Literaturzeitschriften : Mein Apfel, dein Apfel, unsere Ideen

Literatur ohne Grenzen: Das "Asymptote Journal" ist eine audiovisuelle Plattform, vor der kein Kontinent sicher ist. Wie funktioniert das?

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Arbeit in Bewegung. Eine "Schubkarre" des 1973 geborenen indonesischen Künstlers Jumaadi, der nach seinem Studium an der australischen National Art School halb in Sydney lebt. Seine Arbeiten gehören, eingeleitet von Tiffany Tsao, bilden einen Beitrag in der aktuellen Ausgabe des "Asymptote Journal".
Arbeit in Bewegung. Eine "Schubkarre" des 1973 geborenen indonesischen Künstlers Jumaadi, der nach seinem Studium an der...Foto: Jumaadi(Asymptote Journal

Superlative taugen nur bedingt für literarische Programme. Es ist also Vorsicht aus Erfahrung, den Rekorden des „Asymptote Journal“ (www.asymptotejournal.com) erst einmal skeptisch zu begegnen. Kein Kontinent ist vor der Sammelwut der rund 60 in aller Welt verstreuten Redakteure, Scouts und Übersetzer sicher. Kein logistisches Hindernis scheint ihrem Miteinander im Weg zu stehen. Und keine Sprachbarriere hat das seit Januar 2011 im Quartalsturnus erscheinende Magazin aufhalten können, unter den Beiträgen aus bisher 93 Ländern und 65 Sprachen auch die kleinsten zu berücksichtigen.

Neben Millionensprachen wie Hindi, Bengali, Swahili, Chinesisch und Uigurisch finden sich auch das im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca gesprochene Isthmus Zapotec, das Ahtna aus Alaska, das in Teilen Paraguays und Argentiniens gepflegte Niviklé oder das Wagdi aus dem südlichen Rajasthan. Unter den Autoren, wer hätte es anders erwartet, befinden sich nicht nur Kandidaten für den nächsten Nobel- oder Booker-Preis, aber eben auch keine peinlichen Trophäen.

Die einzigartige Vielfalt von „Asymptote“ besteht darin, in den unendlichen Weiten der Literaturen, die dem anglozentrischen Diskurs sonst entgehen, ebenso zu Hause zu sein wie unter den Instanzen der westlichen Welt. Das Journal kann sich mit englischen Erstveröffentlichungen von Herta Müller, José Saramago, Patrick Modiano, László Krasznahorkai oder David Mitchell brüsten.

Ein Angebot für alle Ecken dieser Welt

Wo europäische Leser in der aktuellen Ausgabe von einem Hongkong Poetry Feature profitieren, mit dem japanischen Science-Fiction-Autor Yasutaka Tsutsui – 1974 erschien ein einziges Buch von ihm auf Deutsch – oder mit der jungen vietnamesischen Dichterin Nhã Thuyên bekannt gemacht werden, kann man sich am anderen Ende des Globus auf den Franzosen Yves Bonnefoy oder den Österreicher Thomas Stangl stürzen. Und um das nicht geringste Wunder zu erwähnen: Das Ganze, nur über Leserspenden und die Crowdfunding-Site Indiegogo finanziert, ist gratis und werbefrei. Zu alledem erhält es von wechselnden Illustratoren (diesmal Samuel Hickson) ein erkennbares Gesicht und sieht unverschämt aufgeräumt aus – nicht zuletzt durch die leicht navigierbare Oberfläche, die das Angebot nach Form und Gattung – Poetry, Fiction, Nonfiction, Drama, Feature, Criticism und Interview – ordnet.

Ermöglicht haben diese Abdeckungsdichte, der das Wort terra incognita offenkundig fremd ist, erst Mail, Skype, soziale Medien und YouTube, wo „Asymptote“ einen eigenen Kanal mit Trailern, Imagefilmen und Paneldokumentationen unterhält. Auch lebt der Online-Auftritt – eine Druckversion gibt es nicht – ganz von digitalen Segnungen. Zusätzlich zur englischen Fassung gibt es stets das Original, dazu meistens eine Erläuterung des Übersetzers zu den Eigenheiten des jeweiligen Texts, in vielen Fällen eine Lesung des Autors im MP3-Format – sowie eine interaktive Karte, auf der man sich lesend durch die Welt klicken kann.

Hier, wie beim verwandten, auch auf Papier publizierten Nonprofit-Projekt „Two Lines: World Writing in Translation“ (twolinespress.com) des Center for the Art of Translation in San Francisco, geht es nicht zuletzt darum, Verlage auf Autoren (und geeignete Übersetzer) aufmerksam zu machen. Der Weg aus der Nische in den Markt, so winzig er sein mag, ist das Ziel. Mit „That Other Word“ produziert das Center zusammen mit der American University of Paris obendrein begleitende Interview-Podcasts.

Der Name „Asymptote“, die mathematische Bezeichnung für den Graph einer Funktion, die sich in der Unendlichkeit einer Geraden immer weiter annähert, ohne sie jemals zu schneiden, steht für die Leistungsfähigkeit von Übersetzungen: Sie sind niemals identisch mit dem Original, kommen ihm in ihrer nachschöpferischen Kraft im Idealfall aber nahe. Die Macher werden dabei nicht müde, ein Wort von George Bernard Shaw zu zitieren, das ihre Idee von literarischer Kommunikation versinnbildlicht: „Wenn du einen Apfel hast, und ich habe einen Apfel, und wir tauschen unsere Äpfel, hat jeder von uns immer noch einen Apfel. Aber wenn du eine Idee hast, und ich habe eine Idee, und wir tauschen sie aus, dann hat jeder von uns zwei Ideen.“

Eine Spur führt nach Berlin

Die Geschicke des „Asymptote Journal“ leitet der 1977 geborene, in einer Mandarin sprechenden Familie in Singapur aufgewachsene und zum Studium in die USA gegangene Hypertext- und Videokünstler Lee Yew Leong von Taiwans Hauptstadt Taipeh aus. Ihm arbeitet ein kleines Heer illuster weltläufiger junger Menschen zu. Die studierte Übersetzerin Chenxin Jiang etwa ist in Hongkong aufgewachsen und lebt derzeit in London. Der Schweizer Etienne Charrière promoviert an der University of Michigan und ist Spezialist für Armenisches. Und der Holländer Florian Duijsens lehrt am Bard College in Berlin – und zeichnet nebenbei für die Prosa in „Sand“ (www.sandjournal.com) verantwortlich, „Berlin’s English Literary Journal“, das unter seiner Chefredakteurin Christina Wegener zweimal pro Jahr erscheint und gerade die zwölfte Nummer veröffentlicht hat.

Die Verdienste des „Asymptote Journal“ sind nicht unbemerkt geblieben. Die Londoner Buchmesse verlieh ihren International Literary Translation Initiative Award in diesem Frühjahr an die audiovisuelle Plattform – noch vor der chinesischen „Paper Republic“ und dem Amsterdamer „Letterenfonds“. Das traditionelle Gefüge der Literaturvermittlung ist in Bewegung geraten – zum Vorteil kleiner Literaturen. Ob daraus auch ein stabiles ökonomisches Fundament erwächst, steht einstweilen noch in den Sternen.

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