Marcel Ophüls in Berlin : Meister zielstrebiger Umwege

Oscarpreisträger Marcel Ophüls plant einen neuen Film – über Lubitsch. Eine Begegnung in Berlin.

Ralph Eue
Munter. Marcel Ophüls, 87, auf der Dachterrasse des Hotels Kempinski. Am Freitag er er im Haus der Kulturen der Welt aufgetreten .
Munter. Marcel Ophüls, 87, auf der Dachterrasse des Hotels Kempinski. Am Freitag er er im Haus der Kulturen der Welt aufgetreten .Foto: Kyra Meyer

Als Marcel Ophüls die Tür zur kleinen Dachterrasse im Hotel Kempinski aufstößt, reißt die Wolkendecke auf. Sogar der Himmel über Berlin ist dem 87-jährigen wohlgesonnen. Er nimmt das Sonnenspektakel als Willkommensgruß für sich. Seit jeher hatte er noch einen Koffer in Berlin, auch wenn er schon lange nicht mehr hier gewesen ist. „Lubitsch ist ja auch immer ein Berliner geblieben“, sagt der Regisseur. Auf Ophüls’ Schreibtisch liegt die Lubitsch-Monografie „Laughter in Paradise“. Ernst Lubitsch soll der Held seines neuen Films werden. Tatsächlich ein neuer Film? Vergangenes Jahr erst wurde Ophüls’ filmische Autobiografie „Ain’t Misbehavin’“ beim Festival von Cannes gezeigt, im Januar ist er in seiner Wahlheimat Frankreich zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden – „zwar spät, aber besser spät als nie“ – und vor ein paar Tagen sind seine Memoiren auf Französisch erschienen. „Erinnerungen eines Vatersöhnchens“ heißen sie. Lubitsch kommt oft darin vor. Nicht ganz so oft wie Max Ophüls, Marcels Vater, aber immerhin.

„Sie ahnen doch bestimmt, wer Lubitsch spielen soll?“ Ich ahne es nicht. „Na, der kleine Dustin Hoffmann!“ Und Jeanne Moreau wird seine Privatsekretärin. Aus ihrer Sicht soll der Film erzählt werden. Ein Spielfilm also? „Worauf Sie sich verlassen können!“

Freitag ist er im Haus der Kulturen der Welt aufgetreten

Marcel Ophüls sieht sich immer noch als Dokumentarfilmregisseur wider Willen, dabei ist er mit Arbeiten wie „Le chagrin et la pitié“ (1972) über „Memory of Justice“ (1974–76) bis zu „The Troubles We’ve Seen“ (1994) ein Gigant des Dokumentarischen. In seinen Filmen haben sich virtuos die Tugenden des investigativen Journalismus mit der Kunst des großen Kinos verbunden.

Eine der seltenen Vorführungen von „The Troubles We’ve Seen“, seines Films über die Belagerung von Sarajevo im Rahmen der Veranstaltung „Krieg erzählen“ im Haus der Kulturen der Welt ist der Grund seines Berlinbesuchs.

In all seinen bisherigen Filmen hat Ophüls sich als Meister des zielstrebigen Umwegs erwiesen. So sehr er auch die Komplexität des Gewebes seiner Filme steigerte, so sehr er auch die Handlungsbögen dehnte, so waren sie doch immer auch eins: mustergültig im Hinblick auf dramatische oder erzählerische Effizienz. In „The Troubles We’ve Seen“ gibt es eine unerträglich schöne Sequenz – und nur indem sie unerträglich und schön ist, entfaltet sie ihre große Wirkung: Ophüls spricht in einem armseligen Verschlag von Wohnung mit dem bosnischen Schauspieler Nermin Tulic, dem eine bosnische Granate auf dem Weg zur Probe die Beine abgerissen hat. Tulic war einmal berühmt für seine getanzte Darstellung des König Ubu. Trotz der Zerstörung seines Körpers ist dieser Schauspieler und ehemaliger Leiter des Theaters der Jugend in Sarajevo von geradezu unbändiger Vitalität. Dann ein Moment, der im ersten Atemzug fast abstoßend erscheint, als würde die Kamera eine offene Wunde in Augenschein nehmen: der Wechsel vom Gespräch mit Tulic zu einem Ausschnitt mit einem tanzenden James Cagney aus einem Hollywood-Musical. Erst (oder schon?) im zweiten Atemzug offenbart sich aber die fast übermenschliche Vision dieses Schnitts: es ist die Feier der Lebenswut, trotz allem, im finstersten Dunkel der Kriegsverzweiflung.

„Aber fragen Sie mich doch bitte mehr über Lubitsch!“, fordert Ophüls. Wie wird der Film zu Ende gehen? „Mit einer Beerdigung, wie sich das gehört. Da werden William Wyler und Billy Wilder nach der Beisetzung auf den Ausgang des Friedhofs zugehen und William Wyler wird seufzen: ,Kein Lubitsch mehr!‘ und Billy Wilder wird antworten: ,Aber was noch schlimmer ist, kein Lubitsch-Film mehr.‘“

Marcel Ophüls’ Filme taugen immer noch, wenn auch im Lauf der Jahre weitgehend unsichtbar geworden, als Lektionen. Sie sind das, was Jean-Luc Godard 1978 im Rahmen seiner kanadischen Vorlesungen „Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos“ als Kennzeichen wichtiger Filme genannt hat: Arbeiten, die andere Arbeiten erzeugen. In einem Glückwunsch-Fax zum dreißigjährigen Bestehen der Duisburger Filmwoche schrieb Ophüls im Jahr 2006: „Seit 40 Jahren habe ich versucht, die feigen Neutralisten anzugreifen, die sich auf ihre angebliche Toleranz berufen, um ihre eigene Feigheit und geistige Faulheit zu verbergen. Seit 40 Jahren versuche ich Naturalismus im Dokumentarfilm als Mangel an künstlerischer Fantasie und Vitalität zu entlarven. Seit 40 Jahren habe ich versucht, gegen den Begriff ,Objektivität‘, dieses stumpfsinnige Alibi für Mangel an Stellungnahme zu kämpfen. Jetzt, wenn ich die Interviews von jungen Dokumentarfilmern lese, habe ich den etwas wehmütigen Eindruck, dass ich zumindest auf diesem Gebiet etwas erreicht habe.“

Vor gut anderthalb Jahrzehnten hatte sich Marcel Ophüls eigentlich schon aufs Altenteil zurückgezogen, um nur noch mit dem Hund spazieren zu gehen und sich um den Gemüsegarten am Fuß der Pyrenäen zu kümmern, inzwischen aber scheint er ganz und gar wieder dem zu entsprechen, was Friedrich Luft im Vorwort zu den Memoiren seines Vaters Max Ophüls geschrieben hat: „Auf eine sehr musische Weise immer im Dienst.“

Die Produktionsfirma, die Marcel Ophüls’ Lubitsch-Film machen soll, heißt übrigens Phoenix. „Bei diesem Namen kann ja nichts mehr schiefgehen!“

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