Lucas Debargue im Kammermusiksaal : Lucas mit den Spinnenfingern

Diabolisch rasante Enrwicklung: Der französische Pianist Lucas Debargue im Kammermusiksaal.

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Lucas Debargue.F
Lucas Debargue.Foto: Felix Broede/Sony

Unter den Pianisten der jungen Generation ist Lucas Debargue eine Klasse für sich: Erst mit elf Jahren lernte er Klavier, um den Unterricht schon mit 15 wieder aufzugeben und dann mit 20 ein geregeltes Studium auf dem Instrument zu beginnen. Was ihn nur vier Jahre später befähigte, beim Tschaikowsky-Wettbewerb einen vierten Platz zu belegen. Muss man über diese abenteuerliche Lernkurve, die manche Tigermutter das Fürchten lehren dürfte, nur staunen, kann man seinen reifen Auftritt im Kammermusiksaal auch ohne dieses Wissen genießen.

Besonders ansprechend gelingt gleich der Auftakt mit vier Sonaten von Domenico Scarlatti. Debargue spielt sie eher in der romantischen als historisch informierten Tradition mit warmem Pedalhall und nachdenklich-verträumt abgeschrittenen Melodiebögen, zu denen er aparte Gegenakzente mit energetisch-virtuosem Figurenwerk und cembalesk exakt gesetzten Tonrepetitionen schafft. Klar durchdacht und intensiv durchfühlt erscheint auch Beethovens D-Dur-Sonate op. 10 Nr. 3. Stark ist dabei vor allem der Note für Note durchträumte langsame Mittelsatz, während das Menuett und vor allem das Finale mit seinen provozierenden Pausen noch eine etwas prägnantere rhythmische Zuspitzung vertragen könnten.

Bewegtes Wellenspiel

Zwei Gipfelwerke der Virtuosenliteratur nimmt sich Debargue in der zweiten Konzerthälfte vor: Maurice Ravels „Gaspard de la Nuit“ und Franz Liszts ersten „Mephisto-Walzer“. Seine Aufmerksamkeit für ausdrucksvolle Linien behält der Pianist auch im ersten Satz von Ravel, der impressionistischen „Ondine“, bei: Klar ziehen sie ihre Bahnen durch das bewegte Wellenspiel, das sich wirksam bis zu orchestraler Fülle aufschaukelt. Größeren Farbenreichtum und etwas mehr Mut zu böser Energie würde man sich indes für „Le Gibet“ (der Galgen) und „Scarbo“ (Kobold) wünschen. Ähnliches gilt für den Mephisto-Walzer, den Debargue mit faszinierend ausgereifter, spinnenfingriger Virtuosität hinlegt, aber im Mittelteil, in dem Faust immerhin eine Frau zu verführen sucht, etwas von der dämonischen Energie verliert.

Ein Extraschauer läuft einem aber dann doch über den Rücken, als man sich erinnert, in welch diabolisch rasanter Entwicklung sich Debargue seine auch hier nicht zu leugnende pianistische Souveränität angeeignet hat. Starker Applaus, der sich nach einer jazzigen Zugabe (denn auch diesen Stil beherrscht er) zu stehenden Ovationen steigert.

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