Literaturzeitschrift "Evergreen Review" : Unstillbare Wollust

Zeichen einer umkämpften Gegenwart: Der Verleger John Oakes und Chefredakteur Dale Peck versuchen, die legendäre Literaturzeitschrift "Evergreen Review" neu zu beleben.

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Black Lives Matter, auch in der Literatur. Die Zeitschrift "Evergreen Review" geht auf die politischen Entwicklungen in den USA ein. Hier ein Protest in New York City.
Black Lives Matter, auch in der Literatur. Die Zeitschrift "Evergreen Review" geht auf die politischen Entwicklungen in den USA...Foto: picture alliance / dpa

Anderthalb Jahrzehnte lang, von 1957 bis 1973, durchlüftete die „Evergreen Review“ Monat für Monat die Köpfe ihrer Leser. Sie verkündete die frohe Botschaft der San-Francisco-Renaissance, in der sich die Beat Generation um Allen Ginsberg mit dem Modernismus von Robert Duncan und der zenbuddhistischen Naturbetrachtung von Gary Snyder vereinte. Sie lockte mit den Meskalin-Abenteuern von Henri Michaux, Sartres Ansichten zum Ungarn-Aufstand, Literaturtheoretischem von Alain Robbe-Grillet und Gedichten von Samuel Beckett.

Das Echo blieb nicht aus. Zwischen obszönem Provokationsgeist, intellektueller Stimulation und sexueller Befreiung fühlten sich die einen animiert, die anderen riefen nach Zensur. Barney Rosset, Gründer und Chefredakteur des Magazins, pflegte als Verleger der New Yorker Grove Press mit Büchern von William Burroughs’ „Naked Lunch“ bis zu Marguerite Duras eine ähnliche Bandbreite. Als literarisches Trüffelschwein war er nicht zu schlagen und hatte obendrein das Glück, seine Signale in eine noch erheblich reizärmere Welt auszusenden.

Eine gediegene Portion Verachtung für alles Bestehende

Kann man eine solche Legende neu beleben? John Oakes, Verleger von OR Books, der Ende der 80er Jahre als Lektor bei Grove anfing, will es jedenfalls noch einmal wissen. Mit dem 1967 geborenen Dale Peck hat er einen Chefredakteur, der großmäulig genug ist, mit einer Portion Bauchgefühl („somehow there seemed to be a need“, was schon Rosset als Programm im Munde führte) und einer Portion gediegener Verachtung für alles Bestehende die Sache anzugehen.

„Die meisten Literaturzeitschriften langweilen mich“, schreibt er im Editorial des nun online wiedergeborenen Magazins. „Der größte Teil literarischer Fiktion. Der größte Teil literarischer Nichtfiktion.“ Der offensiv schwule Peck, von dem hierzulande zuletzt der Roman „Schwarz und Weiß“ (Albino) erschien, will sich seit seinem umstrittenen Band „Hatchet Jobs“ (Fiese Verrisse) in seinen Urteilen zwar gemäßigt haben, sein Editorial geht dennoch aufs Ganze.

„Die Impulse, die wir unterdrücken, um Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft zu bleiben“, schreibt er, „erweisen sich als die Antriebskräfte der Zivilisation. Unersättlicher Hunger. Unstillbare Wollust. Unergründlicher Zorn. Und vor allem der haltlose Glaube, dass wir mehr sind als das Fleisch, das uns kleidet, während es doch der Wahrheit näherkommt, dass wir unsere Körper bewohnen wie New Yorker ihre gemieteten Apartments, indem wir für sie nicht nur mit unserer Zeit, sondern auch mit unseren Prinzipien blechen, selbst wenn der Vermieter beim durchsichtigen Versuch, uns vor die Tür zu setzen, die Böden verrotten, die Leitungen verrosten und die Ziegel zerbröseln lässt, damit er die Fläche halbieren, die Miete verdoppeln und den nächsten Trottel hereinbitten kann.“

Wut über die anhaltende Arroganz der Weißen

Wenn dieser existenzialistische Hauruck-Freudianismus auch nicht unbedingt für eine glorreiche literarische Zukunft steht – die meisten Beiträge tragen erkennbar die Zeichen einer umkämpften Gegenwart. Der aus der Chicagoer South Side stammende Jeffery Renard Allen attackiert in seiner Wutrede „Urgently Visible: Why Black Lives Matter“ die anhaltende Arroganz der Weißen. Jade Sharma versucht sich in einem Auszug aus ihrem Debütroman „Problems“ an einer Vulgarität, die es mit ihren feministischen Motiven etwas ernster nimmt als Charlotte Roche, aber nicht so ernst, dass man über ihre Heldin, die heroinsüchtige Maya, nicht immer wieder lachen müsste.

Amerikanische Leser werden mit dem Mexikaner Alvaro Enrigue und der in Berlin lebenden Japanerin Yoko Tawada bekannt gemacht. „Boneshaker“, ein Kurzfilm der aus Ghana stammenden und derzeit im Whitney Museum gezeigten Frances Bodomo, schöpft die Online-Möglichkeiten aus. Und mit Michael Coffeys Experiment, drei Jahre lang nichts als Beckett zu lesen, sowie einem Kapitel aus Barney Rossets Autobiografie über den Zensurskandal um Henry Millers „Wendekreis des Krebses“, schlägt die neue „Evergreen Review“ den Bogen zurück zur alten. Wem das alles zu wenig ist: Die allerersten drei Ausgaben gibt es als PDF-Download dazu.

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