Kultur : Lust, Nacht, Zerstörung

Wolkenbrüche in Bochum: Die Ruhrtriennale eröffnet mit der Wagner-Oper „Tristan und Isolde“

Christine Lemke-matwey
Der Himmel als Hölle. Christian Franz als Tristan und Anja Kampe als Isolde in der Bochumer Jahrhunderthalle. Foto: dpa
Der Himmel als Hölle. Christian Franz als Tristan und Anja Kampe als Isolde in der Bochumer Jahrhunderthalle. Foto: dpaFoto: dpa

Fast liegt sie selbst wie ein Schiff da, die Bochumer Jahrhunderthalle, und wenn es zur Liebesnacht im zweiten Akt draußen zu unwettern beginnt und schwere Tropfen aufs Glasdach prasseln und Wälle von Wasser sich ergießen, dann hat man plötzlich ein sehr irdisches Gefühl von Cornwalls Küste und all den Säften, die Richard Wagner fünf Stunden lang durch seinen „Tristan“ pumpt. Als erführe man das Geschehen hier und jetzt am eigenen Leib, ja im eigenen Leib, jene „Handlung“ (so der enigmatische Untertitel des Musikdramas), in der doch nichts anderes als Liebe sich ereignet, Lust, Nacht, Zerstörung. Die reinste Hexenküche.

Wagner hätte frohlockt über diese unerwartete Vermengung von Realität und Kunst, dieses „unsichtbare Theater“. Sein Zuschauer sollte selbst Isolde sein, die Braut, die sich nicht nur einem anderen hingibt, sondern, laut verzwickter Vorgeschichte, ausgerechnet demjenigen, an dem sie einst Rache üben wollte, dem Mörder Morolds, ihres Verlobten. Der Zuschauer sollte selbst Tristan sein, eben jener mörderische Held und Anti-Held, der röchelnd verreckt, weil er die Differenz nicht erträgt zwischen der Finsternis und dem grellen Tag, dem Verborgenen und dem Offensichtlichen, dem Ersehnten und dem Erlaubten. Die Liebe, sagt Wagner, ist immer fraglos. Wie der Tod.

Wie sich nun allerdings das Atlantiktief, das sich am Wochenende des Ruhrgebiets bemächtigt hat, mit Wagners Musik vermählt, das ist das eigentliche Ereignis dieses Abends. Hatte man schon im ersten Akt über die funkelnde Eindringlichkeit der im (provisorischen) Graben sitzenden Duisburger Philharmoniker gestaunt, über die Laszivität, mit der der berühmte „Tristan“-Akkord sich spreizt, so gerät man im zweiten Akt schier ins Halluzinieren: Verhält es sich gar anders herum, gesellen sich nicht Wolkenbruch und Gewitter zu einer hier zufälligen, weil die diesjährige Ruhrtriennale eröffnenden „Tristan“-Premiere, sondern verhext diese die Meteorologie? Entfaltet eine solche Energie, dass sich darüber nur Himmel und Hölle gemeinsam entladen können?

Lange vor allen anderen, den Sängern, dem Raum, der Regie, gehört dieser Abend Kirill Petrenko. Was für ein fulminanter Musiker er ist, das muss in Bochum sicher nicht neu erfunden werden, das hat er jahrelang in Berlin an der Komischen Oper aufs Glänzendste bewiesen und seither in der ganzen Welt. 2013 wird Petrenko in Bayreuth den neuen „Ring“ dirigieren, 2013 tritt er außerdem die Nachfolge Kent Naganos an der Bayerischen Staatsoper an – und wer wissen will, was uns die hohe hehre heilige Musik noch angeht, wie tief sie hineinreicht in unsere Seelen, unser Sein, der hefte sich spätestens dann an seine Fersen. Es gibt nicht viele wie ihn.

Petrenkos „Tristan“-Dirigat besticht durch zweierlei: durch eine permanente Vitalisierung, auch gestisch, mit langen Armen, entschlossenen Rumpfbewegungen und hörbarem Zischen und Fauchen am Pult. Da bleibt kaum ein Takt auf dem anderen, alles strömt, fließt, reißt, als wäre die Musik ein streunendes Raubtier auf der Suche nach Beute. Unglaublich, wie elastisch Petrenkos Temporückungen sind, Systole, Diastole, der menschliche Blutdruck macht es vor. Gleich im Vorspiel zum ersten Akt nimmt er die Zäsuren zwischen den tastenden, stammelnden Anfangsphrasen wie Atemstillstände, unendlich lang, als würde es gar nie weitergehen mit der Musik, der Handlung, dem Akkord aller Akkorde. Und zieht dann doch an, natürlich, wobei Beschleunigung Verdichtung meint, Beschwörung des Augenblicks, Konzentration.

