tamás Jónás oder János Hay, alle durch frühere Veröffentlichungen bekannt, ist vielleicht erst jetzt die Stunde gekommen. Hay zum Beispiel berichtet in einer glänzenden Siebenbürgen-Reportage von Reisen in das Land der Szekler, einer ungarischen Minderheit in Rumänien, die durch die vielfach als Trauma erlebten Trianon-Verträge nach dem Ersten Weltkrieg vom Mutterland abgekoppelt wurde. Dieser verlorene Teil Groß-Ungarns inspiriert viele Träume. Sie äußern sich in Bustouren zu den bäuerlich-archaischen Stätten, wie an der Szekler Fahne, die im Gegensatz zur abmontierten Europa-Flagge vom neogotischen Palast des nach Londoner Vorbild erbauten Budapester Parlaments weht.

Von der serbischen Vojvodina aus werfen umgekehrt Zoltán Danyi und László Végel einen Blick ins kleine Reich ihrer Muttersprache. Auch sonst schlägt der Band einen weiten Bogen von den Düsternissen Edina Szvorens über die absurden Parabeln von Aliz Mosonyi bis zur sinnlichen Präzision von Ákos Györffy – samt einem Exkurs über die zeitgenössische Malerei. „Herr“, heißt es bei Kemény, „jag mich gerne um die ganze Welt, doch verschone mich mit deiner Existenz!“

die horen: Ungarische Ungereimtheiten. Literaturzeitschrift. Wallstein Verlag, Bd. 264, Göttingen 2016. 232 S., 14 €.

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