• Marcellus Emants Roman „Ein nachgelassenes Bekenntnis“: Geschichte eines Misanthropen

Marcellus Emants Roman „Ein nachgelassenes Bekenntnis“ : Geschichte eines Misanthropen

Willem Termeer schätzt drei Dinge: Einsamkeit, erotische Abenteuer und abschließbare Räume. Marcellus Emants neu übersetzter Klassiker erzählt die Geschichte des Misanthropen par excellence.

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Flucht in die Abgeschiedenheit. Ein zentrales Thema von Marcellus Emants Roman "Ein nachgelassenes Bekenntnis"
Flucht in die Abgeschiedenheit. Ein zentrales Thema von Marcellus Emants Roman "Ein nachgelassenes Bekenntnis"Foto: dpa

Was eigentlich schätzt Willem Termeer in seinem Leben? Wohl nur dreierlei: Einsamkeit, erotische Abenteuer und vor allem abschließbare Räume. Ansonsten ist dem 35-jährigen Privatier aus Den Haag alles zuwider, jegliche Wetterlage ebenso wie seine Mitmenschen, denen er bei Spaziergängen begegnen könnte, von Arbeit ganz zu schweigen.

Nach dem frühen Tod der Eltern, von denen er sich nie geliebt fühlte, lebt er von seinem Erbe, andernfalls müsste er sich nach einer „Tätigkeit in der gefürchteten Gesellschaft umsehen“. Schon am ersten Schultag, erinnert er sich, habe er sich wie ein Kaninchen im Raubtierkäfig gefühlt: „Noch immer muss ich in den Zwinger voller wilder Tiere, sobald ich mich unter Menschen begeben will, und aller Vernunft zum Trotz gelingt es mir nie, dieses Misstrauen zu unterdrücken, mit dem ich mich meinen sogenannten Brüdern nähere.“

Der getriebene Müßiggänger Termeer zeiht sich eines „Mangels an Enthusiasmus und Takt“. Um den Konventionen zu folgen, geht er dennoch mit Anna, der Tochter seines Vormunds und Vermögensverwalters, den Bund der Ehe ein. Nun ist Anna tot, und ihr Mörder respektive Witwer legt sich selbst gegenüber Rechenschaft ab.

Neu übersetzt im Zuge der Buchmesse

Marcellus Emants schuf 1894 mit seinem Roman „Een nagelaten bekentenis“ das Psychogramm eines mustergültigen Soziophobikers und Neurasthenikers, der zum Mörder wird. Die Neurasthenie oder Nervenschwäche war seinerzeit eine Modediagnose, quasi eine Vorläuferin des heutigen Burnouts. Willem Termeer erläutert aus einer alles in ihren Sog ziehenden Ich-Perspektive heraus mit der scheinbar größten Selbstverständlichkeit, wie es zum Tod seiner ungeliebten Frau kommen musste, deren übersteigertes Pflichtbewusstsein ihn zunehmend verdross.

Hinzu kam ihr Flirt mit einem verwitweten Geistlichen, um dessen Tochter sie sich kümmerte; ihr eigenes Kind starb mit anderthalb Jahren und wird vom Vater nicht einmal namentlich erwähnt. Gegen Geistliche habe er immer eine Abneigung gehabt, bekennt Termeer: „Es war mir zeitlebens unmöglich, in diesen Erklärern des mit dem Verstand nicht Fassbaren, diesen offiziellen Wahrheitsverkündern und Trostverabreichern etwas anderes zu sehen als herrschsüchtige Tölpel und Betrüger.“

Im Jahre 1906 erschien Rhea Sternbergs erste Übersetzung des in den Niederlanden berühmten Romans unter dem Titel „Bekenntnisse eines Dekadenten“, was ganz dem Zeitgeschmack entsprach. Im Zuge des diesjährigen Buchmessenschwerpunkts Niederlande und Flandern wurden dankenswerterweise auch einige Klassiker der niederländischen und flämischen Literatur neu ins Deutsche übersetzt, darunter Marcellus Emants. Er gilt als bedeutendster Naturalist unseres Nachbarlandes, selbst wenn er sich nie einer Gruppe zugehörig fühlte und am ehesten Turgenjews Seelenskizzen bewunderte, denen er in seinen Dramen und Romanen gehörige prä-existenzialistische Schwärze zusetzte.

