Kultur : Lüstern im Liegestuhl

Panorama (3): „Crustacés et Coquillages“

Kerstin Decker

Dies ist ein französisches Lust-Spiel am Meer. Alle Beteiligten denken nur an eins, sie reden eine ganze Filmlänge über nichts anderes und wenn sie mal nicht darüber reden, sind sie sehr beschäftigt. Komödien handeln gewöhnlich davon, dass niemand der ist, der er scheint. Das bedeutet in einem französischen Lust-Spiel am Meer, dass niemand den Sex hat, von dem die anderen glauben, dass er ihn haben müsste. Mehr zu sagen, wäre indiskret.

Das größte Risiko eines französischen Lust-Spiels am Meer sind Penetranz und Zuschauer-Müdigkeit, hervorgerufen durch die relative Einförmigkeit des Themas. Es wäre unaufrichtig zu behaupten, dass „Crustacés et Coquillages“ beiden Gefährdungen ausweicht, ganz im Gegenteil. Es steuert direkt auf dieses Bermuda-Dreieck des Strandfilms zu, anfangs rechnet man jeden Augenblick mit dem Schlimmsten, aber dann sind wir immer noch über Wasser, und irgendwann weiß man, dieser Dampfer ist unsinkbar.

Die schwierigste Rolle hat Valeria Bruni-Tedeschi. Sie fährt an der Seite ihres Mannes und ihrer Kinder in das Ferienhaus am Meer, und ihr ist offensichtlich sinnlich zumute. Das kann man von zwei Seiten her kritisieren. Zwar verteidigt auch die Jugend inzwischen das Recht des (Mittel)Alters auf Sex, und doch gibt es nun einmal für Kinder nichts Befremdlicheres als wenn sie „so etwas unerledigt Menschliches“ (Thomas Mann) an ihren Eltern bemerken müssen.

Auch vom Standpunkt der hausfraulichen Praxis her ist es merkwürdig, dass diese Frau in ein lange nicht mehr bewohntes Ferienhaus zurückkehren kann und nichts zu tun hat, als mit Sonnenbrille lüstern im Liegestuhl zu dösen. Aber keine kann das so wie Valeria Bruni-Tedeschi. Ihr Mann Marc montiert wenigstens alte Fahrräder im Schuppen, schon wegen des Realitätsbezugs. Auch reagiert er keineswegs so euphorisch wie seine Frau auf deren Vermutung, dass ihr Sohn schwul sein könnte. Und so weiter.

Auch wenn Sie überhaupt nichts mehr über Sex wissen möchten und niemals mal jemandem begegnen möchten, der andere danach zu fragen wagt – für „C et C“ von Oliver Ducastel und Jacques Martineau lohnt es doch.

Heute, 13 Uhr; morgen, 18 Uhr (Cine- star 3); 15.2., 23 Uhr (Colosseum)

0 Kommentare

Neuester Kommentar