Das Zweite ist – hier kommen die Atlantiktiefausläufer ins Spiel –, dass Petrenko dieser artifiziellen, giftmischerischen Musik einen ungeahnten Naturlaut ablauscht. Er biegt die Partitur gleichsam zurück auf ihren romantischen Grund, sagt, zwischen den Zeilen, wie wichtig ein Lortzing, ein von Weber für Wagner gewesen ist. Da blubbert das Holz bei „des Quelles sanft rieselnder Welle“, da tändeln und trudeln die Streicher, wenn Tristan über Tod und Nacht und Teufel schwadroniert, da wird im Orchester überhaupt ausgesprochen fein und präzise artikuliert. Das mag mitunter auf Kosten des rezeptionsästhetisch verbrieften Überwältigungscharakters der Musik gehen, zu Lasten mancher Wagner-Klischees. Doch was gewinnt man dafür!

Wenn also die ersten Tropfen aufs Hallendach prasseln, kann man längst nicht mehr unterscheiden zwischen Oper und Nicht- Oper. Nichts anderes hat Wagner gewollt, und Petrenko weiß sich im dritten Akt noch zu steigern: Mit einer quälerisch langsamen Einleitung, als schwappten blauschwarze Wellen ans nächtliche Gestade von Kareol, mit dem regelrechten Überschnappen einzelner Instrumentengruppen, wenn Tristan der Wahn packt, mit einem Aufruhr, halb Totentanz, halb Kirmes, sobald Isoldes Schiff am Horizont auftaucht. Schade nur, dass Christian Franz als Tristan eine eher ungünstige Figur macht: Stimmlich steht ihm außer ein paar beeindruckenden Spitzentönen keine große Gesangskultur zu Gebote, darstellerisch wirkt er meist unbeholfen – was seine weiße Anstaltskleidung leider nur befördert (Kostüme: Bühnenbildner Wolfgang Gussmann mit Susana Mendoza).

Auch Anja Kampe, die Isolde, barfüßig im langen schulterfreien Kleid, schlägt aus Petrenkos Lesart (noch) nicht das nötige Kapital. Selbst wenn der Graben in Bochum gar keiner ist, sondern bloß ein behelfsmäßig abgezirkeltes Areal, und die Akustik in der Riesenhalle ihre Tücken hat, wird Petrenko niemals laut. Im Gegenteil, oft operiert er an der Grenze der Hörbarkeit, was Kampe ihm mit guter Textverständlichkeit und sauberer Stilistik dankt. Die hohen Cs aber schreit sie („Mir lacht das Abenteuer“), und der Liebestod, den sie auf einem Steg mitten im Orchester singt, verheißt mehr Kampf als Gestaltung, mehr Anstrengung als Transzendenz. Anja Kampe ist kein genuin hochdramatischer Sopran, sie muss sich den Weg ins Fach bahnen – und sollte sich vor zu vielen Isolden in nächster Zeit hüten.

Wie klug disponiert dagegen Claudia Mahnke als Brangäne, immer auf einem Atem mit Petrenko und sich nie überfordernd (wie leuchtet ihr Mezzo bei „dir zu entsagen“ im dritten Akt, zum Niederknien!). Stephen Milling als König Marke und Alejandro Marco-Burmester als Kurwenal vervollständigen ein respektables Sängerensemble, das sich szenisch alles andere als leichttut. Denn Willy Decker, der mit dieser Inszenierung seinen Abschied als Chef der Ruhrtriennale gibt, liest den „Tristan“ als praktizierender Buddhist. Das führt im Programmheft zu schrecklichen Besinnungsaufsätzen und auf der Bühne zu einer Art abstraktem „Nirwana“ und behauptetem Nichts. Zwei riesig-weiße, hydraulisch gesteuerte Wände markieren Schiff, Garten und Burg, mal verkeilen sie sich, mal drohen sie sandwichgleich alles zu zerquetschen, was da kriecht und kreucht, mal öffnen sie den Raum und geben, was noch das Beste ist, den Blick frei in die stählerne Monstrosität der Halle. Schlimm sind die auf einen dicken kreisenden Mond (?) projizierten Videos (fettFilm) mit einstürzenden Häuserfassaden und embryonalen Unterwasserspielchen.

Diese Ästhetik mag den Abschied von Willy Decker fast leicht machen. Dass Sänger ihre Figuren im Spiel finden müssen und nicht, wie üblich, bloß Staffage sind für ein x-beliebiges Ambiente, ist trotzdem eine gute Erfahrung. Und hilft den Ohren ganz ungemein.

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