Kultur : Mama!

Multikulturell gewickelt: Thomas Balmès’ Dokumentarfilm „Babys“

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Die Reize mongolischen Steppenlebens sind spätestens seit der „Geschichte vom weinenden Kamel“ fester Bestandteil filmischer Folklore. In „Babys“ bevorzugen die Nomaden das Motorrad als Transportmittel. Doch sonst ist in der Jurte und drumherum alles ganz traditionell. Hier lebt mit Eltern und älterem Bruder der kleine Bayar, einer der insgesamt vier Hauptdarsteller dieses Films. Dessen Stars sind Neugeborene aus drei Kontinenten, die Thomas Balmès und sein Team ein Jahr lang mit der Kamera begleiten. Die drei anderen leben in San Francisco, Tokio und Epembe/ Nordwestnamibia und sind Mädchen.

Aller Lebensbedingungen sind so erwartungsgerecht aufgestellt von Afrika (Natur pur!) bis Japan (Hightech!), dass es nicht nur langweilt, sondern schmerzt. Während Mari, das Tokioter Einzelkind, in einer architektonisch und institutionell komplett überformten Umgebung mit Gruppenbabygymnastik und Merchandising-Puppen aufwächst, verbringt Ponijao ihr erstes Lebensjahr in direktem Kontakt zum Mutterleib und zur weiten namibischen Wüstenlandschaft. Spielgruppe sind die neun Geschwister. Und während Bayar – zumindest im Sommer – auf eigene Faust die Welt um die Jurte erobert, wird Hattie ihre Welterfahrungen unter allgegenwärtiger pädagogischer Kontrolle machen. Kein Wunder: Die US-/japanischen Eltern kommen aus der akademischen Elite, die anderen sind arme Tierzüchterfamilien: Ponijaos Familie hat so wenig, dass das Mädchen dank des Filmhonorars als erste der Familie eine Schule besuchen soll.

Als sozialer Akt mag der Film durchaus sinnvoll sein. Als Dokumentarfilm – und als solcher versteht sich „Babys“ ausdrücklich – liefert er aber nicht mehr als sozial-ethnische Déjà-vus. Dabei ist es egal, ob man das naturnahe oder das städtische Setting bevorzugt: Es fehlen inhaltliche und ästhetische Reibungsflächen, um die gezeigten Klischeebilder aus der Redundanz des Immer-schon-Gewussten zu befreien. Dieser Mangel erstaunt, weil Balmès in seinen bisherigen Arbeiten, etwa „A Decent Factory“ (2004), gesellschaftlichen Auseinandersetzungen eher viel Raum gab.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Hier soll dem naturgemäß weitgehend sprachlosen Film keineswegs ein Kommentar angedient werden. Doch der intime Nahblick in Direct-Cinema-Tradition bleibt flach, wenn er sich auf die mosaikartige Montage kontrastiver Elemente und anekdotischer Höhepunkte beschränkt. Denn die Babys tun auch hier bloß das, was Babys eben tun: trinken, schreien, schlafen, kacken und sich langsam zur welterobernden Zweibeinigkeit emporkrabbeln.

Untermalt von Bruno Coulais’ maximalistisch brabbelndem Soundtrack erinnert das Ergebnis stark an die von ihm – ungleich opulenter – bestückten Naturfilme wie „Nomaden der Lüfte“ oder „Unsere Ozeane“. Passenderweise sind es mangels anderer Attraktionen dann bald vor allem die tierischen Nebendarsteller, an die sich die Aufmerksamkeit heftet. Besonders gut hat es hier Steppenkind Bayar getroffen, das schon mal mitten in eine Kuhherde oder an einen Hahn im Bett gerät. Comic Relief nennt man solche humoristisch erleichternden Momente im sonstigen Geschehen. Tragen können sie einen Film nicht.

In Berlin im Cinemaxx, Colosseum Eva, Kulturbrauerei und Neues Kant

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