Kultur : Lust auf Lust

Ein Theater für die Leut’: zum Tod des Regisseurs Benno Besson

Christoph Funke

Was auf der Bühne geschieht, so sah es Benno Besson, muss Anstrengung hinter sich lassen und die Leichtigkeit, die Eleganz und die Präzision einer gern verrichteten, tadellos beherrschten Arbeit gewinnen. Ein Theoretiker wollte der Regisseur nie sein. Er bekannte sich stattdessen zu einem Theater, das die Wirklichkeit „aufs Spiel setzt“ und mit der Wirklichkeit spielt, „damit man sich ihr anpasst“. Jede Probe betrachtete der Regisseur als einen demokratischen Vorgang. Er konnte zuhören, er war vergnügt, wenn andere gute Einfälle hatten, aber er reagierte zornig und bockig auf Misslungenes. Im Bestreben, zu einer Einheit von Sprache und Gestik auf der Bühne zu kommen, die Tonfälle, den Rhythmus des Dialogs wie in einer Partitur festzulegen, war er streng und unerbittlich.

Am Tag nach der Premiere von Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ im Schauspielhaus Zürich (Februar 1998) lud Besson seine Schauspieler mit freundlicher Entschiedenheit zur Probe. Wieder feilte Besson Tonfälle und Übergänge, legte jedes Wort auf die Waage, arbeitete an der Musikalität des Textes. Die Beobachtung von Menschen und den Verhältnissen, in denen sie leben, war für den Regisseur eine Erkundung, die abenteuerlich, unterhaltsam – und intelligent zu sein hatte. Sein Theater war „ein Theater für die Leut’“.

In vielen Ländern hat der am 4. November 1922 im schweizerischen Yverdon geborene Regisseur gearbeitet. Entscheidend wurde für ihn nach dem Studium der Anglistik, Romanistik und Literaturwissenschaften in Zürich die Begegnung mit Brecht, schon 1947, vor der Rückkehr des Stückeschreibers nach Berlin. Sofort nach Gründung des Berliner Ensembles folgte Benno Besson dann der Einladung Brechts, an diesem Theater mitzuarbeiten. 1952 begann er mit eigenen Regiearbeiten, seine Beziehung zum Meister aber war und blieb widersprüchlich. Die mitunter verbissenen Debatten um das dialektische und epische Theater interessierten ihn nur am Rande. In der Verteidigung des Spielerischen traf er sich zwar mit Brecht, aber so konsequent wie er wagte es keiner der Schüler und Epigonen, „Lust auf Lust“ antworten zu lassen. Er war „nie eins mit Brecht“. Und holte sich gerade deshalb das Rüstzeug für die eigene, unverwechselbare Arbeit.

Den Inszenierungen am Berliner Ensemble bis 1958 (vor allem „Don Juan“, „Der gute Mensch von Sezuan“) folgte die große Zeit am Deutschen Theater. Zwischen 1962 und 1968 inszenierte Besson hier „Der Frieden“ von Aristophanes/Hacks, „Zwei Herren aus Verona“ von Shakespeare, „Tartüff“ von Molière, „Der Drache“ von Jewgeni Schwarz, „Ödipus Tyrann“ von Sophokles und viele andere Stücke. Von 1960 bis 1977 arbeitete er dann an der Volksbühne als Künstlerischer Leiter und Intendant, machte dieses Haus mit Interpretationen von Brecht, Shakespeare, Molière, Gozzi zu einem Zentrum europäischer Theaterarbeit. Und nicht zuletzt auch zu einem Zentrum öffentlichen Lebens durch die das ganze riesige Haus in Besitz nehmenden Spektakel-Programme. 1977 verließ Besson die DDR, sie war ihm zu eng geworden. Er arbeitete in Helsinki, Stockholm und Wien, war Leiter der Comédie de Genève (1982-1989) und danach wieder freier Regisseur in Frankreich, Deutschland, Italien und der Schweiz.

Bessson ist der Vater der Schauspieler Katharina Thalbach und Pierre Besson. Gemeinsam hatten sie das traurige Vergnügen, 1993 die letzte Inszenierung des West-Berliner Schiller-Theaters zu bewältigen. Mit seiner Inszenierung des „Kaukasischen Kreidekreises“ von Brecht am Théatre de Vidy-Lausanne gastierte Besson im Juni 2002 am Berliner Ensemble. Es war eine triumphale, leider nur kurzzeitige Heimkehr.

Vor einem Jahr, im Februar 2005, sagte Besson im Deutschen Theater: „Auf jeden Fall bin ich für Spaß“. Und: Theater solle die Menschen ermutigen, gern zu leben. Leichtigkeit bei Besson war nie Leichtfertigkeit, Komödiantisches. In jeder Inszenierung steckte auch – mal mehr, mal weniger – Wehmut, Wissen um das Scheitern großer Anläufe. Der Drachentöter Lanzelot im Märchen von Jewgeni Schwarz fiel in tiefe Melancholie, weil die Menschen die geschenkte Freiheit nicht annahmen. Im „Frieden“ von Aristophanes/Hacks steckte ein hintergründig plebejischer Witz und die Freude über die Lebenslust der Leute von ganz unten, aber auch eine leise Trauer darüber, dass der besiegte Krieg mächtig bleiben wird. Besson hat diese Melancholie, diese Trauer gekannt, und versöhnte sie dennoch mit der Heiterkeit nicht des Besserwissers, sondern des in allen politischen und künstlerischen Auseinandersetzungen gestählten Optimisten.

Gestern ist Benno Besson 83-jährig in einem Berliner Krankenhaus gestorben.

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