Kultur : Lügen für die Liebe

Im Kino: die Komödie „I love you Phillip Morris“

Lars Dittmer

Im Jahr 1998 war Steven Jay Russell tot, eine Zeitlang. Aids. Über Monate war der Häftling des Houstoner County Jail immer schwächer geworden, und dann teilt der Gefängnisarzt den Behörden sein Ableben mit. Der Clou: Der Doktor, der die ganze Zeit die Krankenakte fütterte, ist Russel selbst – kerngesund, bloß liebeskrank. Raus aus dem Knast will er, um seinen Zellengenossen Phillip Morris wiederzusehen, in den er sich unsterblich verliebt hat.

„I love you Phillip Morris“ beginnt mit Russell (Jim Carrey) auf dem „Totenbett“: Er will sein Hochstaplerleben erzählen, eine Summe von Lügen. Früher hat er es mal bürgerlich versucht, lebte in Georgia als Ehemann, Vater, guter Amerikaner. Doch er ist schwul – und verlässt seine Frau für einen Freund (Rodrigo Santoro), und seine Accessoires heißen fortan Hawaiihemd, Hündchen und Rolex. Das Leben in Miamis Schwulen-Schickeria ist allerdings teuer: Nach Versicherungsbetrügereien landet Russell im Gefängnis, wo er den schüchternen Phillip Morris (Ewan McGregor) kennenlernt.

Als die Regisseure John Requa und Glenn Ficarra sich an das Buch wagten, waren die Probleme absehbar. Ein Homosexueller, der aus Liebe zum Betrugs- und Ausbruchskünstler wird? Das gruselt die Konservativen in den USA. Pikant obendrein: Der Film beruht auf einer realen Geschichte. Der echte Russel sitzt derzeit eine Strafe von 144 Jahren ab, in Texas.

„I love you Phillip Morris“ nimmt die Sache demonstrativ von der leichten Seite. Russel ist ein charmanter, zudem gewaltlos operierender Gauner – tragisch bloß, dass er sich an gesellschaftlichen Konventionen aufreiben muss. Wobei die Homosexualität der Protagonisten kaum eine Rolle spielt. Anders als etwa in „Milk“ oder „Brokeback Mountain“ bleibt dem Zuschauer der Kraftakt erspart, sich für die Intoleranz der Gesellschaft fremdzuschämen. Es wird ganz einfach geliebt: so entzückend wie verzückend. Lars Dittmer

Derzeit in 17 Berliner Kinos

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