Lützowstraße forever : Das Kumpelnest 3000: Die Amüsiermaschine

Das Kumpelnest 3000 in der Lützowstraße ist zweite Heimat für Stricher, Stars, Nutten und Notare – seit 25 Jahren.

Oliver Koerner von Gustorf
Hoppla! Das Kumpelnest 3000, die legendäre Bar in der Lützowstraße, wird 25 Jahre alt. Zum Jubiläum veranstaltet das Kumpelnest ab Donnerstag, den 26.4., einen Party-Countdown, am 1. Mai steigt dann …Weitere Bilder anzeigen
Foto: Kilian-Davy Baujard
23.04.2012 17:52Hoppla! Das Kumpelnest 3000, die legendäre Bar in der Lützowstraße, wird 25 Jahre alt. Zum Jubiläum veranstaltet das Kumpelnest ab...

Das erste Bild, das ich vom Kumpelnest 3000 im Kopf habe, ist rotes Blut auf wasserstoffblondem Haar. Das Kumpelnest eröffnete während der Krawalle am legendären 1. Mai 1987, in jener Nacht, als Bolle am Görlitzer Bahnhof abbrannte. Max Müller, der Sänger und Gründer der Band Mutter, die damals noch Campingsex hieß, hatte während der Plünderungen einen Schlagstock über den Schädel bekommen. Er ließ sich die Eröffnung trotz Gehirnerschütterung nicht entgehen. Er sah toll aus. Seine Erscheinung schien passend für diesen Laden, dessen Name Sex, Freundschaft und Exzess ausstrahlte – die Geschwindigkeit, mit der die apokalyptischen Rennwagen in Roger Cormans Trashfilm „Death Race 2000“ über verlassene Highways jagen, nur tausend Meilen schneller.

Der Name des Lokals stammte von dem kanadischen Model, Go-go-Tänzer und Künstler David Steeves, der Zusatz 3000 von meinem Freund Nikolaus Utermöhlen, der gemeinsam mit Wolfgang Müller und Käthe Kruse die Tödliche Doris war. Natürlich war diese Mischung aus Schrulligkeit und futuristischer Übertreibung eine Antithese zur Vorstellung von Zeitgeist und Modernität, die damals in der West-Berliner Szene mit ihren neonhellen Bars und Klubs herrschte. Das Experiment, das der Kunststudent Mark Ernestus als Abschlussarbeit zu seiner HdK- Prüfung begann, glich einem Readymade. Er beließ das plüschige Ambiente in dem pleitegegangenen Club Maitresse in der Lützowstraße so, wie er es vorgefunden hatte: die nikotingeschwängerten Teppiche an den Wänden, die abgewetzten Barhocker, die kleine Animier-Bar vor der Küche, in der die Nutten ihre Freier bedient hatten. Das Personal rekrutierte sich aus Ernestus’ Freundeskreis, der sich in dem Punk-Lokal Risiko an den Yorckbrücken und im Umfeld der Genialen Dilettanten rund um die Tödliche Doris gebildet hatte. Nach dem Ende des Risiko waren die Neubauten- und Cave-Fans ins Ex ’n’ Pop weitergewandert, während sich im Kumpelnest eine neue Szene formierte, die einen offensiv campen Gegenpol zum heterosexuellen Rock-Pathos bildete.

Jede Geste, jeder Look, jedes Detail zählt

Nicht umsonst lautete das Kumpelnest-Motto: „Gegen Spitzenleistungen in der Gastronomie.“ Von Anfang an war alles in diesem Laden Performance. Jede Geste, jeder Look, jedes Detail, das der Einrichtung zugefügt wurde, zählte. Dazu gehörte auch der Musikmix, der von Throbbing Gristle oder White Noise über Deep House, Sal-Soul Disco bis zu Daliah Lavi reichte. Aber auch die Details, die Reinhard Wilhelmi bis heute gestaltet: Altäre aus Dildos, Porzellanfiguren, Texten, Collagen, die er hinter der Bar installiert, die Fundstücke von türkischen Läden und Flohmärkten, mit denen er den Raum in eine sich beständig wandelnde Installation verwandelt.

Die Leute hinter der Bar glichen damals den Superstars in Warhols Factory: Valerie und Kathy, die als Künstlerinnen und Callgirls arbeiteten. Gunter, der als gehörloser Barkeeper die Sex Pistols liebte und das Kumpelnest sehr prägte: Manchmal war der Laden knüppelvoll und dennoch kaum ein Wort zu hören, weil viele der Gäste sich nur in Gebärdensprache unterhielten. Ich war ständig da. Doch es sollte dauern, bis ich auf die andere Seite des Tresens wechseln konnte. Wer dazugehören durfte, wurde von einem Hofstaat aufgenommen, in dem die Fraktionen und Meinungen täglich wechselten: zu Kunst, Filmen oder poststrukturalistischer Theorie, aber auch zu den Menschen, die man bediente, mit denen man arbeitete.

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