Natur und Interieur nihilistisch gedeutet

1848 als Sohn eines wohlhabenden Richters in Den Haag geboren, brach Emants das Jurastudium nach dem Tod seines Vaters ab, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Er war dreimal verheiratet, zuletzt sehr unglücklich, und zog nach dem Ersten Weltkrieg in die Schweiz. 1923 starb er in Baden im Kanton Aargau.

Die Schweiz spielt auch in „Ein nachgelassenes Bekenntnis“ eine dramaturgisch wichtige Rolle: Vor erhebender Alpenkulisse und wie berauscht durch die Höhenluft glaubt Willem Termeer, kurz vor der Eroberung einer jungen Schwedin zu stehen und muss dann miterleben, wie er von einer Gruppe großspuriger Amerikaner ausgebootet wird. Überstürzt kehrt er nach diesem Gesichtsverlust in die Heimat zurück, und so rasant wie die Höhenmeter von den Alpen bis zur Nordsee abfallen, sinkt seine Stimmung.

Meisterlich spiegelt Emants die Verfassung seines nihilistischen Helden in den Einrichtungsstilen verschiedener Interieurs oder in der Natur: „Selbst aus der schwarzen, aufgeweichten Erde dampfte Melancholie empor, durchdrang die Pflanzen, deren zartes grünes Seelenleben sich furchtsam aus der gleichgültigen grauen Rinde schälte.“

Moderne Übersetzung, Nachwort von J. M. Coetzee

Gregor Seferens’ Übersetzung überführt den Roman in all seiner nervlichen Feinverästelung in ein modernes Deutsch, obwohl er es gelegentlich mit der Rasanz übertreibt, etwa wenn von Termeers Angstvisionen die Rede ist, „die raketengleich immerzu durch mein dunkles Hirn flitzen“. Oder sind hier statt Raumfahrtgeschossen Silvesterraketen gemeint, die es wohl schon 1894 gab?

Zusätzlichen Glanz erhält die Neuentdeckung dieses schwarzen Diamanten der niederländischen Literatur durch das Nachwort von J. M. Coetzee, der ihn auch ins Englische übertrug. Er stellt die These auf, wonach erst das Scheitern von Termeers schriftstellerischen Versuchen diesen zum Mörder mache: „Da die Offenbarung seines Innersten, ganz gleich wie bizarr und verdorben dieses sein mag, ihm keine Anerkennung einbringen kann, muss er etwas außerhalb seiner Selbst erschaffen und es der Welt zeigen, um Substanz zu gewinnen.“

Originellerweise lässt Marcellus Emants seinen Helden Termeer und dessen Frau einer Aufführung seines eigenen, 1895 veröffentlichten Theaterstücks „Artist“ beiwohnen. So kommentiert die Romanfigur ihren Schöpfer wie ein Meister der Misanthropie: „Ein Stück, das Anna abscheulich fand, das bei mir aber aufgrund der vielen Gemeinsamkeiten zwischen dem Künstler und mir einen tiefen Eindruck hinterließ. Auch Emants hatte unter einer künstlerischen Sensibilität gelitten, die nicht durch tüchtige Arbeitskraft gelenkt und fruchtbar gemacht wurde.“

Marcellus Emants: Ein nachgelassenes Bekenntnis. Roman. Aus dem Niederländischen v. Gregor Seferens. Nachwort J.M. Coetzee. Manesse, Zürich/München 2016. 312 Seiten, 26,95 €.

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