Lou Reed : Do Dodoo Do Dodoo

Von Velvet Underground bis zu seinem aktuellen „Lulu“-Album: Lou Reed spielt in der Spandauer Zitadelle.

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Lou Reed Foto: dpa
Lou ReedFoto: dpa

Es gibt noch Hippies. „Make Love Not War“ lautet die Botschaft auf einem Regenschirm, der am Mittwochabend in den Himmel von Spandau gereckt wird, aus dem es unaufhörlich tropft. Ein paar Meter weiter das nächste Bekenntnis auf einem Schirm: „bundespraesident.de“. Eine dreitausendköpfige Gruppe – bemützt, bekappt, verpackt in plastiktütenartige Schutzüberwürfe – hat sich auf dem matschigen Innenhof der Zitadelle versammelt, um einen Mann zu feiern, der nie ein Hippie sein wollte, als legendärer Kotzbrocken, „total entarteter Perverser und erbärmlicher Todeszwerg“ (Lester Bangs) galt, jetzt aber, mit siebzig Jahren, eine bundespräsidentenhafte Würde ausstrahlt. Als Lou Reed dann die Bühne betritt, werden die Regenschirme natürlich zugeklappt, denn – ooohhh Baby! – dies ist Rock ’n’ Roll.

Röhrende Rückkopplungen, aus denen sich Heavy-Metal-Gitarrenriffs herausschälen. Er würde sich seine Arme und Beine abschneiden lassen, wenn er an Boris Karloff und Kinski denkt, singt Lou Reed dazu, phantasmagorische Zeilen aus der Sicht eines „small town girls“. Das Stück heißt „Brandenburg Gate“ und ist eines von den Liedern, die Reed für eine „Lulu“-Inszenierung seines Freundes Robert Wilson schrieb, und aus denen er anschließend zusammen mit Metallica eines der lautesten und seltsamsten Rock-(Doppel-)alben der letzten Jahre machte.

Es geht um die Femme fatale, die schließlich an Jack the Ripper gerät, aber noch mehr geht es Lou Reed um seine eigene Obsession, die Beschwörung eines magisch-morbiden Berlin der Weimarer Republik voller Opiumhöhlen und Stummfilmschurken. Später spielt er noch „Mistress Dread“ und „Junior Dad“ von der „Lulu“-Platte. Mit Metallica zu arbeiten, sei so, als würde man einen Ferrari geschenkt bekommen. Die Stücke nun mit einer anderen Band aufzuführen, fühle sich „wie ein Porsche“ an, hat Reed der „Berliner Zeitung“ gesagt. Nun ja. Seine acht Begleiter machen aus Metal Boogierock, die Backgroundsängerin kräht, das Saxofon ist kaum zu hören.

Das Konzert steht unter dem Motto „From VU to Lulu“, und den stärkeren Eindruck hinterlassen die Klassiker. „Heroin“ vom Velvet-Underground-Debütalbum wird mit elektrisch verstärkter Violine und gestrichenem Stand-E-Bass dargeboten. Ein virtuoses Spiel von Beschleunigung und Drosselung, Lärm und Disziplin kämpfen miteinander. „Heroin, it’s my wife and it’s my life“, singt Reed. Passenderweise schließt sich „I’m Waiting For the Man“ an, die Geschichte vom New Yorker Eckensteher – „Lexington 125“ –, der mit 26 Dollar in der Hand auf seinen Dealer wartet. Lou Reed trägt ein schwarzes kurzärmliges T-Shirt und darüber eine Art schwarze Kutte. Drogen waren lange sein Thema, der totale Burn-out-Teil seiner Heldendichtung.

Die Ballade „The Cold Black Sea“ erstrahlt in minimalistischem Folkrock, Reed schnipst dazu mit den Fingern, „Walk on the Wild Side“ swingt und federt, die Backgroundsängerin macht „Do Dodoo Do Dodoo“, und am Ende setzt das Saxofon sehr soft und smooth zum Solo an, das ein wenig verrutscht. Das Großartigste an diesem Abend ist Lou Reeds Stimme, ein Organ, an dem das Leben seine Narben hinterlassen hat, mit dem er grummelt und knurrt und das immer noch höchst markant klingt. Es ist eine der großen Stimmen des Rock ’n’ Roll. Am Ende, nach anderthalb Stunden, lautstarker Jubel. Lou Reed singt „Sweet Jane“ und „Beginning to See the Light“ als Zugabe. Doch in der zweitlängsten Nacht des Jahres ist es auch um viertel nach zehn noch hell.

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