Kultur : Lucie Schauers Chronik des Berliner Kunstlebens seit 1945

Bernhard Schulz

Eine ganze Anzahl von Veteranen des West-Berliner Kunstlebens hatten sich am Dienstagabend in den Räumen des Neuen Berliner Kunstvereins (NBK) eingefunden, um Lucie Schauer zu lauschen. Die frühere langjährige Direktorin des NBK stellte ihr Buch über die "Kunstlandschaft Berlin von 1945 bis heute" vor, Haupttitel: "Ende und Wende". Lucie Schauer ist so lange "dabei", dass ihre Chronik durchaus nicht in den Ereignissen seit dem November 1989 kulminiert, sondern sehr sorgfältig und ausgewogen zumindest die fast vierzig Jahre ausleuchtet, die die Autorin in Berlin beruflich tätig ist, zunächst als Kunstkritikerin und dann, von 1975 bis 1994, als Direktorin des NBK in West-Berlin tätig. Denn natürlich ist die Perspektive eine westberlinische, es kann gar nicht anders sein. In den Jahrzehnten bis zum Mauerfall hat Lucie Schauer alle Personen eines Kulturlebens kennengelernt, das um Charlottenburg zentriert war. Es waren die Jahrzehnte des Inseldaseins, denen in den bildenden Künsten der Makel anhängt, unfruchtbar und epigonal gewesen zu sein. Dagegen schreibt die Autorin an. Sie will zeigen, was "trotz dieser eingeschränkte Situation geleistet wurde." Aber das Buch ist keine Kunstgeschichte, sondern eher eine Institutionengeschichte. Es ersteht das Panorama der West-Berliner Kunst-Einrichtungen, von der HdK über den Berufsverband, vom DAAD bis zur Berlinischen Galerie, von der Nationalgalerie bis zu den beiden nebeneinander her existierenden Kunstvereinen NBK und NGBK, denen erst nach der Wende mit den "Kunst-Werken" eine substantielle Konkurrenz erwachsen ist. Ach, und die Kunsthalle: diese längst vergessene, an Personalquerelen gecheiterte Einrichtung - im "Bikinihaus" am Zoo unglücklich untergebracht - wird noch einmal in Licht und Schatten ausgeleuchtet.

In diesen nüchternen, ungemein faktenreichen Kapiteln zu den einzelnen Institutionen, aber auch den (wenigen) Porträtskizzen der Protagonisten wie Dieter Honisch oder Eberhard Roters, hat das Buch seine Stärke. Der Blick der Autorin ist immer auf die Gegenwart gerichtet, sie ist Zeitgenossin im besten Sinne. Nicht das endgültige Urteil, sondern die Mitteilung des unmittelbar Gesehenen ist ihr Metier; die Journalistin behauptet gegenüber der Historikerin die Oberhand. Lucie Schauers Buch wird als Nachschlagewerk seinen Platz gewinnen: wie es im Einzelnen war, wer wann was gemacht, ausgestellt oder veranstaltet hat - das sind Fragen, die das Buch beantwortet, zuverlässig wie ein Tagebuch des Gegenwarts-Kunstlebens in West-Berlin bis zu dessen Aufgehen in dem größeren, unübersichtlicheren Gemenge, das nunmehr um die Auguststraße kreist.Lucie Schauer: Ende und Wende. Kunstlandschaft Berlin 1945 bis heute. Verlag Lindinger + Schmid, Regensburg 1999, 240 S., br. 39 DM.

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