Kultur : Luigi Pirandello: Ums Leben schreiben

Thomas Fitzel

Sieben Hemden habe er durchgeschwitzt, berichtete Luigi Pirandello 1930 von den Proben am Berliner Lessing-Theater zu "Heute Abend wird aus dem Stegreif gespielt". Ganz wie daheim fühlte er sich dagegen bei der Planung - mit der viel beschworenen deutschen Perfektion war es nicht weit her. Für Asta Nielsen schrieb er eigens eine neue Szene. Ursprünglich sollte sogar wieder Max Reinhardt die Regie führen, wie schon fünf Jahre zuvor bei "Sechs Personen suchen einen Autor" mit Max Pallenberg als Hauptdarsteller. 1925 war es mit 107 Premieren seiner Stücke auf deutschsprachigen Bühnen zu einem wahren Pirandello-Boom gekommen. Womit er in Deutschland erfolgreicher war als in Italien, seiner Heimat.

Daher lag es nahe, dass er im Oktober 1928 nach Berlin übersiedelte. Besonders interessierte ihn, hier in der Hauptstadt des europäischen Films die neuesten Entwicklungen auf diesem Gebiet zu beobachten. Den Tonfilm freilich empfand er als Rückschritt. Ihm schwebte eine Verschmelzung von Theater und Film vor. "Cinemelogie sollte der Name für diese Revolution sein" schrieb er 1929 in einem Artikel in der Deutschen Allgemeinen Zeitung (DAZ). Pirandello hatte in Bonn studiert und schrieb daher auch auf Deutsch. Am Lützowplatz bezog er eine Wohnung und im Romanischen Café reservierte man jeden Abend einen Tisch für ihn. Jedoch die deutsche Begeisterung für ihn ließ bereits nach. Zwar wurde "Heute Abend wird aus dem Stegreif gespielt" in Königsberg noch einmal ein Erfolg, doch bei der nachfolgenden Berliner Premiere im Mai 1930 kam es zum turbulenten Theaterskandal. Schon im ersten Akt schrie das Publikum: "Abtreten!" und "Raus!" Dergleichen war Pirandello eigentlich gewöhnt und im Grunde gab er sogar den Zuschauern Recht. "Auch ich hätte lieber gepfiffen", schrieb er an seine Geliebte, die Schauspielerin Marta Abba. Dennoch kehrte er enttäuscht Berlin den Rücken und zog nach Paris. Die Tumulte schrieb er einerseits den humorlosen Anhängern von Max Reinhardt zu, den er im Stück als Dr. Hinkefuss karikierte, andererseits seinem deutschen Übersetzer Hans Feist, mit dem er im Rechtsstreit lag. Pirandello traute der Qualität seiner Übersetzungen nicht mehr. Zurecht, muss man heute sagen.

Nachdem diverse Pirandello-Moden in Deutschland kamen und gingen, liegt nun erstmals im Propyläen-Verlag eine gut editierte und neu übersetzte 16-bändige Werkausgabe seiner Theaterstücke, Novellen und Romane sowie seines Essays über den Humor vor. Mehrere Anläufe in zwei Verlagen brauchte es dazu. Der Herausgeber Michael Rössner schloss das langjährige Projekt mit einem biografischen Materialband ab, wobei ein Roman Pirandellos noch verspätet folgen wird.

Erstaunlicherweise wurde selbst in Italien seit Jahrzehnten nicht mehr der Versuch zu einer komplexen Neuinterpretation dieser äußerst widersprüchlichen Person unternommen, so als ob Pirandellos Aussage, "das Leben schreibt man, oder man lebt es, ich habe es geschrieben", die Nachfolgenden davon abhalten würde, sein romanhaftes Leben zu beschreiben. Allein die Ehe mit seiner wahnsinnig werdenden Ehefrau Antonietta wäre ein Thema, das großen Mut zur Interpretation und Einfühlung bräuchte. Genauso gälte es, sein Verhältnis zum Faschismus zu klären. Entgegen Rössners Angaben distanziert sich Pirandello bei seiner Ankunft in Berlin keineswegs eindeutig von Mussolini. Am 29. Januar 1929 bittet er in der DAZ um die Richtigstellung, dass er entgegen einem verfälschenden Interview weiterhin "überzeugter Faschist" sei.

Für das Verständnis des Werkes erfährt der Leser verlässlich alles Wesentliche. Nur manchmal hätte man sich von Rössner genauere Angaben seiner Quellen gewünscht. Pirandello war in allem, was er tat, ein absolut Moderner. Seine Romane, wie "Mattia Pascal" oder "Einer, keiner hunderttausend", sind italienische Weltliteratur.

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