Lyrik : Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein

Wo bleibt die Ode an den Mindestlohn? Tom Schulz präsentiert eine Sammlung neuer politischer Gedichte.

Thomas Wild

Sie kommt rechtzeitig zur Bundestagswahl, diese Anthologie mit „Neuen politischen Gedichten“. Moralisch Angesäuertes oder politisch Korrektes sei von den 26 Autoren nicht zu erwarten, verspricht der 1970 geborene, in Ostberlin aufgewachsene Herausgeber Tom Schulz, einer der bekanntesten Lyriker der jüngeren Generation. Seine Zusammenstellung – viele Namen kennt man aus dem „Lyrik von jetzt“-Band, mit dem sich seine Generation zum ersten Mal gebündelt vorstellte – will den Leser angesichts unseres „Zeitencrashs“ mit dem politisch wie poetisch „Wagnisbehangenen“ aktueller Lyrik konfrontieren, „erst recht in einer Zeit, in der die Weltrisikogesellschaft Kurs aufgenommen hat, ihre Endprozesse zu beschleunigen. In einer Zeit, in der die Finanzkonstrukte in ein solches Wanken geraten sind, dass man den schiefen Turm der transnationalen Wirtschaften kippen sieht, ins Bodenlose.“ Ist hier die Musik drin, die im Wahlkampf so lauthals vermisst wird?

Thematisch ist alles geboten. Von Armut und globaler Ausbeutung über Terrorismus und Überwachung bis häusliche Gewalt, Prekariat und Arbeitslosigkeit. Ein „hartz-IV-lied“ gibt es, aber keine Ode an den Mindestlohn. Tendenzdichtung ist out, selbst in ihrer klügsten und schönsten Form. Kein Echo auf Heinrich Heine, Bertolt Brecht bedenkt man milde ironisch, von Biermann und anderen wird geschwiegen. Das Motto liefert der postmoderne Kurzprosaist Donald Barthelme: Das Geheimnis zur Veränderung der Welt liege in der Sprache. Nur der alte „onkel auf dem schreibtischstuhl / faselt noch von solidarität“, erklärt entsprechend René Hamann „das ende der arbeit“: „alles nimmt ab, alles wird gefilmt.“ Damit kritisiert er nicht nur die Allgegenwart der Überwachungskameras, sondern beschreibt zugleich Auswirkungen auf das Schreiben. Denn viele Gedichte wirken, als buchstabierten sie Filmstills und Medienbilder aus. Tom Bresemanns flotte Wortspielereien werden dabei explizit: „im fernsehen grassieren flüchtlings-/ camps, supported by reebok“.

Und wie steht es mit Lied und Reim, Parodie und Polemik? Alldem, was klingt, veralbert, munter ätzt und die Sprache statt zum Schwert zur Feder macht, die kitzelt bis zum Totlachen? „Hier bin ich Mensch / hier kauf ich ein“ – sehr viel einfallsreicher als in Björn Kuhligks „Helikopterquartett mit Vertriebenen-Arie“ wird es in dieser Hinsicht leider selten.

Gewiss, Performer wie Gerald Fiebig oder Stan Lafleur gäben ihren Texten erst live den richtigen Drive. Doch immer wieder stoppen abstrakte Wortungetüme den sprachlichen Schwung. Fiebigs „post-industrial“ etwa nimmt die Spur zu einer stillgelegten Fabrik auf, man folgt fließenden Farb- und Wortklängen, und dann: „die maschinen selbst & ihr klang / im strukturwandel verschwunden“. Das gibt es an vielen Stellen des Bandes: Wie hier der „Strukturwandel“, der auch auf Jürgen Habermas’ Gesellschaftsphilosophie anspielt, bringen oft erzwungene theoretische Referenzen den sinnlichen Eigensinn der Gedichte zu Fall.

Bekanntlich kann auch die Negation eines politischen Bezugs eine politische Haltung formulieren. Bei Ron Winkler zum Beispiel mündet so etwas in subversive Resignation: „wenn wir nicht schlafen können, sind wir kleine Tretboote Potemkin“. Oder das Augenmerk konzentriert sich auf die Beobachtung, die nicht eingreift, wie in den luziden Miniaturen Angela Sanmanns.

Ihre Beschreibung eines abseits betenden Muslims in „berlin schönefeld“ setzt die individuelle Wahrnehmung ins Verhältnis mit etwas, das alle angeht und somit zur Politik – von der Freude über das Fremde bis hin zum schleichenden Verdacht. Die Verbindung von Liebe und Politik – für Autoren von Brecht über Thomas Brasch bis zu Uwe Kolbe das Lebenselixier ihres politischen Schreibens – scheint die neueren Vertreter der Zunft wenig zu reizen.

„Liebesnot“ attestiert Thomas Kunst den „jungen Büchern auf den deutschen Messen“. Dort werde die „Flucht aus zweiter Hand“ nur „ausgesessen“. Seine humorvollen Sonette gehören zu den Höhepunkten des Bandes. So erfindet die Sammlung die politische Lyrik nicht neu. Aber sie zeigt die Lebendigkeit des Genres – und wartet am Ende mit einer hoffnungslos gut gemeinten Idee auf. Im Nachwort erklärt Theresa Klesper: „Stellen wir uns vor, jedes Mitglied des Bundestages erhielte pro Quartal einen aktuellen Gedichtband mit der Auflage, ihn zu lesen“ und es flösse „aus diesen Gedichten pro Quartal nur eine Idee in seine Gedanken hinein“. Ach ja.

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