"Love" in 3-D : Der nächste Tango in Paris

Viel Sex, viele Drogen und etwas Rock ’n’ Roll: Gaspar Noé zeigt in seinem 3-D-Drama „Love“ die Leidenschaft eines jungen Paars - und den Kater danach.

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Murphy (Karl Glusman), Electra (Aomi Muyock) und Omi (Klara Kristin) in "Love". Foto: Alamode
Murphy (Karl Glusman), Electra (Aomi Muyock) und Omi (Klara Kristin) in "Love".Foto: Alamode

Als sie zum ersten Mal miteinander ins Bett gehen, tragen Electra (Aomi Muyock) und Murphy (Karl Glusman) beide weiße Unterwäsche. Sie ziehen den Stoff zwar schnell von ihren schönen jungen Körpern, doch das unschuldige weiße Leuchten sticht aus der Szene heraus. Auch weil sie sich in der zweiten Hälfte von Gaspar Noés durch die Zeitebenen springendem 3-D-Film „Love“ befindet, in dem bis dahin schon ein knappes Dutzend expliziter Sexszenen zu sehen waren – größtenteils ohne diese frühe Zartheit.

Die Französin und der Amerikaner sind einander verfallen, Sex scheint ihr Lebensinhalt zu sein. Deshalb erfährt man auch erst spät, dass Murphy zum Filmstudium nach Paris gekommen ist und Electra eigentlich Malerin ist. Die starke Fokussierung auf das in 3-D gefilmte Sexleben der beiden mag auf die Dauer von 141 Minuten ermüdend sein, plausibel ist sie allemal.

Denn Electra und Murphy sind in erster Linie bemüht, ihre innere Leere, die sich auch in ihrer Beziehung ausbreitet, mit Sex und Drogen zu füllen. Wie nihilistisch und traurig das ist, zeigt schon die lange Eröffnungssequenz, in der die beiden einander ohne Blickkontakt mit der Hand befriedigen – ein technisch-freudloser Akt. Gegen die Bedeutungslosigkeit der Beziehung setzt das Paar irgendwann die Träumerei von einem Kind, für das sie irritierenderweise den Namen Gaspar aussuchen.

Es ist nicht die einzige Selbstbezüglicheit im vierten Spielfilm des Argentiniers. So steht neben Murphys Bett ein Modell des bunt schillernden „Hotel Love“ aus Noés letztem Werk „Enter The Void“, dessen Protagonist ebenfalls ein exzessiver junger Expat war. Ähnlich der damaligen subjektiven Perspektive gibt es diesmal innere Monologe und eine dicht an Murphys Kopf geführte Kamera – auf der Gegenwartsebene. Und die beginnt damit, dass Murphy an Neujahr verkatert aufwacht. Er trägt einen Schnurrbart, hat eine Plauze und wohnt mit der blonden Omi (Klara Kristin) zusammen, mit der ihn offenbar nur der gemeinsame Sohn verbindet. Als er auf seiner Mailbox eine verzweifelte Nachricht von Electras Mutter hört, beginnt sein Erinnerungstrip in die Zeit mit seiner großen Liebe. Rückblenden zeigen, wie er sie findet und verliert.

Eine Polizist gibt Murphy Tipps zur Triebabfuhr

Weil sie nicht chronologisch sortiert sind, entsteht eine gewisse Spannung. Auch der gelegentlich aufblitzende Humor macht „Love“ unterhaltsamer und hebt ihn über die reine Arthouse-Pornohaftigkeit eines „Nine Songs“ hinaus. So wird Murphy nach einer eifersuchtsbedingten Schlägerei verhaftet, was zur Halbfreundschaft mit einem Polizisten führt, der ihm in abstrusen Beratungsgesprächen zur alternativen Triebabfuhr in Sexclubs rät.

Während des Dreiers läuft Funkadelics "Maggot Brain"

Oder die absichtsvoll wie aus einem Porno übernommene Anbahnungsdramaturgie eines Dreiers: Electra und Murphy reden drüber, treffen in der nächsten Szene eine perfekt in ihre Fantasie passende Blondine und liegen kurz darauf mit ihr im Bett. Und weil diese schön gefilmte Nummer nicht nur einen aufschlussreichen Vorschlag zum Küssen zu dritt macht, sondern auch von dem wahnwitzigen Gitarrensolo aus Funkadelics „Maggot Brain“ begleitet wird, ist sie ein echter Höhepunkt in diesem ohnehin orgasmusstarken Werk.

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