Marine Le Pen und die französischen Rechten : Des Teufels Generalin

Kranker Nachbar Frankreich: Marine Le Pen hat den Rechtsextremismus gesellschaftsfähig gemacht - und die Angst geht um in unserem Nachbarland.

Benjamin Korn
Sie verteidigt jede der rassistischen Äußerungen ihres Vaters: Marine Le Pen.
Sie verteidigt jede der rassistischen Äußerungen ihres Vaters: Marine Le Pen.Foto: dpa

Die Angst geht um in Frankreich. Von einem Erdbeben, einem Tsunami, einem Vulkanausbruch schrieben die Zeitungen nach der Europawahl. Wie konnte es sein, dass im Lande der Menschenrechte, in dem seit 200 Jahren über jedem Rathaus die Worte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ eingemeißelt sind, der Front National des Demagogen Jean-Marie Le Pen, der „die Ungleichheit der Rassen“ propagiert, 25 Prozent der französischen Wähler auf seine Seite gezogen hat? Wie konnte es sein, dass seine Tochter Marine Le Pen, eine Todfeindin der Europäischen Union, über Nacht zu einem Star der Medien wurde? Was ist mit Frankreich los? Und wieso will die Tochter die von ihrem Vater gegründete Partei „dediabolisieren“, was doch heißt: den Teufel austreiben?

Unterdessen ist Jean-Marie Le Pen weit davon entfernt, vertrieben zu werden, er ist Ehrenpräsident der Partei, und seine Tochter verteidigt jeden seiner rassistischen Ausfälle. Seine jüngst aus Marseille überlieferte Bemerkung, „Monsignore Ebola“ könne „das Problem der Überbevölkerung Afrikas in drei Monaten regeln“, wurde von ihr als „Sorge“ um die Afrikaner gedeutet. Sorge? Zynismus pur. Und seine vor einer Woche an den jüdischen Sänger Patrick Bruel gerichtete Drohung, aus ihm „eine Ofenladung zu machen“, nannte sie „missinterpretiert“ – und „politisch falsch“. Nicht „moralisch“ falsch wohlgemerkt. Der Alte hatte schon die Gaskammern höhnisch „ein Detail des Zweiten Weltkriegs“ genannt. Er war rechtskräftig verurteilt worden, aber andererseits muss er dafür sorgen, dass der harte Kern des FN, für den seine taktisch agierende Tochter zu lau ist, bei der Stange bleibt.

Ein Geschwader von Teufeln

Es gäbe in der Tat, den Front National betreffend, ein Geschwader von Teufeln zu exorzieren. Unter den ersten Mitgliedern der von Jean-Marie Le Pen mitgegründeten Partei befanden sich Offiziere der französischen SS-Division Charlemagne, Veteranen der berüchtigten Milice, einer Hilfsorganisation der Gestapo, die sich bei der Judenverfolgung und der Ermordung von Partisanen hervorgetan hatte, sowie der OAS (Organisation armée secrète), einer politisch-militärischen Terrororganisation, die in Frankreich und Nordafrika Politiker, Journalisten und sonstige Befürworter der Dekolonisierung Algeriens ermordete.

Der Front National war bei seiner Gründung am 12. Oktober 1972 eine Versammlung von Fememördern und faschistischen Gangstern. Und dieser Vereinigung verpassten die Gründungsmitglieder den Namen einer militärischen Kampforganisation: Front National – Nationale Front! Eine Kriegserklärung! Marine Le Pen versuchte, ein freundlicheres Wort zu finden, sie nannte die Bewegung während der Präsidentenwahlen 2012 „Bleu Marine“ – Marineblau, um den Rußgeruch des alten Namens auszutreiben. Aber der Vater, der seiner Tochter nach vierzig Jahren Alleinherrschaft am 15. Januar 2011 das Zepter in die Hand gab und die rechtsextremistische Partei quasi in eine Erbmonarchie verwandelte, widersetzte sich hartnäckig jedem Versuch, den Taufnamen seiner Partei zu modifizieren.

Marine Le Pen hegt grenzenlose Bewunderung für Wladimir Putin

Eine Institution wird so nachhaltig von den Spuren ihrer Geburt geprägt, dass sie sich schwerlich davon erholt. Im Falle des FN ist die politische und familiäre Belastung so groß, dass man sich nicht wundert, wenn Marine Le Pen, wird sie von Journalisten ein wenig in die Enge getrieben, sofort ins antikommunistische und rassistische Wahnsystem ihres Vaters ausbüxt. „99 Prozent der französischen Journalisten sind links“, wagte sie den „Spiegel“-Reportern zu sagen, die auf so viel Frechheit keine Antwort wussten, und in „Cicero“ behauptete sie, wer aus dem Pariser Viertel Barbès lebend zurückkomme, könne von Glück reden. Barbès ist eines der belebtesten und sympathischsten Viertel von Paris, in dem sehr viele Afrikaner und Araber leben, von denen sie sich in ihrer Luxusvilla von Saint-Cloud offenbar bedroht fühlt. Auch hegt sie eine grenzenlose Bewunderung für Wladimir Putin, der „genau wie wir die Werte der europäischen Zivilisation und die Erbschaft des Christentums“ verteidige, sagte sie dem „Kurier“. Die Nächstenliebe wird sie damit kaum gemeint haben.

Ihr Programm „Les Français d’abord“ („Franzosen zuerst“) solle weder als rassistisch noch als xenophob verstanden werden, da sie „gegen die Immigration als solche und nicht gegen den Immigranten als Person“ kämpfe. Die Forderungen: drastische Reduzierung der Einwanderungsquote von 200 000 auf 10 000 Immigranten im Jahr; sofortiger Stopp der Familienzusammenführungen (völkerrechtswidrig!); Kündigung der Vereinbarungen von Schengen und Ende der freien Zirkulation in Europa; Bevorzugung der französischen Staatsbürger bei der Zuteilung von Wohnungen sowie bei der Berufswahl, es sei denn, das Unternehmen könne zweifelsfrei beweisen, dass der Ausländer qualifizierter sei – kurz: eine mildere Ausgabe der Nürnberger Gesetze, so dass sich die Frage nach dem ideologischen Bruch mit dem Vater erübrigt. Sie denken ähnlich, aber reden mit verschiedenen Zungen.

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