Kultur : Luxemburg, Liebknecht, Politkowskaja

Ana Torfs’ Installation in der Berliner daad-Galerie

Nicola Kuhn

Politische Morde werden jeden Tag verübt. Nur wenige verankern sich im kollektiven Gedächtnis, etwa wenn sie am Wendepunkt der politischen Geschichte eines Landes, am Anfang einer neuen Zeitrechnung stehen. Die Ermordung der russischen Journalistin Anna Politkowskaja war ein solches Verbrechen. Das öffentliche Entsetzen weltweit, zugleich die lakonische Reaktion von offizieller Seite sprechen dafür. Die allgemeine Anteilnahme überspringt Grenzen – und Zeiten. Bis heute schmerzt der Mord an den Sozialisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Wie nahe das noch immer geht, spürt der Passant im Tiergarten und am Landwehrkanal, wo man 1919 die Leichen der beiden Politiker fand.

Die belgische Künstlerin Ana Torfs rückt mit ihrer Installation „Anatomy“ in der Berliner daad-Galerie die Attentate auf Luxemburg und Liebknecht noch näher an die Gegenwart heran, indem sie die damaligen Verhöre der Angeklagten mit jungen Darstellern nachinszeniert: sachlich, nüchtern, neutral auf zwei Video-Monitoren. Der Betrachter folgt dem Frage- und Antwortspiel zunehmend gebannt, am Ende fassungslos. Denn diese Sprache sprechen wir noch immer, auch die Physiognomie der Figuren ist die gleiche. Das makabre Schauspiel ist nur einen Wimpernschlag von der Vergangenheit entfernt. Von den neun angeklagten Armee- oder Marineoffizieren erhält am Ende einer eine milde Strafe, zwei kommen ins Moabiter Gefängnis, von wo der eine wenige Tage später flüchten kann.

Die jüngsten Fernsehbilder der um Anna Politkowskaja trauernden Menschen noch im Sinn, lässt sich der Betrachter von der 2005 während eines Berlin-Aufenthalts entstandenen Installation von Ana Torfs umso mehr daran erinnern, dass sich Geschichte wiederholt, in zyklischen Bahnen vollzieht. Darauf hebt auch die dramatische Gegenüberstellung der nüchternen Videoaufzeichnungen mit einer Großprojektion von Schwarzweiß-Diaaufnahmen ab, die im „Anatomischen Theater“ der Charité entstanden. Auch hier Schauspieler, Therese Affolter, Matthias Matschke und andere bekannte Gesichter, als Beobachter von einer klassischen Arena aus. Sie weinen.

daad-Galerie, Zimmerstr. 90/91, bis 4. 11., Sa-Mo 11-18 Uhr. Katalog 15 €.

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