„Love Affairs“ in der Deutschen Oper : Zufall Liebe

Liebesszenarien mit Musik: Die Uraufführung von "Love Affairs" in der Deutschen Oper nähert sich dem Thema Liebe mit schrillen Neukompositionen.

Tomasz Kurianowicz
Die Liebe, ganz in blau, an der Deutschen Oper.
Die Liebe, ganz in blau, an der Deutschen Oper.Foto: Thomas Aurin

Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt, dass es nur ein Thema gebe, bei dem sein Texthonorar steige, je kürzer der Bericht ausfallen solle: beim Thema Liebe. Das innigste Gefühl ist nicht knapp in Worte zu fassen. Oder doch? Daher nähern sich die zwei jungen Künstler Birke J. Bertelsmeier und Dariusz Przybylski bei der Uraufführung von „Love Affairs“ in der Tischlerei der Deutschen Oper aus gutem Grund mit überzeichneten Perspektiven. Da kann man nichts falsch machen.

Bei den experimentellen Auftragswerken handelt es sich um „Liebesszenarien mit Musik“, schrillen Neukompositionen, in denen der ganze Saal als Spiel- und Liebesraum genutzt wird. Die Musiker stehen auf Podesten, das Publikum muss auf Sitzkissen oder Kartons Platz nehmen. Bertelsmeier verschanzt sich dabei in abstrakten Fantasien. Die beiden eindrucksvollen Stücke „Querelle“ und „Nachtigall“ reihen Rauchsäulen, Spiegelungen und Videoprojektionen bizarr aneinander, ohne sich für Sinn zu interessieren. Oder es taucht plötzlich eine weiße, schaukelnde Nachtigall auf, gesungen von Gideon Poppe, die das größte Thema der Oper mit atonalen Brechungen ad absurdum führt. Hier zeigt sich die Natur der Liebe bestechend nebulös und widersprüchlich.

Bei Przybylski das krasse Gegenteil: Der Pole lässt seine Sänger in pompöse Kostüme kleiden, verballhornt seine Liebespaare auf kongeniale Weise und feiert den Ausverkauf des Kitschs – etwa in dem Stück „Musical Land“ – mit urkomischen, messerscharfen Pointen. Da erschießt der Zwölfton-Guru Anton Schönberg die Musical-Größe Evita oder die Stepptanz-Stars Ginger und Fred, um seine unspielbaren kakofonischen Opern zu verteidigen. In dem Stück „Fall“ wiederum wird der Liebesbegriff zaghaft gerettet, durch ein Gedicht der polnischen Poetin und Nobelpreisträgerin Wieslawa Szymborska.

Die fantastischen Musiker der Deutschen Oper, der Kinderchor, die Sänger Bini Lee und Jörg Schörner präsentieren ihre Tonfolgen in unerklärlichen Zufallsketten. Nichts passt zusammen. Warum auch? Das ist dann so unverständlich und schön und groß und atemberaubend, wie die Liebe selbst sein kann. Oder nicht? „Denn jeder Anfang ist Fortsetzung nur, und das Buch der Ereignisse ist stets in der Mitte aufgeschlagen.“

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